Seit 1962 pflegt der Leipziger Synagogalchor jüdische Musik und hält damit auch eine Leipziger Tradition wach, die bis 1933 lebendig war. Selbst der Mitteldeutsche Rundfunk übertrug ab 1927 Synagogenmusik. Der Initiator dahinter: Samuel Lampel, Kantor an der Großen Gemeindesynagoge in der Gottschedstraße. Und ihn würdigt der Synagogalchor jetzt mit einer ganz besonderen Einspielung seines „Abendgebets für Schabbat“.

Die CD dokumentiert einen bislang weithin unbekannten Teil Leipziger Musikgeschichte: Samuel Lampel, von 1914 bis 1938 Kantor an der liberalen Großen Gemeindesynagoge in der Leipziger Gottschedstraße, hatte 1928 im Verlag M. W. Kauffmann den Notenband „Kol Sch’muel“ (Die Stimme Samuels) publiziert, der 57 liturgische Kompositionen und Bearbeitungen für gemischten Chor, Kantor und Orgel enthält.

„Aus diesen Werken haben wir zusammen mit Kantor Assaf Levitin den für den Schabbat-Gottesdienst bestimmten Teil ausgewählt, 19 Stücke vom einleitenden ‚Mah tauwu‘ bis zum Ausgangslied ‚Adaun aulom‘, darunter das beschwingte Strophenlied ‚L’cho daudi‘ zum Empfang des Schabbats, dramatische Psalmvertonungen, einstimmige Gemeindegesänge und eindringliche Gebete“, beschreibt der Chor seine Herangehensweise an Lampels Kompositionen.

„Lampels Werke betten sich auf dem traditionellen Ritus, wagen aber auch Ausbrüche in die Moderne, die von seiner kompositorischen Ambition und seinem musikalischen Können zeugen. Die Texte wurden im Original belassen, sie sind in der zeitgenössischen lokalen Form des aschkenasischen Hebräisch zu hören. Den Schluss bildet Lampels berührender deutscher ‚Segen‘, der ebenfalls aus dem Notenband stammt und mit dem wir oftmals unsere Konzerte beenden.“

Ein besonderer Aufnahmeort: die Thomaskirche

Assaf Levitin, Chasan der Hamburger Reformsynagoge, hat den umfangreichen Kantorenpart übernommen. Die Sauer-Orgel der Thomaskirche spielt Ivo Mrvelj, Assistenzorganist der Thomaskirche. Und die Thomaskirche war dann auch Aufnahmeort für diese eindringliche Chormusik, mit welcher der Leipziger Synagogalchor einmal mehr seine hohe Professionalität beweist.

Im Vorwort zu seiner Liedersammlung hatte Lampel extra betont: „Dass viele derselben nur mit einem ausgezeichneten Chorkörper und einer sehr guten Orgel ausgeführt werden können, ist mir wohl bekannt – und mein herzlicher Wunsch.“

Der Ort freilich, wo die Lieder damals zur Erstaufführung kamen, die Große Synagoge in der Gottschedstraße, existiert nicht mehr. 1938 wurde sie von den Leipziger Nationalsozialisten in Brand gesteckt.

Über ein von der Firma Sauer eingerichtetes Instrument verfügte auch diese einstige Wirkungsstätte Samuel Lampels, die nur wenige Meter von der Thomaskirche entfernt stand und an die heute ein Denkmal erinnert.

Samuel Lampel

Samuel Lampel hat die Schoah nicht überlebt, 1942 wurde er zusammen mit seiner Frau Rosa „gen Osten“ deportiert und vermutlich in Auschwitz ermordet. Seine Werke gerieten in Vergessenheit, abgesehen von wenigen Aufführungen einzelner Stücke, insbesondere durch den Leipziger Synagogalchor.

„Mit der CD, die sein Schaffen ehrt, verleihen wir der ‚Stimme Samuels‘ neue Kraft und neuen Klang“, betont der Synagogalchor selbst.

Lampel war übrigens seit 1914 Kantor an der Großen Gemeindesynagoge, wo er gemeinsam mit Barnet Licht auch öffentliche Konzerte organisierte. Seine Vertonungen zeigen zugleich, dass Lampel auch modernen Hörgewohnheiten Rechnung trug. Manches scheint direkt aus der romantischen Musiktradition zu stammen, manches hat liedhaften Charakter. So werden diese gesungenen Psalmen und Lieder am Schabbat auch zu einer Feier des Lebens. Und vielleicht geht ja Assaf Levitins Wunsch in Erfüllung, dass diese Lieder nicht nur auf der CD hörbar bleiben oder in Konzerten des Synagogalchors erklingen, sondern auch wieder Teil von Gottesdiensten in Synagogen werden.

Aber das Wichtigste ist, dass diese CD das Werk des einstigen Kantors Samuel Lampel wieder hörbar macht. Und damit zu einem wahrnehmbaren Teil der Leipziger Musikgeschichte. Erlebbar sowieso, denn diese Musik wirkt auch dann, wenn man die Worte nicht versteht und man sich einfach einlässt auf diesen eindringlichen Wechselgesang von Kantor und Chor, in dem im Lobpreis Gottes letztlich die Feier des Lebens stattfindet. Das christliche Wort „Erbauung“ wäre viel zu schwach, diese gemeinsame Bestärkung in Zuversicht zu beschreiben, die Lampel – der erst Lehrer wurde, bevor er seine Begeisterung für die Musik entdeckte – hier in Noten gesetzt hat.

Und die der Leipziger Synagogalchor unter Leitung von Philipp Goldmann auf eindrucksvolle Weise wieder hörbar gemacht hat.

Samuel Lampel „Abendgebet für den Schabbat“, Rondeau Production, Leipzig 2023, CD ROP6250.

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar