Flausen (24) und MC Dauerwelle (25) sind zwei Rapperinnen aus Leipzig. Die beiden Solo-Künstlerinnen haben schon einige Songs zusammen produziert, eine gemeinsame EP (Extended Play) ist in Planung. Im Interview mit der Leipziger Zeitung (LZ) erzählen sie von ihrer Musik zwischen Frustration, Empowerment und Spaß und berichten von einem sexistischen Vorfall während eines Videodrehs.

Welche Idee oder Philosophie steckt hinter eurer Musik?

Flausen: Der Großteil von dem, was wir so an Songs spielen und machen, ist schon sehr politisch und eigentlich sehr oft mit irgendeiner Art von Sozialkritik oder Message verbunden. Es geht natürlich auch darum, Emotionen, Wut und Frustration rauszulassen – das ist ein treibendes Element. Manches machen wir aber auch einfach so, aus Spaß an der Sache.

MC Dauerwelle: Eigentlich haben wir aus Fun angefangen, aber nie irgendwie wirklich groß was anderes gemacht als politische Texte, weil das das ist, was so nach draußen will.

Würdet ihr euch als Duo bezeichnen?

Flausen: Ich würde sagen, wir sind ein Duo. Wir treten immer zusammen auf. Aber wir haben auch jeweils einige Solo-Tracks. Ein paar davon kommen bald auf meiner ersten Solo-EP „Wörter zum Takt“ raus. Das nächste Projekt ist dann eine gemeinsame EP.

Und ihr wart schon vorher befreundet? Oder hat euch die Musik zusammengebracht?

MC Dauerwelle: Nee, wir waren schon vorher befreundet. Seit … Wann war das MS Dockville?

Flausen: 2016? 2017?

Wer gehört noch zu eurer Crew?

Flausen: Fest dazu gehört noch unser Produzent Kulmbach. Der hat lange Zeit einfach für sich Beats gemacht. Über Dernoie und Dr. Dorax haben wir ihn dann kennengelernt und jetzt werden wir ständig mit guten Beats versorgt! Seit kurzem treten wir auch mit Kulmbach als DJ auf. Zum Beispiel Anfang Juli im Conne Island.

Und was baut Kulmbach euch für Beats? Wie würdet ihr eure Musik beschreiben?

MC Dauerwelle: Das meiste ist Boom-Bap, ab und zu auch trappige Beats. Ich finde Kulmbach hat da schon irgendwie ‘nen sehr eigenen Stil.

Wie lange macht ihr schon Musik?

Flausen: Glaube so 2018 habe ich angefangen. Die Songs, die auf der „Wörter zum Takt“-EP erscheinen, habe ich alle 2019 geschrieben. Und im Sommer 2019 haben wir uns dann erst musikalisch zusammengetan. Dann haben wir uns jemanden für die Beats gesucht. Und seit 2020 machen wir Auftritte.

Wo haben euch eure Auftritte schon hingeführt?

Flausen: Bisher halt in Leipzig und auch nach Halle.

MC Dauerwelle: Ja, die größte Nummer bisher war als Voract von MCE im Werk 2. Und auch zusammen mit Pöbel MC jetzt im Conne Island war krass!

Ihr meintet vorhin, ihr macht tatsächlich hauptsächlich politische Texte. Welche Themen lasst ihr so in eure Musik einfließen?

Flausen: Feminismus und Sexismus auf jeden Fall. Wie in meinem Song „Nein“. Aber auch so allgemein kapitalistische Gesellschaft, Polizei, Gentrifizierung. Also ein breites Feld.

MC Dauerwelle: Also einige Themen natürlich auch bisschen lustiger gemacht. Bei manchen Themen kann man aber nur ernst darüber sprechen.

Flausen: Wir kommen ja aus Leipzig und schreiben auch darüber, wie sich die Stadt verändert. Beschlüsse, Mieten. Sachen, die einem schon manchmal über den Kopf wachsen.

Worum geht es in „Nein“?

Flausen: In dem Song geht es um Gewalt, sexualisierte Gewalt, grenzüberschreitendes Verhalten, das sich vor allem gegen FLINTA*-Personen richtet. Und um die Frustration darüber. Aber der Song soll auch empowern. Dass wir uns das nicht gefallen lassen und zusammenhalten dagegen.

Ich denke viele, vor allem FLINTA*-Personen, haben schon Erfahrungen mit Grenzüberschreitungen gemacht und dass ein „Nein“ nicht akzeptiert wird. Das ist ein inakzeptables Verhalten und dementsprechend muss es Gegenwehr geben.

Beim Videodreh zu „Nein“ im Rabet ist es ja dann tatsächlich zu grenzüberschreitendem Verhalten gegenüber euch und euren Leuten gekommen. Was genau ist passiert?

Flausen: Das war am 19. Juni. Das komplette Projekt war halt nur von FLINTA*-Personen, also sowohl hinter der Kamera als auch davor. Wir waren neun Leute, die Rapper/-innen L-Sura und Radikkali waren auch dabei. Wir haben uns natürlich einfach selbstbewusst gezeigt, haben dort ordentlich Action gemacht, auch mit Graffiti und allem drum und dran.

Hinter uns stand anscheinend schon länger dieser Typ und hat uns beobachtet und gefilmt. Wir dachten zuerst, der wäre vielleicht nur interessiert. Irgendwann hat er dann aber gesagt, wir sollen die Musik leiser machen. Eine Person aus unserer Gruppe hat dann irgendwas in sich reingemurmelt und dann kam er an von wegen: „Hast du was gesagt? Was hast du gesagt, du Schlampe?“ Und wurde immer aggressiver.

Das LZ Titelblatt vom Monat Juli 2022. VÖ. 29.07.2022. Foto: LZ

Und als er dann auch gemerkt hat, dass wir uns nicht gleich verziehen, sondern unseren Dreh weitermachen wollen, ist es dann ausgeartet. Während er uns beleidigt hat, kamen gerade seine Kumpels dazu. Und dann kam es zum Handgemenge. Dabei hat er einer Person die Kontaktlinse bei einer Ohrfeige rausgeschlagen, hat uns angespuckt.

Und die umstehenden Typen haben ihn halt immer so ein bisschen zurückgehalten, aber sind auch nicht wirklich dazwischengegangen. Das waren halt wirklich Mitläufer, die sich auch nicht getraut haben, jetzt mal zu sagen, dass er zu weit geht. Er ließ sich erst beruhigen als noch weitere Personen von außerhalb dazukamen. Diese ganze Situation hätte noch wesentlich schlimmer enden können.

Ich glaube auch nicht, dass das Ganze so zufällig bei dem Track passiert ist, weil ich denke, der ist einfach für sexistische Leute sehr „triggernd“. Er hat sich anscheinend ja irgendwie sehr in seinem „Revier“ oder was auch immer bedroht gefühlt.

Laut einem Instagram-Post von euch wurde die Situation dann auch nicht besser als die Polizei dazukam und der Aggressor abgezogen war. Würdet ihr dazu noch mal etwas erzählen?

Flausen: Langsam sind der Typ und seine Leute abgezogen und wir haben versucht uns zu beruhigen. Dann kam eine Person, die das ganze beobachtet hatte und meinte, sie hätte die Polizei gerufen. Das war auf jeden Fall dann die nächste unschöne Situation. Es kam ein Polizist auf uns zu, der gefragt hat, was los war. Wir haben da schon gesagt, dass wir nicht mit der Polizei reden wollen und dass wir keine Anzeige aufgeben wollen.

MC Dauerwelle: Dann hat er aber auf die betroffene Person, die geschlagen wurde, eingeredet, dass sie ihre Personalien angeben muss. Als die betroffene Person dann aber meinte, dass sie das nicht will, hat der das erst mal akzeptiert.

Dann kam aber noch ein zweiter Polizeiwagen irgendeiner anderen Einheit. Da ist dann ein zweiter Polizist zu uns gekommen und hat dann halt wirklich darauf bestanden, dass sie jetzt ihre Personalien angeben müssten und eine Aussage machen müssten.

Der hatte so einen Ton drauf, der richtig herablassend war. Er hat den Leuten von uns, die mit ihm geredet haben, auch versucht, ein schlechtes Gewissen einzureden, von wegen: „Ich bin extra mit Blaulicht angekommen, mir wurde hier gemeldet, es gibt eine Straftat, da muss ich dem auch nachgehen.“

Und dann hat er aber tatsächlich auch so Sachen gesagt wie: „Ja, für euch setze ich jetzt meine Sonnenbrille ab, damit ihr meine schönen Augen sehen könnt.“ Und hat dann noch einen Vergewaltigungsvergleich gebracht. Wenn das jetzt eine Vergewaltigung wäre, müsste man ja auch seine Personalien angeben.

Einfach sowas zu sagen ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob das jetzt vielleicht noch jemanden in dieser eh schon aufwühlenden Situation noch mehr triggert. Man hat wirklich gemerkt, dass ihm total egal war, was uns passiert ist. Der wollte nur seine komischen Paragraphen einhalten und bearbeiten.

Der andere Polizist, der vorher schon mal da war, hat dann übernommen und sich auch für seinen Kollegen entschuldigt. Und dann sind die wieder gefahren und wir haben unseren Videodreh zu Ende gebracht. Wir hatten zwar immer noch ein unsicheres Gefühl, wollten aber eigentlich umso mehr weitermachen und keine Ruhe geben. Eigentlich hat am Ende alles dem Text vom Lied entsprochen.

Es wäre natürlich auch voll verständlich gewesen, nach so einer Situation abzubrechen! Aber trotzdem allen Respekt an euch fürs Durchziehen. Eine Anzeige ist ja für euch keine Option. Wie geht ihr jetzt weiter mit dem Vorfall um?

Flausen: Genau, die Personalien, die sie von uns aufnehmen, können ja nicht nur in unserem Sinne eingesetzt werden. Außerdem ist der juristische Weg nicht wirklich öffentlich, super langwierig und würde wahrscheinlich im Nichts enden. Zumal das Viertel um den Rabet eh schon unter Repressionen durch die Polizei leidet.
Wir glauben, dass es mehr bringt, das öffentlich zu machen und nicht zu normalisieren, was passiert ist.

Hattet ihr schon öfter Situationen, in denen eure Musik irgendwie auf toxisch männliche Gegenwehr gestoßen ist?

Flausen: Also auf jeden Fall nicht so in der Form.

MC Dauerwelle: Ja, ich denke, das liegt auch echt an unserer Bubble. Unsere Konzerte spielen wir eigentlich größtenteils in irgendwelchen linkspolitischen oder auch noch in feministischen Kontexten.

Flausen: Ja, also es gab Leute aus unserem Umfeld, die sich in einigen Texten wiedererkannt und reflektiert haben. Aber das ist ja auch gut so irgendwie.

Flausen und MC Dauerwelle treten im August wieder in und um Leipzig auf:
26. August 2022: Flow Must Go On (Conne Island)
27. August 2022: Crossover-Festival (Grimma, Alte Spitzenfabrik)

Vorher feiert Flausen noch zwei Releases:
Ihre „Wörter zum Takt“-EP wird am 5. August auf allen gängigen Plattformen veröffentlicht. Das Video zum Song „Nein“ kommt am 4. August auf dem YouTube-Kanal der beiden Rapperinnen (Flausen und MC Dauerwelle) raus.

„Es geht darum, Emotionen, Wut und Frustration rauszulassen“ erschien erstmals am 29. Juli 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 104 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar