Kirchenbauwerke gehören in Mitteldeutschland zu fast jedem Ort. Im Alltag sind sie bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke, sie haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielfältige Bedeutung. Doch die Zukunft vieler Kirchen ist bedroht: Dutzende von ihnen haben ihre Funktion verloren, einige sind bereits spurlos aus dem Ortsbild verschwunden. Zeit zur Erinnerung an verschwundene Kirchen – diesmal in Pirna-Sonnenstein. Oder ist es vielleicht noch nicht zu spät?

Die Anstaltskirche Sonnenstein ist ein 1902 vollendetes, sanierungsfähiges Kirchengebäude im Stadtteil Sonnenstein von Pirna. Sie wurde 1939 von den Nationalsozialisten entweiht und danach lange Zeit als Lagerhalle genutzt.

Mit der Einrichtung der Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein wurde die erste Anstaltskirche auf der überbauten östlichen Bastion im Jahr 1817 vollendet. Am 31. Oktober 1902 war dort der letzte Gottesdienst in der alten Kirche, ihr Abriss erfolgte 1904.

Am Ende des 19. Jahrhunderts fiel die Entscheidung, eine größere Kirche zu bauen. So wurde zwischen Herbst 1900 und 1902 die zweite, heute noch bestehende Anstaltskirche errichtet. Kirchweihe war am Reformationstag, dem 31. Oktober 1902.

Sie entstand unter Leitung des Vorstandes der Baudirektion im Sächsischen Ministerium des Innern und der ausführenden Baumeister Kluge und Horn aus Pirna als Sandsteinkirche mit Hauptschiff und zwei kleinen Seitenschiffen.

Anstaltskirche Sonnenstein (2012). Foto: Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=112482874
Anstaltskirche Sonnenstein (2012). Foto: Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0 

Die Ausmalung des Kirchenschiffs, so etwa im Sockelbereich des Altarraumes, sowie die Deckenmalereien schuf Hofmaler Schulze aus Dresden in der Tradition des Jugendstils.

Orgel, Taufstein und Altar stammten aus der Vorgängerkirche. Ursprünglich gab es ein Lucas Cranach dem Älteren zugeschriebenes Altarbild. Das wurde 1911 von einem Werk von Johann Carl Loth ersetzt.

1939 wurde die Kirche mit der Einrichtung der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein (NS-Euthanasie-Aktion T4; 13.720 meist behinderte Menschen wurden dort getötet) von den Nazis entweiht, die Kirchgemeinde im Frühjahr 1940 aufgelöst.

Nach Kriegsende wurde das Gotteshaus (bezeichnet als Haus 26) verschieden genutzt, so war es zuletzt bis 1991 Lager des damaligen VEB Strömungsmaschinenbau Pirna. Aufgrund dieser „Umnutzung“ der Kirche in der DDR-Zeit kam es nicht zum sonst üblichen Verfall bei Leerstand, da das Bauwerk genutzt und regendicht gehalten wurde.

Trotz Bemühungen der evangelischen Kirche in den 1970er Jahren wurde ihr das instandsetzungsfähige Gotteshaus nicht übereignet – sie war als ursprüngliche Anstaltskirche staatliches Eigentum. Daraufhin plante und baute die evangelische Kirche das Kirchgemeindezentrum Pirna-Sonnenstein mit Hilfe eines Kirchenbauprogramms in der DDR für das ab Ende der 1960er Jahre entstandene Neubaugebiet Sonnenstein.

1996 erwarb ein Privatmann das Gotteshaus, der bis heute offensichtlich seine Verantwortung für sein Eigentum kaum wahrgenommen hat. Gelegentlich kehrte mit Kulturveranstaltungen als „Kulturkirche Rosenwerk“ kurzzeitig Leben in das sakrale Bauwerk zurück.

Seitenansicht der Anstaltskirche Sonnenstein. Foto: Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=112482871
Seitenansicht der Anstaltskirche Sonnenstein. Foto: Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0 

Derzeit gibt es trotz Bemühungen offenbar keine realistische Aussicht, die Kirche zu sanieren, zu erhalten und umzunutzen.

Was bleibt, ist Hoffnung. Jenes Quäntchen Hoffnung, dass es doch noch eine Zukunft geben wird für die Anstaltskirche Sonnenstein.

Koordinaten: 50° 57′ 38,4″ N, 13° 56′ 54,1″ O

Quellen und Links:
https://de.wikipedia.org/wiki/Anstaltskirche_Sonnenstein
http://www.kuratorium-altstadt-pirna.de/wp-content/uploads/2021/09/Ausarbeitung_Anstaltskirche_210406.pdf
https://seelentrauma.wordpress.com/2016/06/11/die-verlassene-anstaltskirche/

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar