Das Untertan-Projekt: Diederich lernt, was wirklich auf der Seele lastet

Für alle LeserUnd Diederich hat richtig gefühlt. Das überrascht ihn selbst, dass er auf einmal so viele Gefühle für seine widerborstige Schwester Emmi an den Tag legt. Und dass er auch in Aktion gerät und ihm das gar nicht mehr egal ist, denn Emmi scheint tatsächlich zu leiden darunter, dass der schneidige Leutnant von Brietzen sie jetzt ignoriert. Dabei hat Diederich ja ganz andere Probleme: Er ist erpressbar geworden.
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Und im Stadtrat erlebt er seine erste Niederlage. Seine Stimme hat er noch nicht wirklich wieder, da beantragen ausgerechnet die Freisinnigen den Bau eines Gewerkschaftshauses in Netzig. Da machen die Sozialdemokraten mit Napoleon Fischer also kurzerhand Nägel mit Köpfen – und Diederich kann nichts tun. Auch wenn er seinen Maschinenmeister am nächsten Tag ins Büro bestellt und ihn – mal wieder – feuern will.

„Schön“, sagt der nur und will gehen. Denn durch all die faulen Deals hat er Diederich in der Hand. Und als Diederich gar damit droht, die faulen Absprachen bekanntzumachen, erklärt Fischer seinem Chef erst einmal, wie Politik funktioniert.

Das wäre sicher auch für unsere heutigen Naiven ein Lehrstück. Leider. Deswegen ist ja so vieles „Geheim!“ und „Top Secret!“

Vorn auf der Bühne wird gelärmt, aber hinter den Kulissen trifft man Absprachen und macht Versprechungen. Manchmal den Falschen. Und die falschen.

„Wenn einer von uns anfängt zu reden, wo hört dann der andere auf! Hab ich recht, Herr Doktor? Aber wir sind doch keine alten Seichtbeutel, die immer gleich mit allem herausmüssen, wie zum Beispiel der Herr Buck.“

Dabei ist gerade Buck es, der vor aller Augen handelt und mit allen redet. Das wird ihm hier sichtlich negativ angekreidet. Nicht nur von Fischer. Auch Diederich wütet innerlichst gehen den alten Mann, der seine Art des Politikmachens als ein Mit-allen-Reden begreift. Das sieht wirklich wie „old school“ aus in so einer Zeit, in der selbst der Kaiser öffentlich feindliche Fronten aufmacht.

Die Radikalisierung der deutschen Politik hat viel früher begonnen als in der Weimarer Republik.

Man stutzt. Und fragt sich, warum Diederich das nicht sieht. Aber wir sehen es ja heute auch nicht. Es ist ja allerschönstes Theater, wenn sich die politischen Akteure auf offener Bühne prügeln, sich bis zum Gehtnichtmehr verfeinden und schon vor der Wahl erklären, mit wem sie hinterher garantiert niemals koalieren werden. Die SPD hat das Spiel ja immer mitgespielt.

Aber wenn es drinnen ans Buffet geht, sind alle wieder nett zueinander. Das große Gekloppe ist nur Theater. Ein Theater mit Folgen. Denn wenn sich vorn auf der Bühne die Helden prügeln, werden in verräucherten Hinterzimmern lauter Deals gemacht, bei denen alle allen irgendetwas versprechen – am Ende sieht keiner mehr durch.

Diederich jedenfalls sieht nicht wirklich mehr durch, lässt sich selbst von Napoleon Fischer an der Nase herumführen und sieht nun die ganze Schuld an der Mauschelei ausgerechnet bei Buck. Noch nach einer schlaflosen Nacht wütet Diederich innerlich gegen Buck: „Die heuchlerische Milde, mit der er es getan hatte, als verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes! Wozu hatte er ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung gebracht? Nur damit Diederich sich Blößen gebe und leichter zu fassen sei.“

Diederich vermeint Buck nun gar mit von Wulckow unter einer Decke zu sehen.

Genug Stoff zum Mutmaßen, wäre da nicht das Drama um Emmi, von dem er schon mehr mitgekriegt hat, als Emmi vermuten kann. Denn jetzt eskaliert es, weil die sonst so selbstbewusste Emmi verzweifelt und sich etwas anzutun versucht. Da muss Diederich schon gewaltsam durch die Tür und seine Schwester zur Rede stellen. Natürlich erst mal auf die falsche Art, die er sich eingeübt hat bei seinen Neuteutonen. Seine Ehre sei ja wohl in Gefahr, wenn Emmi sich etwas antut.

Wenig später redet er gar noch von „Schande über die ganze Familie“.

Was für eine Schmierenkomödie. Er ist ganz Rolle. Aber tatsächlich ist sein Gewissen wach, auch wenn es sich erst zu Wort meldet, nachdem er seine Frauen alle mit patriarchalischer Geste ins Bett geschickt hat. Er möchte dem verantwortungslosen Leutnant nur zu gern mit einem schneidigen Auftritt imponieren.

„Aber anstatt seiner eigenen, schneidigen Gestalt erschien vor Diederichs Geist immer wieder ein gedrungener Mann mit blanken bekümmerten Augen, der bat, aufbrauste und ganz zusammenbrach: Herr Göppel, Agnes Göppels Vater. Jetzt verstand Diederich in banger Seele, wie damals dem Vater zumute gewesen war. ‚Du kennst das nicht‘, meinte Emmi. Er kannte es – weil er es selbst zugefügt hatte.“

Den Gang zum Herrn Leutnant hat er noch vor sich. Aber es ist offenkundig, wie schwer es ihm fällt, immer wieder die erwartete Rolle auszufüllen. Er möchte nur zu gern schneidig auftreten und rabiat radikal sein. Aber eigentlich ist er dazu nicht gemacht.

Keiner ist dazu gemacht. Aber manche lassen sich dazu machen.

Jetzt ist Diederich in der Rolle, die damals der alte Göppel hatte. Und eigentlich weiß er auch, dass er dabei genauso hilflos ist.

Soviel zu den harten Kerlen mit ihren Prinzipien.

Wir blättern um.

Das „Untertan-Projekt“.

Untertan-Projekt
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