Als hätte es Kurt Masur selbst so zusammengestellt gab es Samstagabend ein Gewandhaus-Konzert, seine Witwe Tomoko erhielt den Mendelssohn-Preis der Stadt Leipzig und ein Kurt-Masur-Institut wurde unter dem Dach der Mendelssohn-Stiftung und des Mendelssohn-Hauses ins Leben gerufen. Traditionen unter Generationen weiterzugeben, das war Mendelssohns Arbeit seit der Gründung des Leipziger Konservatoriums. Und Kurt Masur dachte immer an die nächsten Generationen.

Genau so saß die Musik-Familie am Samstag auf und vor dem Konzertpodium. Um ein Kurt-Masur-Archiv geht es in der zweiten Etage des Hauses in der Goldschmidtstraße und um die Idee eines Internationalen Kurt-Masur-Jugendorchesters. Schon deshalb könnte, hiermit mal so vorgeschlagen, der 16. April zu einem Leipziger Kurt-Masur-Tag werden. „Wer regelmäßig mit klassischer Musik zu tun hat, wird nicht auf andere Menschen einschlagen!“, sprach Kurt Masur vor Jahren mal seine Hoffnung in einem Konzertbesucherforum aus.

Von piano pianissimo zu Herzklopfern

Ein Bach-Stück widmete Anne-Sophie Mutter Kurt Masur, das sagte sie vor ihrer Zugabe auch so an. Da hatte sie schon Felix Mendelssohn Bartholdys Konzert für Violine e-Moll op. 64, mit Dirigent Michael Sanderling und dem Gewandhausorchester, durchgeatmet und über die Muskeln zauberhaft in die Geige hineingearbeitet und mit kaum bewegter Frisur durchlebt, vom Auftritt bis zum Ansetzen von Instrument und Bogen über jede nur scheinbare Pause hinweg mit Hyper-Drive vom unerhört ganz leisen piano pianissimo bis zu Aufkratzern und voluminösen Gebilden zu einer Art von Herzklopfern.

Man muss das gesehen haben, wie sie das hörbar macht, mit eigenen Augen im Konzertsaal, ohne Bildregie und Schnitt. Jedem Auftakt wohnt ein neuer Zauber inne. „Es ist eines jener Werke“, schrieb Kurt Pahlen, „die den Hörer lächelnd und mit undefinierbarem Glücksgefühl im Herzen verabschieden.“ Mit der Komposition hatte Felix Mendelssohn Bartholdy dem Geiger Ferdinand David einen Wunsch erfüllt, uraufgeführt vom Gewandhausorchester, was der Komponist nicht miterlebte, da er in Berlin weilte.

Anne-Sophie Mutter, die nun ihr 40. Bühnenjubiläum begeht, war schon in jungen Jahren Solistin bei Kurt Masur. Sie kümmert sich mit einer eigenen Stiftung und einem Freundeskreis um Musikernachwuchs und trat schon mal in einem Berliner Club auf, um jungen Leuten in Tönen und Worten aus der 300-jährigen Geschichte der Geige zu erzählen.

Ken-David Masur, selbst Dirigent, war „auf ausdrückliche Anweisung meiner Eltern Mitglied des Gewandhaus-Kinderchores“. Foto: Gert Mothes
Ken-David Masur, selbst Dirigent, war „auf ausdrückliche Anweisung meiner Eltern Mitglied des Gewandhaus-Kinderchores“. Foto: Gert Mothes

Kurt Masurs Gäste

Roter Teppich lag vorm Gewandhaus, teils im Logo-Muster gefärbt, denn nun kamen zum Konzert nach Leipzig der Bundespräsident aus Berlin, Sachsens Ministerpräsident aus Dresden. Oberbürgermeister Burkhard Jung begrüßte Gäste aus Kurt Masurs polnischer Geburtsstadt Brieg, und Ken-David Masur wandte sich englisch an jene, die nicht Deutsch sprechen können. Sprache der Musik war für alle verständlich, wenn auch nach einem Finale im Gewandhaus unüblich betörend schnell Applaus in den Nachhall peitschte.

Als Kurt Masur gestorben war, tönte es in Leipzig rasant von Mund zu Mund „Masur ist tot!“ Wer es hörte, erschrak mit offenem Mund. Masur – das ist ein Leipziger Begriff. Fortan erinnerte man sich kollektiv an Künste, Musiker, Bauleute, Erlebnisse. Als ein Gedenkkonzert angekündigt wurde, fand das offene Ohren wie Musikfreunde, als es um Platzbenennungen ging, wurde man zaghafter. Leipzigs Musikschule „Johann Sebastian Bach“ verfügt seit Jahren über einen Kurt-Masur-Saal.

Die Ankunft von Bundespräsident Jochim Gauck am Gewandhaus, Begrüßung durch OB Burkhard Jung & Sachsens Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich. Video: L-IZ.de

Im Publikum des bis zur Orgelempore ausverkauften Hauses sah man Kurt Masurs Tochter Carolin, Stefanie und Bernd-Lutz Lange, Familie Steffen, einst Wirtsleute des „Stadtpfeiffers“, Christa Kalb, früher Kurt Masurs Persönliche Referentin im Gewandhaus, Jürgen Friedel, den Gewandhaus-Gästeführer, Eberhard Friedrich kam im Rollstuhl gefahren, einst in Halle Orchestermusiker und seit Jahrzehnten großer Fan der Leipziger Künstler. Vor Beginn rief Gewandhausdirektor Schulz ins Mikrofon: „Der Bundespräsident und Frau Schadt“ und gab den Anwesenden Handzeichen zum Aufstehen.

Gewandhaus-Fürsorge Kurt Masurs

Kurt Masurs Lebensdaten 18.07.1927 – 19.12.2015 und Lebensstationen zeigen mehrere Landschaften, Nationen und Epochen. Kaum einem Werk dürfte er so verbunden gewesen sein, wie Beethovens IX. Sinfonie, immerhin auch  mit einer Leipziger Silvestertradition seit 1918.

Ludwig van Beethovens Ouvertüre zu Goethes Trauerspiel “Egmont” op. 84 ließ Dirigent Michael Sanderling jedoch nicht zur Trauerarbeit werden sondern schwebte mit den Musikern durch die Partitur. Es war zu gedenken, und mit Musik zur Besinnung zu kommen.

Michael Sanderling war unter der Leitung von Kurt Masur von 1988-1992 Solocellist des Gewandhausorchesters. Sanderling ist als Chefdirigent der Dresdner Philharmoniker ein Nachfolger Kurt Masurs, der an der Elbe diese Position von 1967-1972 innehatte. Als Solist hatte Michael Sanderling einige Jahre dem Gewandhausorchester angehört. Vor dem Leipziger Konzert betonte er, immer „beeindruckt gewesen zu sein, von der Fürsorge, mit der Kurt Masur seine Institution Gewandhaus umgab.“

Oberbürgermeister Burkhard Jung zitierte Kurt Masur, der einst den Leipzigern einen „gegenüber meiner schlesischen Heimat sonderbaren Humor“ bescheinigte, „es war nicht leicht, aber so nach und nach wuchs das Vertrauen“.

Kurt Masurs wirkliche Werte seien Geist, Kultur und Musik gewesen. „Ohne Kurt Masur gäbe es das Haus nicht“, kommentierte Burkhard Jung dieses DDR-Kapitel Bau- und Musikgeschichte, und spontan brandete Applaus auf. Seiner Rede fügte Burkhard Junge noch an, dass er sich manchmal nach Kurt Masurs ruhiger starker Stimme sehne, „bei all dem extremistischen Geschwätz, das wir jetzt in dieser Zeit manchmal erleben.“

Elisabeth Leonskaja übernahm den Klaviertpart in Robert Schumanns Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello. Foto: Gert Mothes
Elisabeth Leonskaja übernahm den Klaviertpart in Robert Schumanns Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello. Foto: Gert Mothes

Mendelssohn-Preis für Tomoko und Masurs Geist

Burkhard Jung übernahm auch die Laudatio für Tomoko Masur und ihr Engagement in der Mendelssohn-Stiftung an der Seite ihres Mannes als „Menschenfängerin, die den Leuten auch das Geld aus der Tasche ziehen kann.“

Bewegt sprach Tomoko Masur Dankesworte, erzählte, wie es ihr eine Selbstverständlichkeit gewesen sei, alles mit ihrem Mann gemeinsam zu tun. Tomoko Masur sprach von Masurs Menschlichkeit und  Geist, und der lag im Raum in Luft und Klang: Kurt Masurs Geist ist lebendig. Schon bevor Tomoko hoffte, er möge von oben zusehen, und stolz sein, wenn nun sie den Leipziger Mendelssohn-Preis entgegennimmt.

Fern ist der Moment von 1981 bei der ersten Veranstaltung „begegnung im Gewandhaus“ 1981 bei dem sie ihren Mann begleitete und überrascht war, als man sie um ein Autogramm bat. Sie, die selbst studierte Musikerin als Instrumentalistin und Sängerin ist, wie Kurt Masur an der Leipziger Musikhochschule. „Ich habe aber einen Abschluss“, erzählte sie in einem Super-Illu-Interview: „Darauf Kurt Masur schmunzelnd: ‚Ich habe während des Studiums nachts Tanzmusik machen müssen, einfach, damit wir genügend zu essen hatten, und dann kam ich früh oftmals zum Unterricht und war müde und kaputt. Eines Tages merkte ich, wie die Herzschmerzen begannen, das war enormer Stress. Und dann kam ein Angebot aus Halle. Statt weiter zu studieren, habe ich dort als Korrepetitor angefangen.’“

Chorsänger – auf Anweisung der Eltern

Gewandhausorchester-Tradition war auch zu Kurt Masurs Zeit intensive Chorarbeit. Und nachdem nun Gewandhaus-Kinder- und -Jugendchor Felix Mendelssohn Bartholdys „Laudate pueri Dominum“ dargeboten hatten, sprach der Masur-Sohn Ken-David, schon lange selbst als Dirigent tätig: „Auf ausdrückliche Anweisung meiner Eltern war ich Mitglied dieses Chors, weil ich für einen Thomaner zu alt war. Und ich habe dieses Stück immer sehr gern gesungen.“

Er sprach „Paps“ direkt an, erzählte von gemeinsamen Konzerten mit dem Vater als Dirigent, und von der Freude mit einem Orchester arbeiten zu können. Nach dem Wort „unermüdlich“ stutzte er: „Jetzt kam mein Sächsisch durch! Ist ok so.“ „Ihnen allen Gottes Segen“, rief Ken-David Masur in den Saal.

Zum Konzertprogramm des Abends fanden sich Musiker zusammen, die Kurt Masurs Wegbegleiter waren: Elisabeth Leonskaja, Klavier, Frank-Michael-Erben, Violine, Alban Gerhardt, Violoncello, Anton Jivaev, Viola. Elisabeth Leonskaja ließ den 3. Satz aus Robert Schumanns Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello akribisch strömen und wie Wassertropfen ausklingen.

Steffen Schleiermacher, hauseigener Sachwalter zeitgenössischer Musik, und so wie einst Friedrich Schenker von Kurt Masur ans Gewandhaus geholt, brachte die Komposition „Felsen – zum Gedenken an Kurt Masur“ zur Uraufführung, in der fünf Minuten kurz in musikalischen Formen metaphorisch Ansichten von Gestein vielfältig sehr lebendig hörbar wurden.

Tomoko Masur und Bundespräsident Joachim Gauck danken nach ihrem furiosen Auftritt Anne-Sophie Mutter. Foto: Gert Mothes
Tomoko Masur und Bundespräsident Joachim Gauck danken nach ihrem furiosen Auftritt Anne-Sophie Mutter. Foto: Gert Mothes

Diener am Werk

„Ich fühle mich als Diener am Werk“, hatte Kurt Masur in einem Interview gesagt, als er gerade mit Anne-Sophie Mutter als Solistin im Gewandhaus gearbeitet hatte:  „Aber ich überlege nicht, mich zurückzuschrauben in jene Zeit, in der das entstanden ist, sondern ich bin ein moderner Mensch, ich bin ein lebendiger Mensch. In der damaligen Zeit werden einige der Harmonien, die Beethoven geschrieben hat, die Menschen erschreckt haben. Das geschieht heute einfach nicht mehr. Das sind Gewohnheitsdinge. Aber, und jetzt sage ich aber: Ich versuche das Orchester immer wieder zu überzeugen, dass der Überraschungseffekt bei Beethoven bleiben muss.“ Kurt Masur wurde gefragt, wann er denn glücklich sei: „Ich bin ein glücklicher Dirigent, wenn die Verbindung zum Orchester ganz eng ist. Wenn das Orchester selbst die kleinste Regung spürt. Und wenn es genau merkt, dass ich jeden Abend ein bisschen anders atme an dieser Stelle, und diese Regungen nachvollziehen kann. Und wenn man solche Solisten hat, deren Ausstrahlung so stark ist, dass man sich vereinen kann oder auch gewillt ist zu folgen.“

Auch Sachsens ehemaliger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf ließ es sich nicht nehmen, dabei zu sein. Video: L-IZ.de

Verzeichnisse und Nachschlagewerke offenbaren manchmal Zahlen mit erstaunlichen Hintergründen. In der Deutschen Nationalbibliothek und ihrem Musikarchiv hat Anne-Sophie Mutter beispielsweise 212 Positionen, 7 davon sind auch mit dem Namen Kurt Masur verbunden. Elisabeth Leonskaja ist in den Beständen 76 Mal vertreten, zehn davon mit Kurt Masur.  Für Kurt Masur allerdings sind 823 Positionen verzeichnet! Es mögen Schallplatten und digitale Ressourcen zweifach gezählt sein, gleiche Bestände in Leipzig und Frankfurt/Main sind einfach erwähnt.

Im Kurt-Masur-Institut wird man es mit den fortlaufenden Sammlungen und Beständen aus Fotografien, Programmheften und Besprechungen zu ganz anderer Vielzahl bringen. Interessenten dafür gibt es schon jetzt.

Masur, das bleibt ein Leipziger Begriff.

MDR Figaro überträgt das Konzert vom Samstagabend im Gewandhaus zu Leipzig am 19.04.2016, ab 20:05 Uhr.

Meinungen: „Sehr kurzweilig!“ – „Ein Programm wie von Kurt Masur zusammengestellt!“ – „Ohne Kurt Masur gäbe es das Gewandhaus nicht. Und Mendelssohns Wohnhaus wäre Leipzig verloren gegangen.“ (OBM Burkhard Jung in seiner Rede.) – „Gespielt habe ich das Mendelssohn-Konzert auch schon auf der Violine! Aber laaaannnngge nicht so schnelllll!“ – „Es war ein schöner Abend.“

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