Viele Leipzigerinnen und Leipziger erinnern sich noch an die Zeit, in der Menschen nach Leipzig-Grünau zogen und außer den neuen Häusern hauptsächlich Schlamm, Dreck und eine Riesenbaustelle vorfanden. Mit Gummistiefeln an den Füßen ging es vom Haus zum Trabi oder zur Straßenbahn, dort war dann der Schuhwechsel. Das ist schon lange her, seit dem 21. Mai erinnert eine Fotoausstellung im KOMM-Haus daran.
Der Leipziger Fotograf Harald Kirschner hat Momente aus dieser Zeit festgehalten und zeigt einige seiner Werke. Die Ausstellung läuft noch bis zum 18. September 2026 und wir haben die Vernissage genutzt um mit Harald Kirschner nicht nur über die Bilder zu sprechen.

Harald Kirschner, geboren 1944, ist gelernter Fotograf, erwarb sein Diplom 1973 an der HGBK Leipzig an der er bis 1981 auch als Assistent tätig war. Seit 1981 war er als freischaffender Fotograf in Leipzig tätig und er wohnte in Grünau als es noch „Schlammhausen“ hieß.
Herr Kirschner, haben Sie als 1976 der Grundstein für Grünau gelegt wurde sofort angefangen dort zu fotografieren?
Nein, da habe ich dort noch nicht fotografiert, ich war nur ein- oder zweimal in Grünau, ich glaube das war 79. Das Problem war, wir wohnten in der Südvorstadt, in der Kurt-Eisner-Straße, hatten aber keine richtige Wohnung, sondern eine Ladenwohnung. Das war eigentlich auch zu DDR-Zeiten illegal. Aber wir hatten zwei wunderbare Schaufenster, in denen wir unsere Arbeiten ausstellen konnten. Meine Frau ist ja Grafikerin, da haben wir unsere Arbeiten vorgestellt das war eigentlich sehr schön. Wie es bei so einer Ladenwohnung war, hatten wir kein, kein Bad und nur eine provisorische Küche. Da unser zweites Kind unterwegs war, mussten wir uns aber eine neue Wohnung suchen. Wie es zu DDR-Zeiten war, lief die Wohnungssuche, beziehungsweise die Vergabe über Betriebe und die kommunale Gebäudewirtschaft, die GWL, bei uns war der Verband Bildender Künstler zuständig. Unser Antrag lief da schon vier Jahre als wir plötzlich die Nachricht bekamen: Wir haben eine Wohnung für euch, 132 Quadratmeter, eine Maisonett-Wohnung in der 15. und 16. Etage. Die war aber nicht in der Südvorstadt oder im Altbau, sondern in Grünau. Wir waren erst mal enttäuscht. Wir wollten nicht nach Grünau ziehen, weil wir uns in der Südvorstadt sozial wohlgefühlt haben.

War das so eine Maisonett-Wohnung wie es sie auch im Musikerviertel gab?
Genau so eine war das. Wir standen vor der Frage: Was machen wir? Kollegen sagten, da könnt ihr unmöglich rausziehen, da habt ihr keine Verbindung mehr zur Kultur und so weiter. Andere meinten, wenn ihr das nicht macht seid ihr blöd. Ihr könnt ja die Wohnung dann eventuell tauschen. Das wäre sicherlich nicht so einfach gewesen, weil es dafür Auflagen vom Verband gab. Ja, dann haben wir uns doch entschlossen. Wir ziehen raus, wir versuchen es.
Das war 1981, mitten in der Schlammhausen-Phase. Haben Sie sich da gleich die Kamera geschnappt und losgelegt?
Nicht gleich, wir mussten erst mal unsere Wohnung tapezieren und malern. Das war alles roh, weil keine Arbeitskräfte da waren. Mein Schwergebiet in der Fotografie war die sozialdokumentarische Fotografie, also die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen. Da lag letztendlich das Thema von meiner Haustür. Dieses Umfeld, was man da gesehen hat und mit dem man plötzlich klarkommen musste, es war ja alles nur im Bauzustand. Baumaschinen standen herum, Baumaterial lag herum, keine Infrastruktur, keine Straßen, keine Bürgersteige und so weiter.
Ich kann mich erinnern, dass die erste Kaufhalle eher da war als der Bürgersteig.
Eine Kaufhalle hatten wir dann in der Nähe, aber fast keine anderen Läden. Was Kultur anbetraf, es gab kein Kino, keine Galerie, also fast nichts. Und das Einzige war später kam waren die beiden Kirchen, die für uns wirklich auch ein kulturelles, nicht nur ein religiöses, Zentrum waren. Da konnte man Konzerte hören, es gab auch Lesungen, beziehungsweise freie Gespräche führen. Eine Sache, die zu DDR-Zeiten wirklich keiner glauben konnte war, dass plötzlich, der ehemalige Westberliner Bürgermeister Heinrich Albertz zu einem Vortrag nach Grünau in die Pauluskirche kam. Er hat über sein Leben, über seine politische Arbeit als Bürgermeister von Westberlin, gesprochen. Vor allen Dingen über die der politischen und polizeilichen Auseinandersetzung während des Schah-Besuches. Also über die Vorgänge während denen Benno Ohnesorg gestorben ist. Er erzählte über seine Konflikte und über seine Probleme sowohl als Bürgermeister, als auch als Pfarrer.

Grünau ist ja dann sehr schnell gewachsen. Es ging dann relativ zügig, mit WK1, WK2 und weiteren. Es wurden Fußwege, Schulen, Kindergärten gebaut. Dann war es plötzlich für viele ein begehrtes Wohngebiet. Wie haben Sie das erlebt?
Grünau war auf alle Fälle auch für uns dann ein gutes Wohngebiet, beziehungsweise man musste es sich erarbeiten. Mit den Mitmenschen kommunizieren, gemeinsam heimisch werden, also ein Gemeinwesen werden. Das ist sehr wichtig gewesen. In unserem Haus, in dem 16-Geschosser, gab es eine gute soziale Durchmischung. Viele kinderreiche Familien, auch viele Rentner, aber auch viele Menschen mit interessanten Berufen und auch mit Künstlerberufen. Es wohnten neben uns auch Schauspieler, Grafiker, sogar Gewandhausmusiker dort. Wir versuchten eine gute Hausgemeinschaft zu werden. Auch wenn das politisch von oben so gewollt war, man musste das politische Ad acta legen, es war wichtig gemeinsame Projekte in Angriff zu nehmen.
War die DDR-Hausgemeinschaft so schlecht wie ihr heutiger Ruf?
Die Hausgemeinschaft war ja wirklich eine Gemeinschaft. Wir haben Kinderfeste und Hausfeste veranstaltet, wir hatten uns einen Tischtennisraum angelegt, sogar eine Wäschemangel hatten wir uns zugelegt, so ein ganz altes Ding. Wir haben versucht, uns gegenüber der GWL durchzusetzen. Zum Beispiel, es war nicht gestattet sich auf den Dachgarten aufzuhalten. Da haben wir uns durchgesetzt. Ich bekam einen Schlüssel und jeder der hoch wollte, kam zu mir, bekam den Schlüssel und konnte dort ein Familienfest machen oder sich sonnen. Wir selbst waren auch immer oben.

Wenn Sie, wenn Sie heute auf die alten Fotos schauen. Wie ist das für Sie?
Sozialfotografie war ja ein Schwergebiet der DDR-Fotografie. Viele DDR-Fotografen haben das gemacht und zwar nicht im Auftrag von irgendeiner Institution oder einer Zeitung, sondern im Eigenauftrag. Auch meine Grünau-Fotos sind im Eigenauftrag entstanden. Ich konnte auf drei Ausstellungen einige Bilder zeigen, auch in der Galerie des Kulturbunds in der Leibnizstraße. Aber im Nachhinein ist wichtig: Fotografien erzeugen Geschichte und erzählen Geschichten.
Jetzt gibt es in den nächsten Monaten die Ausstellung hier. Gibt es die Fotografien auch in Buchform?
Ja, es sind drei Bücher herausgekommen. Das erste bei Pro Leipzig „Grünau – Fotolesebuch“, das war 2006. Dann das nächste 2015 „Vom Heimischwerden: Leipzig-Grünau 1981 bis 1991“ beim Mitteldeutschen Verlag, mit einem Textbeitrag von Wolfgang Kil. Und zuletzt „Abenteuer Platte“ 2021, auch beim Mitteldeutschen Verlag. Aber alle Bücher sind vergriffen.

Das ist schade, eine Neuauflage wäre eine gute Idee zum 50-jährigen Grünau-Jubiläum gewesen. Herr Kirschner, ich wünsche viel Erfolg mit der Ausstellung, Ihnen und Ihrer Frau alles Gute und vielen Dank für das Gespräch.
Die im Artikel enthaltenen Ausstellungsfotos sind Kopien der Postkartenmotive, die beim Besuch der Ausstellung erworben werden können. Verwendung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Harald Kirschner.
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