Die Nikolaikirche Leipzig und die Thomaskirche Leipzig sind weithin bekannt. Darüber hinaus gibt es über so manche Kirche Wissenswertes und Überraschendes zu berichten. Heute im Porträt: die Kirche St. Martin in Leipzig-Grünau. Lange Zeit durfte in der DDR in keinem Neubaugebiet eine kirchliche Einrichtung gebaut werden. Es waren ja „sozialistische Stadtviertel“, so jedenfalls der Anspruch. Da hatten Kirchen nichts zu suchen.

Doch das änderte sich zu Beginn der 1980er Jahre: In Leipzigs großflächiger Plattenbau-Siedlung Grünau entstand zunächst 1983 die evangelische Pauluskirche, im selben Jahr begann der Bau der katholischen Kirche.
St. Martin ist die römisch-katholische Kirche in Leipzigs Stadtteil Grünau. Sie gehört zu den neuerrichteten Kirchenbauten in der DDR, wurde 1985 geweiht und war – nach der Propsteikirche St. Trinitatis von 1982– der zweite katholische Kirchen-Neubau zur DDR-Zeit in Leipzig.

Der kalkulierte Sinneswandel der DDR-Spitze

Wie kam es zu diesem staatspolitischen Sinneswandel? Es ging der DDR-Führung schlicht gesagt um Geld, um viel Geld. Um genau zu sein: Es ging um D-Mark in Millionenhöhe. Das vom Ministerrat der DDR geplante Valuta-Sonderbauprogramm „Kirchen für neue Städte“ eröffnete in den 1980er Jahren in begrenztem Umfang die Möglichkeit dezent gestalteter Kirchenbauten in der DDR. Das katholische Gotteshaus in Grünau wurde vom katholischen Bonifatiuswerk Paderborn finanziert – also in harter „West-Mark“ bezahlt.

Mit ihrer Architektur bezieht sich der Sakralbau auf das biblische „Zelt Gottes unter den Menschen“: Er ist die Versinnbildlichung der Grundidee eines Zeltes für das wandernde Gottesvolk, angelehnt an Worte aus Jeremia 35. Zugleich orientiert er sich mit dem zentralisierenden Grundriss an der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Unter einem Dach vereint sind Kirche und Gemeindezentrum mit vielfältigen Versammlungs-Möglichkeiten, Büros und Wohnungen für die Mitarbeiter. Das Gotteshaus hat Platz für 350 Menschen.

Kirche St. Martin in Grünau. Foto: Joeb07, CC BY 3.0, Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6803827
Kirche St. Martin in Grünau. Foto: Joeb07, CC BY 3.0, Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6803827

Projektiert wurde es von der Außenstelle der Bauakademie der DDR in Dresden unter Leitung der Architekten Manfred Fasold und Dieter Hantzsche. Mit seinem an einer Gebäudeecke steil ansteigenden Dach wirkt es durchaus erhaben-monumental.

Signalwirkung in der späten DDR

Laut Konzept ordnen sich dem zentral angeordneten Kirchenraum die anderen Räume funktional und architektonisch unter. Im Kirchensaal ist alles auf den von senkrechten Lichtbändern gerahmten Altarbereich ausgerichtet und bewirkt eine sakrale Ausstrahlung. Der Putzbau hat schmale Rechteckfenster.

Seitlich befinden sich Bereiche für Chor und Orgel sowie die Werktagskapelle. Das große Foyer bietet Platz für Ausstellungen und verbindet den Saal mit den Gemeinde-, Gruppen- und Wohnräumen.

Funktional ein Gemeindezentrum, war die Pfarrkirche St. Martin in Leipzig 1985 der erste Schritt der katholischen Kirche wieder in Richtung städtebaulich selbstbewusst-dominanter Sakralbauten.

Es gibt kein eigenes Glockengeläut: Für die katholische Kirchgemeinde läuten in gelebter Ökumene die Glocken der benachbarten evangelischen Pauluskirche.

Miteinander der Konfessionen

Das Miteinander zwischen der katholischen und der benachbarten evangelischen Kirchgemeinde der Pauluskirche war von Anfang an eng – nach dem Motto „Mein Haus ist auch Dein Haus“. So war der erste Gottesdienst nach der katholischen Weihe der Martinskirche ökumenisch, gleichermaßen als Geste und Programm der religiösen Verbundenheit.

An der Eingangstür finden sich zwei Symbole: Links das des Heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilt, rechts das des Heiligen Paulus. Dessen beiden Fische bringen das Miteinander zum Ausdruck: Wanderndes Gottesvolk und Fische – zwei Bilder, die die Lebendigkeit im Glauben und im Leben zeigen sollen.
Die Martinskirche am Kolpingweg 1 gehört zur katholischen Pfarrei St. Philipp Neri im Dekanat Leipzig, in der Nähe gibt es die katholische Kindertagesstätte St. Martin.

Koordinaten: 51° 18′ 47″ N, 12° 16′ 47,7″ O

Weblinks:
https://de.wikipedia.org/wiki/St._Martin_(Leipzig)
https://pfarrei-philipp-neri-leipzig.de/employees/gemeinde-st-martin/
https://www.kirche-leipzig.de/gemeinde/gruenau-st-martin/

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