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Einige Schaufenster der Leipziger Innenstadt zeigen noch Bücher aus dem „Messegastland DDR“

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    2012 feierte eine der beiden ganz großen Bücherreihen, die in Leipzig geboren wurden, ihren 100. Geburtstag. Die andere ist die Reclam Universalbibliothek. Diese hier war (und ist) die Insel-Bücherei. Was seinerzeit die Leipziger Buchwissenschaftler zum Anlass nahmen, mit dem Thema die ganze Innenstadt zu bespielen. Seitdem zeigen sie jedes Jahr in großen Schaufenstern, was Bücher aus Leipzig eigentlich für ein Kulturgut sind. Nicht nur die alten.

    Mit der Insel-Bücherei waren sie in diesem Jahr auf dem Flughafen, wo es möglicherweise einige einfliegende Manga-Freunde gesehen haben. Aber immerhin: Es war eine richtige kleine Insel-Ausstellung.

    Für die Innenstadt hatten sich die Studierenden und Lehrenden der Leipziger Buchwissenschaft etwas anderes einfallen lassen: Eine Würdigung für ein Kapitel der Buchgeschichte, das eher noch verschämt in Ecken steht und vor sich hingilbt: Die besten Buchreihen aus DDR-Verlagen. Denn so hässlich die meisten auf säurehaltigem Papier gedruckten Bücher heute aussehen, so viel Mühe hatten sich die Verleger ursprünglich gegeben mit Satz, Gestaltung, Illustrationen.

    „Es gibt viel zu entdecken“, hieß es also kurz vor der Buchmesse aus dem Institut für Buchwissenschaft. „In der gesamten Leipziger Innenstadt findet die Ausstellung zu den schönen Buchumschlägen der DDR statt.“

    Manche waren auch schon ganz schön zerknickt. Den Ärger kennt jeder, der Bücher aus diesen mit so viel Liebe gemachten Reihen erworben hat: An Beständigkeit oder gar das Überdauern von Jahrhunderten konnte beim offenkundigen Qualitätsmangel der in der DDR verfügbaren Kontingente gar nicht gedacht werden.

    Zwar haben einige der Teilnehmer dieser Ausstellungsaktion die Schaufenster gleich nach der Buchmesse wieder freigeräumt. Aber einige Fenster sind noch bestückt, mahnt Buchprofessor Siegfried Lokatis zur Eile. Wer sehen will, was die Studierenden da unter dem Titel „Messegastland DDR. Vergessene Buchkunst“ zusammengetragen und zusammengestellt haben, sollte die nächsten Tage nutzen, bevor die Fensterdekorateure wieder zuschlagen.

    „Zwar haben Breuninger, Kaufhof, Schauspielhaus und die Mädlerpassage gleich nach der Messe abgebaut, aber es bleiben für einen Osterspaziergang bis Ende März noch folgende ‚schönste Bücher‘ zu sehen“, lockt Siegfried Lokatis zu einem Nach-Buchmesse-Spaziergang der besonderen Art.

    Die Liste der Häuser, die jetzt noch das „Messegastland DDR“ zeigen:

    Bei den Academixern gibt es im Nachbarfenster in der Kupfergasse Buchumschläge von Prof. Gert Wunderlich zu sehen, die er unter anderem für den Verlag der Kunst, die Edition Leipzig und Seemann angefertigt hat.

    Herangezoomt ans Hugendubel-Schaufenster mit von Lothar Reher gestalteten Buchreihen. Foto: Ralf Julke
    Herangezoomt ans Hugendubel-Schaufenster mit von Lothar Reher gestalteten Buchreihen. Foto: Ralf Julke

    Die Commerzbank zeigt am Thomaskirchhof Inselbücher. Titel: „Ost oder West?“ Denn während der deutschen Teilung gab es quasi zwei Insel-Verlage, die die legendäre Reihe jeweils mit ihren eigenen Titeln fortsetzten, so dass es für 44 Jahre eine doppelgleisige Insel-Bibliothek gab.

    Im Hugendubel-Schaufenster an der Thomaswiese werden die von Lothar Reher gestalteten Reihen „Spektrum“ und „Erkundungen“ aus dem Verlag Volk und Welt gezeigt. Hier gibt es natürlich auch Informationen zu Lothar Reher, dem es immer wieder glückte, den aufregenden Stoff im Buch auch in aufregende Cover zu verwandeln. Und gerade mit der „Spektrum“-Reihe kamen einige Titel in die DDR-Buchläden, die durchaus den engen Horizont des Landes sprengten und wie Nabelschnüre waren in eine Welt, in der noch über Horizonte und Erstarrungen hinausgedacht und -geschrieben wurde.

    Das „Pilot“ in der Bose-/Ecke Gottschedstraße zeigt schönste Bücher des Eulenspiegelverlags.

    Im ehemaligen Kaufhaus Kult am Petersteinweg sieht man schönste Bücher des Aufbau-Verlages und des Buchverlags der Morgen.

    Und im Kaufhaus Kult in der Burgstraße wird der ostdeutsche Reclam-Verlag als „Tempel der DDR-Buchkunst“ gezeigt.

    Da darf man dann das Taschentuch aus der Tasche holen und sich ein wenig grämen, dass das eigenwillige Kapitel Reclam Leipzig zu Ende ging. Nicht unbedingt wegen der Versuche nach 1990, eine eigene Profilschiene in neuen Zeiten zu fahren, sondern wegen jener besonderen Rolle, die Reclam Leipzig unter Hans Marquart seinerzeit entwickelte, als dieser Leipziger Verlag nicht nur das Klassiker-Grundfutter lieferte, sondern in manchmal gewagten Eskapaden auch das zeitgenössische Grundfutter von Autoren, die bei den Berliner Behörden überhaupt nicht geliebt wurden, bei Reclam aber trotzdem erschienen. Das war wie Wasser in der Wüste. Und manchmal wünscht man sich auch heute eigentlich wieder einen Verlag, der so beharrlich Spreu vom Weizen trennt und den Lesern in preiswerten Ausgaben wieder die wichtigsten Titel der Zeitgenossen liefert.

    Wenn es ihn gäbe, würde sich mancher wohl wundern, wie wenig übergewichtige Romane dabei wären – und wie viele Gedicht- und Kurzgeschichtensammlungen.

    Gibt’s aber nicht.

    Also Schnupftuch nicht vergessen.

    Mehr zur Innenstadt-Ausstellung lesen Sie übrigens gleich in einem Interview, das Helena Flam mit Siegfried Lokatis für „The Leipzig Glocal“ führte.

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