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Die neue Print-LZ Nr. Nr. 96: Ein Vorfall im Westin, ein Prozess in Dresden und ein paar Gedanken zum Schuldgefühlsspeckmantel

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    Einmal im Monat flattern den Inhaber/-innen eines LZ-Abos die frisch gedruckten Exemplare der „Leipziger Zeitung (LZ)“ in den Briefkasten, Lesestoff für ein sehr langes Wochenende. Auch diesmal, da uns die sächsischen Dramen alle wieder eingeholt haben. Zeit, einfach mal wieder zu bündeln, was sonst als Nachrichtenhäppchen für Aufregung sorgt. Klar, auch „Der Westin-Vorfall“, der an Unklarheiten nichts zu wünschen übrig lässt.

    Den nimmt in dieser Ausgabe Antonia Weber noch einmal unter die Lupe, versucht einen Vorgang einzukreisen, in dem die Wucht einer Antisemitismus-Diskussion genauso steckt wie der Versuch einer international tätigen Hotel-Kette, ihre eigene Sichtweise in die Medien zu drücken. Was die Sache nicht besser macht.

    Denn Gil Ofarim hat recht, wenn er betont, dass nur die Staatsanwaltschaft diesen Vorgang aufarbeiten kann. Dass hauseigene Rechtsanwälte hier Ermittler spielen, ist zumindest für deutsche Verhältnisse ein ziemlich ungewöhnlicher Vorgang. Der am Ende wohl zur Aufklärung gar nichts beiträgt (alles auf Seite 9).Aber eine Zwischenbilanz braucht auch der Mammutprozess gegen Lina E. in Dresden, in dem die seit November 2020 in Untersuchungshaft sitzende Leipzigerin als Kopf einer „kriminellen Vereinigung“ angeklagt ist, deren Konturen in den ersten Verhandlungswochen partout nicht greifbar werden wollten. Jagt die sächsische Justiz hier ein Phantom? Oder die Soko LinX, die sich seit Jahren vergeblich bemüht, kriminelle Netzwerke im linken Milieu aufzuspüren.

    Konstruiert man sich also, was man nicht finden kann? Dazu gibt es gleich mehrere Beiträge im Blatt: die Analyse des Prozesses selbst im Licht des Gummiparagraphen 129 von Michael Freitag (Seiten 1 und 7), eine Besichtigung der Nebenkläger im Prozess durch Lucas Böhme und Michael Freitag (Seiten 3 und 8) und eine Chronologie der Tatvorwürfe von Antonia Weber (Seite 7).

    René Loch hat den LVB-Geschäftsfüher Ulf Middelberg zum Interview gebeten, nachdem klar war, dass Leipzig keine Förderung als Modellregion ÖPNV vom Bundesverkehrsminister bekommt und damit auch die schrittweise Einführung des 365-Euro-Tickets erst einmal unmöglich ist (Seite 5).

    Den Leipziger Politologen Prof. Dr. Gert Pickel hat Lucas Böhme zum Interview über eine Frage gebeten, die ja spätestens seit den „Black lives matter“-Protesten die Republik beschäftigt: Wie sieht es eigentlich mit dem Rassismus in staatlichen Institutionen aus (Seite 13)?

    Daniel Thalheim sprach mit Kurator Dr. Jan Nicolaisen über die aktuelle Caspar-David-Friedrich-Ausstellung im Museum der bildenden Künste (Seite 17). Während Jan Kaefer gleich drei neue Bücher zum Leipziger Fußball vorstellen kann (Seiten 21 und 22).

    Und da das Arbeiten an den großen Themen immer auch einen Moment Besinnung und Nachdenklichkeit braucht, finden das die Leser/-innen der Zeitung auch wieder genau so in den Kolumnen, die zum Standard jeder Ausgabe gehören. So wie Tom Rodig, der in seiner Kolumne „Tirade der Gewalt“ den nachdenklichen Satz schreibt: „Die Mystik von Connewitz und den dort Lebenden hat etwas Ritualhaftes. Ihren Kolumnisten beschleicht der Verdacht, dass das Ritual umso wichtiger wird, je ferner die Realisierung des Geforderten wird.“ (Seite 23).

    Und nicht ganz ohne Anlass denkt auch unsere Philosophin Konstanze Caysa über die „sinnentfremdende Substantivierung“ des Wörtchens „spontan“ nach. Denn hier geht es nicht um eine so gern herausgestellte Eigenschaft, die gerade die Leute, die sich selbst so gern Spontaneität zuschreiben, meistens gar nicht haben. Denn auch beim spontanen Handeln hört das bedachte Handeln nicht auf – es wird nur zur Handlung, zur Aneignung von Welt, um es mal so zu formulieren (Seite 16).

    Die Leipziger Zeitung, Ausgabe 96. Seit 29. Oktober 2021 im Handel. Foto: LZ

    Natürlich geht es ums Handeln. Worum denn sonst? Dass das ein Problem sein kann, beleuchtet auch David Gray in seiner Kolumne Terroristenhendl im Schuldgefühlsspeckmantel, in der er sich mit einer Gesellschaft beschäftigt, die ihre Mitglieder immerfort zum Handeln treibt, sie mit Forderungen und Wünschen bombardiert, ihnen aber systematisch tatsächlich die Freiräume für eigene Entscheidungen nimmt.

    „Sie finden keinen angemessenen Job, obwohl in jeder Newssendung der Fachkräftemangel thematisiert wird? Sie sind nicht flexibel genug für den Arbeitsmarkt und sollten sich gefälligst nicht so haben!“ In einem veritablen Rundumschlag zeigt er, warum wir fast alle ständig mit Schuldgefühlen durch eine Welt laufen, ohne wirklich allzu viele Möglichkeiten zu haben, etwas zu ändern. Oder wird uns das nur eingeredet? „Glaub keinem, der dir sagt, dass du nichts verändern kannst“, zitiert er „Die Ärzte“ (Seite 15).

    Während gleich darunter Jens-Uwe Jopp im Grunde dasselbe Thema aus völlig anderem – leicht pädagogischen – Blickwinkel betrachtet: „Und vergiss dabei nicht, in welchem ‚System‘ du dich befindest. Und das nennt sich so auffordernd wie einschüchternd: Leistungs-Gesellschaft. Und die lässt beim lebenslang geforderten Lernen oftmals zwei Dinge nicht zu, oder hat sie schlichtweg nicht: Zeit und Raum zur Veränderung.“ (Seite 15)

    Also nicht ablenken lassen von diesem verzweifelten Wirklichkeits-Verweigerer, den Schwarwel für die Seite 1 ins Bild gebracht hat (auf Seite 24 finden Sie noch einen). Wer anfängt, über die Wirklichkeit zu stolpern, ist schon dabei, den Blick von seinem Daddel-Bildschirm zu heben und mitzubekommen, dass die Welt keineswegs aufgehört hat, ein erlebbarer und veränderbarer Ort zu sein. Aber wer etwas ändern will, braucht den offenen Blick auf die Dinge, wie sie sind – manchmal sehr komplex, manchmal verworren. Selten so eindeutig, wie es uns manch politischer Laienschauspieler einzureden versucht.

    Zum Glück ist es anders. Viel Spaß bei Lesen.

    Die neue „Leipziger Zeitung (LZ)“ haben unsere Abonnenten natürlich im Briefkasten. Für alle anderen liegt die neue LZ (VÖ 29.10.2021) an allen bekannten Verkaufsstellen aus.

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