Matthias Weik und Marc Friedrich sind mit „Kapitalfehler“ bei Lehmanns zu Gast

Seit neun Jahren steckt Europa in der Krise. Man hat sich so daran gewöhnt, dass es kaum noch irgendwo thematisiert wird. Dabei hat es schon längst dramatische Folgen. Allerorten feiern Nationalisten Erfolge. Und zwei kritische Autoren schreiben Buch um Buch. Jedes wird zum Bestseller. Am 24. Januar sind Matthias Weik und Marc Friedrich in Leipzig zu Gast.

Sie gastieren in der Buchhandlung Lehmanns. Eintritt kostet es. Aber dafür stellen sie auch ihren Bestseller von 2016 vor: „Kapitalfehler“. Ein Buch, das sich – wieder einmal – damit beschäftigt, was da aus dem Ruder gelaufen ist. Nicht erst 2007, als die Finanzblase zu brodeln begann, sondern schon viel früher. Denn dass die Staaten heute praktisch in Geiselhaft der Finanzmärkte sind, hat ja damit zu tun, dass vor über 30 Jahren wichtige Sicherungen und Bremsen einfach ausgebaut wurden.

Eine gnadenlose Lady in England und ein beschwibster Cowboy in den USA leiteten eine regelrechte Deregulierungswelle in den westlichen Wirtschaften ein, die eben nicht nur den Abbau großer Teile klassischer Industriezweige mit sich brachte, die dann kurzerhand nach Asien verschifft wurden, sondern auch eine völlige Entfesselung vor allem der Investmentmärkte. Jahr für Jahr kamen neue, hochriskante Finanzprodukte auf den Markt. Der Finanzmarkt, auf dem ja nichts produziert wird und wo dem neu geschaffenen Geld kein realer Wert gegenübersteht, entfachte ein regelrechtes Feuerwerk. Banken wetteten auf alles, was nicht bei drei auf dem Baum war.

2007/2008 platzte die Blase. Mit Folgen, die bis heute nicht ausgestanden sind. Denn die zockenden Bankhäuser erwiesen sich tatsächlich als „to big“. Nicht als „to big to fail“. Aber als zu großer Happen für eh schon hochverschuldete Staaten, die jetzt selbst zum Spekulationsobjekt für die Zocker wurden.

Und das Problem: Niemand hat den Mut, diesem Markt wieder Fesseln anzulegen, Fesseln, die er in den 1930er Jahren nicht ohne Grund verpasst bekommen hatte, denn die Krise von 1929 war aus denselben Gründen entstanden. Zumindest das hatte man damals gelernt: Dass man einen Finanzmarkt nicht deregulieren darf. Denn die Emotionen, mit denen die Spieler agieren, wenn sie Millionen- und Milliardengewinne widmen, sind nicht beherrschbar. Oft sind sie selbst für die Akteure nicht wahrnehmbar, sind eingebaut in clevere Algorithmen, die in Sekundenbruchteilen ein Meer von Operationen auslösen können.

„Kapitale Fehler“ wurden gemacht, stellen Weik und Friedrich fest. Vor dem großen Knall 2007/2008 – und danach, als die falschen Rezepte angewendet wurden, um die Sache zu reparieren. Auch und gerade beim Euro und in Europa. Die Rettungsprogramme sind aus Sicht der beiden Autoren nichts anderes als gigantische Wohlstandsvernichtungsprogramme. Sie nehmen den Staaten die Spielräume zum Atmen. Mit dem Effekt, dass die Finanzmärkte heute so unreguliert sind wie eh und je und sich die wild gewordenen Billionen weiter um den Erdball wälzen. Die nächste Riesenblase wächst längst schon heran. Dafür aber sind die europäischen Staaten in einem Zwangskorsett gefangen. Statt dass Staaten den Finanzmärkten Regeln geben, damit sie zum Nutzen der Gesellschaft (und nicht irgendwelcher gieriger „Investoren“, die nur in Geld investieren) arbeiten, sind die Staaten bis zur Hilflosigkeit gefesselt, können nicht mal geordnet Insolvenz anmelden, wenn gar nichts mehr geht, bleiben also in Schuldhaft bis zum Sankt Nimmerleinstag. Die Bürger werden bestraft, nicht die Spieler, die ihr Geld in lauter Gier auch noch in die gefährlichsten Anleihen gesteckt haben.

Das Schöne an dem Buch: Am Ende geben die Autoren eine ganze Latte Vorschläge, wie diesem Treiben Stück für Stück ein Ende bereitet werden könnte. Es müsste nur mal einer anfangen damit. Ob dazu eine strukturierte Abwicklung des Euro gehört, ist eine besondere Frage. Aber die ordnet sich bei den Beiden auch anders ein, als man es landläufig so hört. Unter anderem fordern sie ein Vollgeldsystem – im Unterschied zum jetzigen Giralgeldsystem, mit dem Banken quasi Geld aus dem Nichts schaffen können und die Gewinne entweder behalten oder ihren Aktionären austeilen, nicht der Gesellschaft.

Aber wer es wissen will, liest selbst. Die Besprechung zum Buch haben wir gleich noch mit verlinkt.

Die Vorstellung von „Kapitalfehler“ findet am Dienstag, 24. Januar, um 20:15 Uhr in der Buchhandlung Lehmanns an der Grimmaischen Straße statt.

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