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Wie das Licht nach Leipzig kam. Die ganze Geschichte, Teil 2

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    Bereits 1695, also just in jenem Jahr, in dem August II. in Dresden das Reithaus in ein ganz neues Licht tauchen ließ, hatte die Leipziger Kaufmannschaft den Wunsch nach einer verbesserten Straßenbeleuchtung geäußert und dabei ebenfalls auf das Vorbild anderer Städte verwiesen, in deren Liga man sich zweifellos sah. In dem entsprechenden Bittgesuch heißt es, dass „an gewissen Orthen der Stadt, wie in Wien, Hamburg, Berlin und andern Orthen gebräuchlich, beständig-brennende Nacht-Laternen gehalten und die Straßen hierdurch beleuchtet werden möchten.“

    Der Verweis auf andere Städte ist sorgsam gewählt. Die Kaufleute wissen, dass sich August in jedweder Hinsicht als eine der größten europäischen Leuchten betrachtet. Im Mai 1695 hatte er sich anlässlich seines 25. Geburtstages von einer halben Hundertschaft Huldigungsdichter Hochlebe-Oden schreiben lassen. In einer heißt es: „Paris, Madrid, Rom, Lissabon bekennen, daß Friderich August Europens Licht zu nennen.“Neben dem Wunsch, in Beleuchtungsfragen auf einer Stufe mit den großen Metropolen Europas zu stehen, verweisen die Leipziger Kaufleute aber auch auf die Kriminalität in der Stadt. Sie werde, so sagen sie, durch eine nächtliche Straßenbeleuchtung sinken.

    Der fiskalisch konservativ denkende Leipziger Stadtrat ist davon nicht überzeugt und lehnt das Ansinnen der Kaufleute ab. Zumindest fürs Erste, denn sechs Jahre später greift es der neue Bürgermeister Franz Conrad Romanus wieder auf.

    Auftritt Romanus

    Romanus, 1671 in Leipzig geboren, stammt aus einer alteingesessenen Juristenfamilie. Da er seiner Mutter „das Leben gekostet“ hat, verheiratet sich sein Vater neu, diesmal mit der Tochter eines wohlhabenden Kaufmannes. (Romanus tut es später seinem Vater gleich und setzt noch einen drauf, indem er die Nichte seiner eigenen Stiefmutter ehelicht.)

    Im Alter von zarten 15 Jahren beginnt Romanus – auch hierin seinem Vater folgend – in Leipzig mit dem Jurastudium, verbringt einige Zeit an einem Appellationsgericht und wird schließlich Rechtsanwalt. Parallel dazu knüpft er schon früh Kontakte nach Dresden, vor allem zu Wolf Dietrich Graf von Beichlingen, der unter Kurfürst Friedrich August I. Großkanzler und Oberhofmarschall ist. (Beide werden sich später auf der Festung Königstein als Gefangene wiedersehen.)

    Zunächst aber läuft alles gut, und zwar so gut, dass der Kurfürst Romanus als neuen Bürgermeister Leipzigs vorschlägt, um nicht zu sagen: die Wahl von Romanus befiehlt.

    Dass für eine solche Wahl die Mitgliedschaft im Ratskollegium Voraussetzung ist und Romanus eine solche nicht vorweisen kann, ist dabei völlig egal. Es ist zu diesem Zeitpunkt schon längst kein Geheimnis mehr, dass der Leipziger Rat unter dem Einfluss des Dresdner Hofes steht, auch wenn sich die Leipziger Ratsmänner lautstark beschweren, auf ihre Autonomie pochen und Aufklärung fordern.

    Doch hinter der Fassade formaler Selbstbestimmung verbirgt sich – wie so oft – faktische Abhängigkeit. Schon seit den 1690er Jahren, und damit lange vor Romanus‘ Wahl, haben der Kurfürst und andere Würdenträger aus Dresden die Zusammensetzung des Leipziger Ratskollegiums in ihrem Sinne verändert, und zwar durch Wahlempfehlungen, die in Wahrheit nichts anderes als Wahlverpflichtungen sind.

    Das erzwungene Votum für Romanus ist letztlich nur das sichtbarste Beispiel dieses Vor- oder sagen wir besser Vergehens und zugleich jenes, das in Leipzig die deutlichsten Spuren hinterlassen hat, sei es in der Architektur oder bei der Straßenbeleuchtung (die freilich auch eine Form von Architektur ist und den Stadtraum mehr prägt als alle geschichtsträchtigen Häuser zusammen.)

    Geld für den Kurfürsten

    Aber wie dem auch sei, fest steht, dass Romanus am 22. August 1701 zum Bürgermeister der Stadt Leipzig ernannt wird, was zugleich klarmacht, dass Augusts Laternen-Dekret vom 19. September einer gewissen(haften) Vorbereitung bedurfte, die es dann auch erhielt.

    Die Frage einer neuen Straßenbeleuchtung spielt bei Romanus‘ Installation allerdings nicht die entscheidende Rolle, vielmehr geht es August darum, Leipzig in seinem Sinne zu verändern und mehr Kontrolle über die Steuern und Abgaben zu bekommen, schließlich bringt keine Stadt in Sachsen zu diesem Zeitpunkt mehr Geld ein als Leipzig – und der kostspielige Hof in Dresden will finanziert sein.

    Am 29. August 1701 tritt Romanus sein Amt an und verspricht dem Ratskollegium, dass ihr Widerstand gegen ihn „ins Meer der Vergessenheit geworfen sein möchte“. Sein Versuch, Schönwetter zu machen, ist auch dringend nötig, denn mit seinen dreißig Jahren ist Romanus nicht nur sehr jung in einem Kollegium, das im Schnitt weit über fünfzig ist und für gewöhnlich den Ältesten unter sich zum Bürgermeister wählt.

    Romanus ist auch sonst ein Novize, schließlich verfügt er über keinerlei Erfahrungen im Verwalten und Führen einer Stadt. Noch dazu einer, die zu diesem Zeitpunkt rund 20.000 Einwohner zählt und deren Bevölkerung jedes Jahr um 6 % wächst. Romanus‘ Aufgabe ist deshalb ebenso klar wie kompliziert: Er muss Augusts Kassen füllen und helfen, den Hof in Dresden zu finanzieren, ohne dabei den Leipziger Rat zu verprellen und die Einwohner über Gebühr zu belasten.

    Die Ratsherren werden mit einer Verdoppelung ihrer jährlichen Besoldung zufriedengestellt. Die Bevölkerung versucht Romanus dagegen, mit den von August vorgeschlagenen Modernisierungsmaßnahmen für sich zu gewinnen, auch wenn einige nicht sonderlich populär sind und von einem etwas herablassenden Blick künden, der von Dresden aus gen Leipzig geworfen wird. Aber sowas hat Tradition und hilft der eigenen Identitätsbildung – und hätten die Leipziger nicht Dresden, sie müssten’s erfinden.

    Sänften, Kanalisation, Licht

    Geschenkt. Die neue Straßenbeleuchtung ist jedenfalls nur ein Teil des allgemeinen Reform- und Umbauprogrammes. Auch der Bau einer Kanalisation und die Einrichtung eines Sänftenverkehrs gehören dazu, ebenso wie die von August geforderte Verbesserung der Kirchenmusik.

    Gerade letzteres war, wie Quellensammlungen und Briefe belegen, durchaus vonnöten, auch wenn dem gemeinen Leipziger, dem ob der musikalischen Tradition seiner Stadt die Brust wie ein Blasebalg schwillt, eine derartige Kritik aus Dresden nicht gefallen haben dürfte.

    Aber damit der kurfürstlichen Forderungen noch nicht genug. Es soll auch „bessere Ordnung in der Polizei gehalten“ und die Kaffeehäuser aus den dunklen Ecken der Stadt „an privilegierte Örter“ verlegt werden. Man will offenbar sicherstellen, dass sich die Hitzköpfe nicht mehr bei einem Schälchen Heeßen die Köpfe einschlagen, und falls doch, dass die Gendarmen das besser sehen. Außerdem soll „das Vogel- und Büchsenschießen nicht vernachlässigt, sondern die Bürgerschaft fleißig darin geübt werden.“

    Und während die Leipziger noch überlegen, womit sie anfangen sollen, widmet sich Romanus mit aller Kraft (und ein klein wenig krimineller Energie) dem Aufbau der Straßenbeleuchtung.

    Von allen geplanten Vorhaben wird dieses dann auch am schnellsten umgesetzt, wobei Romanus ein Tempo vorlegt, das selbst für eine Zeit, die von Verwaltungsvorschriften, Regulierungsrichtlinien, Gutachten und Gegengutachten nichts weiß, nur erstaunlich genannt werden kann. Zwischen dem kurfürstlichen Dekret und der Inbetriebnahme der Laternen vergehen gerade mal 96 Tage.

    Was freilich auch daran liegt, dass die Arbeit aufgeteilt wird. Während der Leipziger Stadtrat mit der Gilde der Blechschmiede die Anfertigung von 478 Laternen vereinbart und damit die Ressourcen des lokalen „Klippererhandwerks“ und seiner sieben Meister vollständig ausreizt, lässt Romanus weitere 222 Laternen in Dresden herstellen.

    15 Laternen in „Amsterdamer Stil“

    Die Finanzierungsmodalitäten regelt – natürlich – Romanus persönlich und wickelt den Verkauf der in Elbflorenz produzierten Laternen über das Bankhaus Brinck und Bodisch an, das mehr oder weniger in seiner Hand ist und ihm gern Kredite gewährt. (Zumindest so lange er Bürgermeister und ein Mann von Augusts Gnaden ist und noch nicht als Häftling auf der Festung Königstein sitzt.)

    Insgesamt werden exakt 700 Laternen für Leipzig gemacht, darunter 15 im sogenannten „Amsterdamer Stil“. Sie spenden mehr Licht und verrußen auch nicht so schnell.

    Die „Amsterdamer Laternen“ waren bereits in den 1660er Jahren durch den Maler und Erfinder Jan van der Heyden entwickelt und 1669 in Amsterdam installiert worden, was der Stadt nicht nur eine bessere Beleuchtung als Paris, sondern auch die Bewunderung vieler Besucher und auswärtiger Fürsten einbrachte, die daraufhin die Laternen in ihren Städten zu installieren begannen.

    In den niederländischen Städten geschah das unter persönlicher Aufsicht van der Heydens, in Berlin, Leipzig und anderen Metropolen dagegen ohne ihn – und offenbar auch ohne sein Wissen.

    Im Grunde klassische Produktpiraterie. Damals aber ist das völlig normal. Die kriminelle Energie wächst mit der geografischen Distanz zum Betroffenen – und im gleichen Maße sinkt auch das Unrechtsbewusstsein. (Eine ebenso fiese wie fulminante Funktion, die in vielerlei Hinsicht auch heute noch wirksam ist und deren generelle Ausbreitung und Wirksamkeit eine eigene Untersuchung verdiente.)

    Aber gut, bleiben wir bei der Straßenbeleuchtung, denn da ist die Sache klar: In Leipzig bekommen die Blechschmiede einfach ein Modell der Amsterdamer Laterne vorgelegt, und schon wird fröhlich drauflosgezimmert.

    Um pünktlich zu Weihnachten fertig zu sein, beginnt die Installation der 700 Laternen bereits am 8. November. Im Abstand von zehn Metern werden die Laternen „auf Pfählen oder an den Häusern befestigt“. Ein Problem aber muss noch gelöst werden, und das ist die Frage der Finanzierung. Und da wird es erneut kriminell …

    Zum ersten Teil der Geschichte.

    Den dritten Teil der Geschichte lesen Sie am 26. Dezember an dieser Stelle.

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