Kirchenbauwerke gehören in Mitteldeutschland zu fast jedem Ort. Im Alltag sind sie bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke, sie haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielfältige Bedeutung. Doch die Zukunft vieler Kirchen ist bedroht: Dutzende von ihnen haben ihre Funktion verloren, einige sind bereits spurlos aus dem Ortsbild verschwunden. Zeit zur Erinnerung an verschwundene Kirchen – und was mit ihnen unwiderruflich verloren gegangen ist.

Die Andreaskirche war das im Zweiten Weltkrieg beschädigte und 1958 gesprengte Gotteshaus der evangelisch-lutherischen Andreas-Kirchgemeinde in der Südvorstadt Leipzig.

Grundlage für die Parzellierung von Leipzigs Südvorstadt war der Allgemeine Bebauungsplan für die Südseite der Stadt von 1864. Darin wurde in Höhe des ehemaligen Turnfestgeländes von 1863 ein sogenannter Schmuckplatz beidseits der Südstraße (heute: Karl-Liebknecht-Straße) geplant. Auf dessen östlichem Teil wurde die Kirche gebaut und erhielt 1931 den Namen Alexis-Schumann-Platz – nach dem ersten Pfarrer jener Andreasgemeinde. Der Platz wurde begrenzt von der Scharnhorststraße, der Andreasstraße und der Hardenbergstraße, die Anschrift heute lautet Karl-Liebknecht-Straße 111.

Die Evangelisch-Lutherische Andreaskirchgemeinde entstand 1890 als Tochtergemeinde der Peterskirche im Leipziger Süden. Sie hatte bereits im ersten Jahr rund 20.000 Gemeindeglieder (heute etwa 2.000). Für ihre Gottesdienste nutzte sie zunächst Räume in der 8. Bezirksschule und dann ein provisorisches Kirchengebäude (Notkirche) an der Ecke Kaiser-Wilhelm-Straße (heute August-Bebel-Straße) / Scharnhorststraße, das 1894 abgebrochen wurde.

1890 gab es einen auf Architekten aus Leipzig beschränkten Wettbewerb für den Neubau einer Kirche. Die vier besten Entwürfe wurden überarbeitet, damit sie im Kostenrahmen von 250.000 Mark blieben. Schließlich entschied sich die Kirchgemeinde für den Entwurf von Georg Weidenbach.

Nach zweijähriger Bauzeit wurde die Kirche am 1. Adventsonntag 1893 (3. Dezember) dem Apostel Andreas geweiht. Auf dem Grundstück Scharnhorststraße 21 entstand das Pfarrhaus.

Die Andreaskirche, ein im neogotischen Stil errichteter Ziegelbau, war geostet (also mit dem Altar nach Osten ausgerichtet), der Kirchturm zeigte zur Südstraße. Die Fassaden waren mit roten Verblendern aus den Siegersdorfer Werken in Siegersdorf (Kreis Bunzlau in Niederschlesien) belegt und mit Gliederungs-Elementen aus Wehlener Sandstein geschmückt.

Über dem Grundriss eines massiven lateinischen Kreuzes erhoben sich ein dreijochiges Langhaus, ein breites Querschiff und ein Chor mit einem 3/6-Schluss. In der Kirche fanden etwa 1.100 Besucher Platz. Sie hatte eine Orgel der Werkstatt Sauer aus Frankfurt an der Oder, diese wurde 1940 von der Bautzner Werkstatt Eule umdisponiert. Der Chor war außen von verschiedenen Nutzbauten umgeben. Über den Spitzbogenfenstern waren jeweils Rosetten angeordnet, die an den Querschiff-Giebeln besonders groß waren.

Einstiger Standort der Andreaskirche: der Alexis-Schumann-Platz. Foto: Ralf Julke

Der Hauptturm hatte einen querrechteckigen Grundriss und wurde von zwei etwa Firsthöhe erreichenden Treppentürmen flankiert. Der von einem sehr steilen, spitzen Zeltdach gedeckte Turm besaß vier Schmuckgiebel, wobei sich über dem nördlichen und dem südlichen noch Ziertürmchen befanden. Über der Vierung saß ein Dachreiter, und am Chor gab es zwei weitere kleine Türme.

Die Kirche stand etwas über Straßenniveau, sodass eine kurze breite Freitreppe zum doppelten Eingangsportal hinaufführte.

1936 entstand nach Entwurf des Leipziger Architekten Georg Stauch auf dem Grundstück Scharnhorststraße 29–31 das zweigeschossige Gemeindehaus.

Am 4. Dezember 1943 und am 20. Februar 1944 wurde die Andreaskirche bei den Luftangriffen auf Leipzig von Spreng- und Brandbomben stark beschädigt. Das südliche Querschiff und sämtliche filigranen Rosettenfenster wurden zerstört, 1955 wurde das Turmgeschoss provisorisch wiederhergerichtet.

Die Kirche diente Generationen regelmäßig zur Andacht sowie zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten als Stätte festlicher Begegnung. Sie war vertrauter, heimatlicher Treffpunkt für Taufe und Konfirmation, für Trauung, Silberne und Goldene Hochzeit wie auch für den Heimgang Hunderter Bürger. Sie war Ort der Gemeinsamkeit für Andacht und Hoffnung, für Zuversicht und Freude, für Trauer und Leid.

Wie wohl jede andere Kirchgemeinde mit demselben Schicksal wünschten sich die Christen dort ein Wiedererstehen ihrer Kirche. Es blieb ein frommer Wunsch: Im September 1958 wurde die gesamte Ruine gesprengt und nach Abtragung der Trümmer auf dem Platz eine Grünanlage angelegt, er blieb seitdem unbebaut.

Der Turm der Andreaskirche bildete einst eine bauliche Dominante der Südvorstadt. Quasi als „Ersatz“ wurde 1964 an der benachbarten Straßenecke (Scharnhorststraße/Karl-Liebknecht-Straße) ein zwölfgeschossiges Hochhaus errichtet.

Die Gottesdienste der Andreasgemeinde fanden nach der Zerstörung der Kirche im Saal des Gemeindehauses statt, den 1949 die Architektin Lieselotte Hering zum Sakralraum umgestaltete. Neben dem Gemeindehaus wurde ein kleiner, freistehender Glockenturm errichtet. Bis 2005 diente das Gemeindehaus als Kirche.

Nach der Expo 2000 in Hannover gab es in Leipzig Bestrebungen, den dortigen als Wal gestalteten Pavillon der Hoffnung („Expo-Wal“) auf den einstigen Platz der Andreaskirche zu überführen; diese schlugen fehl.

Daraufhin kaufte der Verein „Pavillon der Hoffnung in Leipzig e. V. – Förderverein Ökumenisches Zentrum“ 2008 die Halle 14 auf Leipzigs Altem Messegelände, ursprünglich 1985 als Messehalle für den VEB Carl Zeiss Jena erbaut. Er nutzt sie seitdem als „Pavillon der Hoffnung“, wo auch die Gottesdienste der Andreasgemeinde stattfinden.

Die Messehalle 14 im September 1986. Foto: Jürgen Ludwig (ADN), Bundesarchiv Bild 183-1986-0902-105, CC-BY-SA 3.0,  Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1986-0902-105,_Leipzig,_Herbstmesse,_Halle_14,_VEB_Carl_Zeiss_Jena.jpg
Die Messehalle 14 im September 1986. Foto: Jürgen Ludwig (ADN), Bundesarchiv Bild 183-1986-0902-105, CC-BY-SA 3.0, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki

Die Andreasgemeinde gehört als charismatische Profilgemeinde innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens zur Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der evangelischen Kirche. Diese versteht sich als geistliche Strömung in den Landeskirchen und zählt zur weltweiten charismatischen Bewegung, einer konfessionsübergreifenden kirchlichen Entwicklung, die in den 1960er Jahren ihren Anfang nahm.

Koordinaten: 51° 19′ 8,7″ N, 12° 22′ 26,6″ O

Quellen und Links:
https://de.wikipedia.org/wiki/Andreaskirche_(Leipzig)
https://www.andreasgemeinde.org/ueber-uns/geschichte.html
http://www.leipzig-lexikon.de/KIRCHEN/andreas.htm
https://www.kirche-leipzig.de/gemeinde/andreaskirchgemeinde-suedvorstadt/

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar