Tanners Interview mit Manfred Maurenbrecher

Es gibt immer wieder Gerüchte, dass Manfred Maurenbrecher Tanners Vater wäre, körperlich wie geistig. Damit sei jetzt mal aufgeräumt! Da ist nichts dran an körperlicher Vorreiterschaft. Geistig eher! Der Manfred und der Tanner waren gern und oft zusammen auf Bühnen und sind sich wohl. Nun kommt Maurenbrecher mit seinem Album "Rotes Tuch" ins Neue Schauspiel Leipzig. Grund zu plaudern und zu hinterhaken.
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Hossa, bester Manfred. Du bist am 05.02. im Neuen Schauspiel Leipzig zu Gast. Wirst Du das albencoverprägende Che-Outfit tragen?

Ich bringe das T-Shirt, das die junge Dame auf dem Cover trägt, ins Neue Schauspiel mit. Nur mal so zum Anschauen, und in verschiedenen Größen. Ob ich es auf der Bühne selbst trage? Eher nicht. Vielleicht komm ich aber in dem Hoddy, den ich gerade 54 Mal als Leibwächter von Angela Merkel in unserm Jahresrückblick anhatte – darin sehe ich erstaunlich sportlich aus. Wir drei Leibwächter haben da sogar richtig getanzt, Bov Bjerg, Horst Evers und ich. 54 Mal – vorgestern war die letzte Vorstellung.

Deine Lieder erzählen die Geschichten der „normalen Menschen“. Derzeit scheint’s aber so, als ob die „Normalen“ ganz besonders inhuman, gefährlich und brutal sind. Hast Du Hoffnung, dass sich diese Zeit wieder entschleunigt, beruhigt, vielleicht sogar irgendwann menschlich wird im Sinne von humanistisch?

Seit ein paar Jahrzehnten wird konsequent abgebaut, was einmal unseren Sozialstaat ausgemacht hat, von Tariflöhnen bis hin zum Bürgersinn. Wer anderen freiwillig hilft, ist ein Idiot, so ungefähr schrieb der von Vielen gefeierte Herr Sarrazin. Immer noch SPD-Mitglied übrigens. 2010 in dem Lied „Du kannst es“ (über Sarrazin) habe ich mal von den vielen kleinen Feuern gesprochen, die überall quasi probeweise von den Wirtschaftsliberalen angezündet worden sind, und es braucht nur einen plötzlichen Sturm, dann fangen sie gemeinsam an zu brennen und sind kaum mehr löschbar.

Jetzt ist es wohl soweit: Mit der überraschenden Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge hat sich ein Signal ergeben für alle, die meinen, ihnen würde ihr gewohntes Leben weggenommen: Ja, wird es – aber doch nicht von den Flüchtlingen! Ich finde es richtig abscheulich, wie sich die Politik von ganz links bis rechtsaußen mit den Besitzstandswahrern gemein macht und Angst schürt. Warum fordern die Linken nicht einen ‚New Deal‘ – wie ihn Roosevelt in den USA einst voranbrachte: Staatliche Investitionen, Arbeitsangebote für alle, eine Grundsicherung? Andererseits: Dass so viele, als ‚Gutmenschen‘ beschimpft werden, den Flüchtenden ihre Wege erleichtern und helfen, wo sie können, das ist andererseits auch eine Art von Aufbruch. Das ist ‚menschlich‘ in einem guten, alten Sinn.

Als ich letztes Jahr in Sarajewo war, bin ich dort ganz vielen jüngeren Leuten begegnet, die mit leuchtenden Augen erzählt haben, wie schön sie ein paar Jahre ihrer Kindheit in Deutschland verbracht haben – während des Krieges in den Neunzigern. Die werden das nie vergessen. Wie blöd sind wir eigentlich, wenn wir die Flüchtenden heute anders empfangen? Gastfreundschaft – eigentlich ein Grundwert in allen sozialen Gemeinschaften… Wir sind jedenfalls in einen Umbruch geraten – und in ein paar Jahren werden wir vielleicht dies Heute als die schöne alte Zeit sehen… oder als überwundene Epoche der Isolation – wer weiß es?

Dein letztes Album „Rotes Tuch“ hat ja für Furore gesorgt. Es wurde vielfach diskutiert. Gab’s Gegenwind für Deine Lieder? Wie gehst Du mit Kritik um?

Beim ‚Roten Tuch‘ kann ich mich über schlechte Kritik nicht beklagen – es gab keine. Höchstens meckern könnte ich über die Ignoranz der sogenannten Leitmedien: Keine Talkshow hat mich eingeladen, in keiner Kabarettsendung war ich dabei, da fehlt denen der Mut zum Außergewöhnlichen – und mir die Lobby, mich dort anzupreisen. Aber wirklich ärgern tut mich das gar nicht, ich bin sehr gern in den Spuren, in denen ich mich bewege, und fühle mich willkommen – ziemlich gut leben von meiner Arbeit kann ich auch. Sogar Pausen machen, wenn ich will. Also überhaupt kein Grund zum Jammern.

Übrigens schätze ich kluge Kritiken sehr, auch Verrisse. Nur so klischeehaft dahingewalzte Stanzen wie die vom „Altlinken Prediger“, so was nervt. Ich mache gern Krach auf der Bühne und bin auch gern mal ganz leise.

Musikalisch und textend bist Du schon Jahrzehnte unterwegs – hast Du eine ungefähre Vorstellung davon wie viele Vorstellungen (dieser Sprachwitz musste sein!) Du schon gegeben hast? Da müsste doch langsam ein Eintrag im Rekorde-Buch dieser irischen Biermarke drin sein.

Ich spiele ca. 130 Mal im Jahr – da ist dann aber alles eingerechnet, kleine Gastauftritte und Geburtstagsständchen auch. Jedes Jahr denke ich: Diesmal weniger bitte, aber bisher kam’s nie dazu. Worüber ich am Ende dankbar bin. Andere spielen aber viel mehr. Für das Guinness-Buch reicht’s nicht.

In Leipzig sind die hochverdienten Enthusiasten der Liedertour Deine Veranstalter – wie lange reist Du denn schon mit den Menschen um Frank Oberhof? Ist das Freundschaft, Liebe oder Geschäft? Erzähl mal bitte, Manfred.

Geschäft?? Ralph Schüller hat nach unserer Liedertour-Bandtournee im vorigen Herbst gesagt, er müsse jetzt erstmal ne Weile ordentlich als Grafiker zulangen, um das Loch in der Haushaltskasse aufzufüllen… Nein, es sind sehr freundschaftliche, künstlerische Bande, die mich zu dieser Bande hinziehen (auch dies Wortspiel musste sein): Zu Menschen, die uns mit Liedern richtige Abenteuer erleben lassen. Allen voran Frank Oberhof. Ich glaube, ohne Menschen wie ihn gäbe es gar keine ‚Kultur von unten‘, also Unsubventioniertes, wild Wachsendes.

Der Kunstschaffende befeuert ja auch das System mit Produkten – und so wird es mehr und mehr und noch mehr… und die Möglichkeit aus dem Hamsterrad auszusteigen immer schwieriger zu ergreifen. Hast Du manchmal Lust aufzuhören? Wie gehst Du mit der Müdigkeit um? Was treibt Dich auf die Straßen?

Was mich auf die Bühne treibt, hab ich glaub ich schon ein bisschen beschrieben. Jemand hat mal gesagt: Es kostet Überwindung, immer vor andere Menschen zu treten, aber andererseits ist die Bühne der einzige Ort, wo ich glücklich bin. Wo ich so sein kann, wie ich will. Ich kann auch ohne glücklich sein – aber ‚wie ich will‘ tatsächlich nur dort. Deshalb schreib ich mir meine Sachen ja auch selbst: Um sie singen und vorlesen zu können. Der Spieltrieb ist wahrscheinlich bei all dem das Entscheidende. Müdigkeit? Dann muss ich eben mal schlafen. Früher konnte ich 12-14 Stunden wie tot daliegen und mich erholen, jetzt reichen 8 bis 10. Wenn’s mir dann immer noch nicht wieder besser geht, weiß ich: Jetzt biste krank. Kam selten vor bisher.

Danke, lieber Manfred, für Deine Antworten.

Aber gerne doch, danke für Deine Fragen, Volly. Schreib doch Deine Antworten auch mal dazu!! Bis spätestens am 05.02.

InterviewsNeues Schauspiel Leipzig
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