Kirchenbauwerke gehören in Mitteldeutschland zu fast jedem Ort. Im Alltag sind sie bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke, sie haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielfältige Bedeutung. Doch die Zukunft vieler Kirchen ist bedroht: Dutzende von ihnen haben ihre Funktion verloren, einige sind bereits spurlos aus dem Ortsbild verschwunden. Zeit zur Erinnerung an verschwundene Kirchen – und was mit ihnen unwiderruflich verloren gegangen ist.

Die All Saints Church – auf Deutsch: Allerheiligenkirche, auch Englische Kirche oder Anglikanische Kirche genannt – war Dresdens anglikanisches Kirchengebäude an der Wiener Straße, Ecke Beuststraße (heute zur Andreas-Schubert-Straße).

1869 geweiht, war sie ein Beispiel für den Early English Style als besondere Variante der historistischen Neogotik. Sie wurde bei den Luftangriffen auf Dresden am 13. Februar 1945 stark beschädigt – und 1952 dem Erdboden gleichgemacht.

Wie kam es überhaupt zum Gotteshaus der Church of England in Sachsens Landeshauptstadt? Dresdens Seevorstadt zwischen Bürgerwiese und Wiener Straße war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts das vornehmste Villenviertel der Stadt. Viele vermögende Leute aus dem Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland, den USA und Russland bauten, kauften oder mieteten damals dort – Menschen, die mit ihren Talenten, Ideen und Vermögen die Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur in Dresden und im Königreich Sachsen mit voranbrachten.

Ihre Häuser waren sehenswert – Reiseführer jener Zeit verzeichneten die Gegend als „Englisches Viertel“ und empfahlen sie für Spaziergänge. Diese Wahl-Dresdner organisierten auch ihr gesellschaftliches Leben in der Wahl-Heimatstadt – selbstverständlich auch ihr religiöses.

So gründete sich 1841 Dresdens anglikanische Kirchgemeinde. Sie feierte ihre Gottesdienste zunächst in gemieteten Räumen, ab etwa 1865 strebte sie den Bau einer eigenen Kirche an.

Der Kirchenbau wurde möglich aufgrund einer Stiftung von 180.000 Mark von Henrietta Ohmann, Witwe des sächsischen Kaufmanns Wilhelm Heinrich Göschen (1793–1866; englisch: William Henry Goschen) in London. Ihr Mann war ein Sohn von Leipzigs bekanntem Verleger Georg Joachim Göschen – und die großzügige Zuwendung ein Zeichen der Verbundenheit mit der ursprünglichen Heimat. Das Bau-Grundstück war ein Geschenk der Stadt Dresden.

Grundriss der Kirche. Abbildung gemeinfrei, Quelle:https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=100773286
Grundriss der Kirche. Abbildung gemeinfrei, Quelle:https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=100773286

Erbaut wurde sie von 1868 bis 1869 von August Pieper (1844–1891) zusammen mit dem britischen Architekten James Piers St Aubyn (1815–1895). Die Kirchweihe zelebrierte der Bischof von Cumberland am 27. November 1869.
Die Zahl der Gemeindemitglieder wuchs von rund 400 im Jahr 1885 auf etwa 1.200 im Jahr 1900 – die All Saints Church war ein wichtiges Zentrum der anglikanischen Kirche in Mitteleuropa.

Der Sakralbau war eine kleine dreischiffige basilikale Anlage mit einem niedrigen Querschiff im Stil der englischen Gotik des 13. Jahrhunderts, dem Early English Style. Angebaut war eine polygonale Apsis. Der frei stehende, mächtige, viereckige Kirchturm mit hohem, oktogonalem Helm stand südlich des Kirchenschiffs.

Ihre Ausstattung war vielfältig: Orgel und plastisches Bildwerk von Altar und Kanzel stammten aus England. Wie in englischen Kirchen üblich, war die von innen sichtbare hölzerne Dachkonstruktion zugleich die Decke der Kirche. Die Mauern waren aus sächsischem Sandstein, verbunden mit Kalkmörtel ohne Verdübelung oder Verklammerung.

Den kompletten ornamentalen Schmuck der Kapitelle, der Kanzel und des Taufsteins schuf ein englischer Bildhauer in „hoher künstlerischer Qualität“, so eine historische Quelle.

Die wertvollste Ausschmückung der Kirche waren die Glasmalereien der fünf Kirchenfenster, gestaltet von der Firma Hardman aus Birmingham. Sie waren Geschenke von Göschens Söhnen: „In besonders prächtiger Ausführung zeigten die fünf Fenster des Chores Darstellungen aus dem Leben Jesu. Bei den Glasmalereien des großen Fensters der südwestlichen Front ist ganz besonders auf den Namen der Kirche Bezug genommen worden: Der segnende Christus war dargestellt in der Mitte der Heiligen des Alten und des Neuen Testaments“, so die Überlieferung.

Eine tiefgreifende Zäsur gab es 1914: Mit Beginn des Ersten Weltkriegs galten die in Dresden lebenden und arbeitenden britischen Gemeinde-Angehörigen als Bürger des Kriegsgegners. Teils aus eigenem Antrieb, teils aufgrund des nun unterkühlten gesellschaftlichen Umfelds haben sie ihre Wahlheimat Dresden, Sachsen und Deutschland dauerhaft verlassen.

Der Bauherr des Gotteshauses, der All Saints English episcopal church e. V., blieb bestehen. 1927 schloss der Verein mit einer evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde einen Nutzungsvertrag für 30 Jahre – als Kirchengebäude der St.-Pauls-Gemeinde Dresden.

Im Bombenhagel der Luftangriffe auf Dresden vom 13. und 14. Februar 1945 brannte das Gotteshaus aus. Über Rettungsversuche in den folgenden Jahren ist nichts bekannt – die Kirche wurde 1952 gesprengt.

Das Grundstück war lange Zeit Grünfläche, in den 1980er Jahren wurde es mit einer Lagerhalle bebaut. Heute ist der Platz, auf dem einst die Anglikanische Kirche stand, mit Häusern bebaut.

Koordinaten: 51° 2′ 20,8″ N, 13° 44′ 16,7″ O

Quellen und Links:
https://de.wikipedia.org/wiki/All_Saints%E2%80%99_Church_(Dresden)
https://www.dresden.de/media/pdf/denkmal/verlorene-kirchen-2018_web.pdf
https://www.das-alte-dresden.de/karte/detail/anglikanische-kirche.html
https://kirchensprengung.de/kirchensprengung-dresden

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