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Wie umgehen mit NS-Raubkunst? Die Geschichte der Familie Sonntag im Stadtgeschichtlichen Museum

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    Leipzig im Jahr 1939. Laura Sonntag sieht keine andere Möglichkeit, als mit ihren drei Kindern Eva, Wolfgang und Marianne aus Deutschland zu fliehen. Sie wandern nach Amerika aus. Eigentlich gebürtig in den USA, wird sie gezwungen, unter ihrer deutschen Staatsbürgerschaft auszureisen. Wegen ihrer jüdischen Abstammung wird ihr dadurch der Anspruch auf den Familienbesitz aberkannt. Das sogenannte „Umzugsgut“ wird von den Nazis beschlagnahmt. Ihr Mann, Carl Sonntag Jr., erlebt dies alles nicht mehr – er verstarb 1930 an den Folgen einer Nierenoperation, kurz nachdem er mit seiner Familie einen Neustart in Berlin wagte. Der Plan war, dort eine Buchbinderwerkstatt zu eröffnen. Dazu kam es nie.

    Carl Sonntag Jr. war seines Zeichens ein begeisterter Kunstsammler. Die Familie lebte in einer Villa in Großdeuben und besaß eine beachtliche Sammlung wertvoller Buchausgaben und Kunstwerke. Nach seinem Tod leben seine Frau und die drei Kinder unter anderem vom Wert dieser Hinterlassenschaften.

    „Schnäppchenjagd“

    Am 19. August 1941 beauftragt die Geheime Staatspolizei die Räumung der Großdeubener Villa sowie die Versteigerung der Besitztümer der Sonntags. Durchgeführt wird diese öffentliche „Judenauktion“ durch das Auktionshaus der Gebrüder Hans und Carl Klemm in der Großen Fleischergasse 19. Das Gebäude ist eines von wenigen in der Straße, die auch heute noch so erhalten sind wie zu jener Zeit. Leipzig ist nicht die einzige Stadt, in der man in jener Zeit so vorgeht im Umgang mit dem Hab und Gut jüdischer Familien.

    Die Versteigerungen der „dem Deutschen Reich überführten“ Besitztümer werden öffentlich angekündigt; oftmals bereits mit einer Auflistung der „zu ergatternden“ Gegenstände. Vor allem nach dem Erlass der elften Verordnung zum Reichsbürgergesetz am 25.11.1941, wodurch allen deutschen Juden die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und über die Beschlagnahmung ihrer Vermögen verfügt wird. Nicht immer verrät man den Käufer/-innen, dass es sich um nicht-deutsche Familiengüter handelt. Derartige Veranstaltungen sind zu der Zeit gut besucht.

    Bei der Auktion im August 1941 kauft auch das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig neun Grafiken und Fotografien auf. Insgesamt 30 Reichsmark zahlt das Haus dafür. Der Erlös geht zum größten Teil an das Postschenkkonto der Polizeikasse Leipzig. Einen gewissen Prozentsatz des Gewinns erhält das Versteigerungshaus. Somit können die ehemaligen Eigentümer/-innen nicht über das Geld verfügen. Noch von der USA aus hatte die Familie Sonntag versucht, die Versteigerung zu verhindern, doch alle Bemühungen waren umsonst.

    Auf Spurensuche

    Derartige Veranstaltungen entwickelten sich in der damaligen Zeit zu regelrechten „Schnäppchenjagden“, an der neben der Finanzverwaltung ein ganzes Heer von Veranstaltern, Gutachtern Spediteuren und Lagerverwaltern nicht schlecht verdienten. Neben dem Stadtgeschichtlichen Museum erwarben noch weitere städtische Einrichtungen Kunstwerke aus der Sonntag’schen Sammlung, darunter das Museum der bildenden Künste, die Stadtbibliothek, die Wehrmachtsabteilung sowie die Poliklinik.

    Die Käufe wurden detailliert aufgelistet, sodass auch heutzutage zumindest die Nachnamen der Käufer/-innen zugeordnet werden können.

    1946 nahm die jüngste Tochter der Sonntags, Marianne, Kontakt zu Hans Klemm auf – jenem Mann, der 1941 mit der Versteigerung der Habseligkeiten der Familie betraut worden war. Sie machte einige der Käufer/-innen ausfindig. Über einen Rechtsanwalt wurde auch bei der Stadt Leipzig abgefragt, ob sich Kunstwerke aus der Sammlung der Sonntags in städtischen Einrichtungen befinden würden. Doch erst etliche Jahre später sollte sich etwas in Bewegung setzen.

    Ab 1958 erhielt Laura Sonntag für verschiedene Inhalte, wie Schmuck, Vermögenswerte, Mietüberschüsse und auch Kunstwerke Ausgleichszahlungen. Die DDR verstand sich jedoch nicht als Nachfolgerin des Dritten Reichs und verweigerte dementsprechend Wiedergutmachungszahlungen für im Ausland lebende NS-Opfer.

    Erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands und das auf den Weg gebrachte Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen konnten die beiden Töchter der Sonntags 1990 ihre verfolgungsbedingten Verluste geltend machen.

    1994 gab das MdbK die 1941 erworbenen Kunstwerke an Eva und Marianne Sonntag zurück. Die Stadt Leipzig verpflichtete sich um 2000 herum dazu, die unterschiedlichen Museumssammlungen sowie Bibliotheken nach aus der NS-Zeit stammenden geraubten Kulturgütern zu untersuchen.

    Sieben der neun angekauften Kunstwerke befinden sich heute noch immer in der Sammlung des Stadtgeschichtlichen Museums. Erst 2007 konnten die Stücke zweifelsfrei dem ehemaligen Besitz der Familie Sonntag zugeordnet werden. Am Stadtgeschichtlichen Museum beschäftigt sich Lina Frubrich seit einiger Zeit mit dem Fall. Sie ist tätig im Bereich der Provenienzforschung, der sich der Geschichte und Herkunft von Kunst- und Kulturgütern widmet.

    „Es ist ein weitreichendes Feld, das uns sicher noch einige Jahre beschäftigen wird“, so Frubrich. Gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste wird derzeit im Rahmen eines Forschungsprojekts der Sammlungsbereich Kunst und Kunsthandwerk im Stadtgeschichtlichen Museum systematisch geprüft, um NS-verfolgungsbedingte Kulturgüter zu identifizieren. Die bereits als NS-Raubgut herauskristallisierten Objekte werden in der Lost-Art-Datenbank (www.lostart.de) aufgelistet.

    Und die sonntäglichen Besitztümer?

    Vor etwa sechs Monaten stieß Lina Frubrich durch einen Zufall in einem Internetforum auf die Enkelin von Wolfgang Sonntag, dem Sohn der Familie. Sie kontaktierte die Frau, die den heutigen Erkenntnissen nach in Oldenburg lebt. Bisher erhielt sie jedoch keine Antwort der Erbin. „Gern würden wir die Kunstwerke an die rechtmäßigen Eigentümer/-innen zurückgeben“, so Frubrich.

    „Momentan sind dem Museum dabei jedoch die Hände gebunden.“ Auch deshalb versuche man, die Vorgänge transparent zu halten und sämtliche Ergebnisse der Öffentlichkeit über Publikationen und Veranstaltungsformate zugänglich zu machen. „Es ist natürlich auch allein von Mehrwert, die eigene Museumsgeschichte und die Ankaufspraxis weiterhin zu beleuchten.“

    Mehr Informationen zu dem Thema finden sich auch unter www.stadtgeschichtliches-museum-leipzig.de und unter www.stadtmuseum.leipzig.de

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