Das Schicksal Anne Franks blieb Thea Gersten erspart. Ein Tagebuch aber hat die 1925 in Leipzig geborene Tochter des jüdischen Pelzhändlers Chaim Lazar Gersten ebenfalls geschrieben, begonnen 1939, ein halbes Jahr nach der sogenannten „Reichskristallnacht“, in einer Zeit, in der die kleine Familie längst verzweifelt versuchte, irgendwie aus Deutschland herauszukommen.

Bekannt ist Theas Tagebuch in Leipzig seit 2001, als die verheiratete Thea Hurst erstmals wieder ihre Kindheitsstadt besuchte, die sie im Juli 1939 mit ihrer Mutter und ihrem Bruder verlassen konnte Richtung Warschau, wohin ihr Vater als ehemaliger polnischer Stastsbürger schon abgeschoben worden war. Warschau – da bekommt man schon Gänsehaut, wenn man den weiteren Verlauf der Geschichte kennt. Doch Thea gelang es zusammen mit ihrem Bruder Adi und ihrer Mutter Rosa, noch im Juli weiterzureisen nach London. Sechs Wochen vor dem Kriegsausbruch. Sie hatten für England eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Nur ihren Vater mussten sie zurücklassen, noch Jahre hoffend, er würde vielleicht überleben.

Doch die Überlebenschance der polnischen Juden tendierte gegen null. 1942 wurde Lazar Gersten nach Treblinka deportiert und dort ermordet. Etwas, was Thea erst nach dem Tod ihrer Mutter erfuhr.

Ihr Tagebuch ist noch voller Hoffnung, dass es dem Vater in Warschau gut geht und sie sich irgendwann einmal wiedersehen. Das Grauen der Zeit lässt sie kaum einmal hinein in ihr Tagebuch, das ihr immer wieder der einzige und beste Vertraute wird. Hier sucht Thea Zuflucht, wenn es draußen im Leben irgendwie falsch läuft. Immerhin ist sie erst 13 Jahre alt, als sie das Tagebuch zu führen beginnt.

Sie kommt also in jenes sowieso verzwickte Alter, in dem ein junger Mensch ohnehin alles infrage stellt – sich selbst, seine Freundschaften, das künftige Leben. Alle Grenzen verschwinden. Auf einmal werden Fragen nach Freundschaft und Liebe existenziell. Thea ist zwar noch sehr jung – aber ihre Gedanken und Überlegungen sind ernsthaft und selbstbewusst. Auch wenn der Zweifel immer da ist, ob sie eigentlich selbst genügt, klug genug ist, attraktiv, geliebt um ihrer selbst willen.

Wie geht es nun weiter?

Aber sie muss auch eine Person gewesen sein, die gut zuhören konnte und anderen Menschen das Gefühl gab, sich ihr anvertrauen zu können. Was die ganze Sache mit dem Leben und Vertrauen ja bekanntlich noch viel schwierige macht.

Während gleichzeitig stets die Sorge über der kleinen Familie schwebt, wie man das Geld für den nächsten Tag verdienen könnte. Denn die Rettung nach England heißt ja noch nicht, dass sie dort ein Auskomme haben. Auch wenn Bruder Adi sofort versucht, wieder ins Pelzgeschäft einzusteigen. Doch es ist Krieg. Wer braucht da gerade einen schicken Pelz? Auch London ist zum Angriffsziel der deutschen Luftwaffe geworden. Die kleine Familie muss immer wieder umziehen. Und Thea, obwohl noch längst nicht volljährig, sucht sich Jobs, um die Familienkasse zu füllen. Während sie gleichzeitig über ihre eigene berufliche Zukunft nachdenkt.

Eigentlich hätte sie dazu in einem friedlichen Deutschland Zeit und Ruhe gehabt. Doch das ist ihr in der Emigration nicht gewährt. Was die Sache noch schwieriger macht: Sie ist klug und weiß, dass sie sich nie in ein Hausmütterchen-Dasein schicken kann, auch nicht in einen Beruf, der sie geistig nicht fordert. Das wird selbst in den Gesprächen mit den vielen Männern deutlich, die sie zum Beispiel bei der Arbeit in einem Club der US Army kennenlernt. Sie merkt schon, dass gerade kluge, gebildete Männer ihre Nähe suchen und in ihr eine Gesprächspartnerin finden, die sie respektieren. Manchmal auch ein bisschen mehr.

Aber ein junger Mann beschäftigt sie immer wieder: Philipp aus Grimma, den sie noch in Leipzig kennengelernt hat, der sie fasziniert und bedrückt, beflügelt und immer wieder zu Abstand zwingt. Immer wieder treffen sie sich, schreiben sie sich. Dabei ist Philipp mehr als eine Verbindung zu ihrer glücklichen Zeit in Leipzig. Eine echte Herausforderung.

Die Gretchenfrage

Bis 1947 hat Thea ihr Tagebuch fortgeführt. Da ist der Krieg längst vorbei. Und nach und nach wird bekannt, welches Grauen die Deutschen angerichtet haben. Kurzzeitig hatte Thea mit dem Gedanken gespielt, nach Palästina zu gehen und dort in einem Kibbuz zu leben und zu arbeiten. Doch mitten in der Zeit gerät sie in eine tiefe Glaubenskrise. Die religiöse Strenge wird für sie inakzeptabel. Dabei hatte ihr die zionistische Jugendgruppe zeitweise Zuflucht und Halt gegeben.

Aber dazu ist sie zu kritisch – auch sich selbst gegenüber. In „Gedanken über meinen Glauben“ macht sie tabula rasa und zeigt sich als moderne, emanzipierte Frau, der die alten Rollenbilder nicht genügen.

Was – wie sie betont – nichts mit ihrem Glauben an Gott zu tun hat. Aber sie kann die Berufung auf all die jüdischen Gelehrten nicht mehr ernst nehmen. All die Berge religiöser Interpretationen sind für sie eindeutig nur Menschenwerk. Und auch Anmaßung. Aber gleichzeitig ist es für sie auch das Erlebnis einer tiefen Lebenskrise. Auch weil ihr die Menschen fehlen, mit denen sie wirklich ernsthaft über das Leben und den ganzen Rest reden kann.

Das ist ihr bis zum Schluss immer wieder tiefes Bedürfnis. „Ob es der Krieg ist, der mich so niedergeschlagen und deprimiert macht?“, fragt sie am 28. März 1942. „Ich habe allen Enthusiasmus verloren.“

Später gesteht sie ihrem Tagebuch, dass sie wohl auch den Sinn für ihre Mitmenschen verloren hat. Jeder scheint nur mit sich beschäftigt. Und bei Theas Mutter wird irgendwann klar, wie sie versucht, ihre Gefühle vor den Kindern zu verstecken. Sie muss noch viel stärker unter der Trennung von ihrem Mann gelitten haben, von dem irgendwann keine Nachrichten mehr kamen. Da ahnt man schon, wie belastend auch eine geglückte Flucht für die Betroffenen ist. Denn sie hören ja nicht einfach auf, Menschen mit Gefühlen, Sehnsüchten und Erinnerungen zu sein.

Oder eben dieser nie zu stillenden Sehnsucht nach Verstandenwerden und Geliebtwerden, die Thea nie loswird. Und in einigen Tagebucheinträgen wird deutlich, dass es anderen nicht anders ging – auch nicht den jungen Männern, die auf ihren nächsten Einsatz an der Front warteten.

Was darf man verlangen vom Leben?

Der Krieg zerreißt nicht nur Leben und Schicksale. Er macht die Menschen auch einsam. Noch einsamer als sonst. Erst recht, wenn sie mitten in dem verzwickten Alter stecken, in dem man eigentlich die Suche nach dem eigenen Selbst beginnt und sich fragt, wer man wirklich ist. Und wen andere nun in einem sehen. Das Tagebuch endet nicht wie erwartet, denn 1944 erkrankt Thea auch noch an Diphtherie, muss für Monate ins Krankenhaus und hat am Ende Glück, weil sie eine der Ersten ist, die mit Penicillin geimpft werden.

Am Ende sehnt sie sich geradezu nach einer eigenen Familie und Kindern. Aber noch immer hält sie sich für oberflächlich: „Ich habe zu wenige Dinge richtig tief erlebt. Ich habe das Leben mit mir herumspielen lassen, ich habe es akzeptiert, ohne zu fragen“, schreibt sie im letzten Tagebucheintrag. „Vielleicht verlange ich zu viel, aber das ist eben meine Natur.“

Es sind solche Sätze, die ahnen lassen, warum sie auf viele Männer so anziehend gewirkt haben muss. Gerade Männer wie Philipp, die in Frauen auch die ernsthafte und herausfordernde Gesprächspartnerin suchen.

Und dann denkt man kurz daran, was aus Thea geworden wäre, hätte sie Leipzig nicht verlassen müssen. Und aus dieser Stadt und diesem Land. Denn an dieser Stelle wird ja auch klar, wie ausgemacht infantil und frauenfeindlich der Nationalsozialismus war. Und wie er ein ganzes Land, das mal stolz auf seine Dichter und Denker war, in Unmündigkeit und alte, bornierte Einfalt stürzte. Das wird fast immer vergessen, wenn das NS-Reich historisch eingeordnet wird.

Es war nämlich auch ein moralischer und emanzipativer Rückschritt. Mit patriarchalischen Denkweisen, die in der alten Bundesrepublik noch Jahrzehnte lang dominierten und den Blick auf die Emanzipationsbewegungen in der Weimarer Republik völlig verstellte. Und auch den auf die Emanzipation des jüdischen Bürgertums, das eben auch geistiger Träger eines Großteils der europäischen Moderne war, bevor die Chauvinisten wieder alles niedertrampelten.

Und das Schlimme ist: Ein gewisser Teil unserer Gesellschaft lernt einfach nichts draus und trägt die alten Ansichten wieder wie eine Monstranz vor sich her.

Wieder aktuell: das Thema Flucht

2001 hat Thea Hurst ihr Tagebuch erstmals öffentlich gemacht und auch eine Einleitung und einen Epilog dazu geschrieben. An ihren ermordeten Vater Chaim Lazar Gersten erinnert inzwischen ein Stolperstein vor dem einstigen Wohnhaus der Familie in der Thomasiusstraße 23. Ein Foto im Buch zeigt Lazar Gersten auch vor seiner Pelzhandlung am Brühl 34–40.

Und das Erstaunlichste ist eigentlich, dass sich heutige Mädchen zwischen 13 und 21 wohl ganz ähnliche Gedanken machen über sich selbst, ihre Beziehungen und ihre Zukunft. Zumindest, wenn sie sich so ernsthaft mit ihrem Leben beschäftigen, wie Thea das tut, die sich oft stundenlang in ihr Tagebuch vertieft, weil sie im Zwiegespräch mit dem Geschriebenen versucht, all diese Unsicherheiten und Aufregungen in ihrem Leben zu verstehen, die sie immerzu an sich selbst zweifeln lassen. Bis zum Schluss, kann man sagen, wo sie gar ihre Vernunft dafür schuldig spricht, dass sie sich immer nur halb auf das Leben eingelassen habe. Obwohl ihr Tagebuch etwas ganz anderes verrät.

Und der Verlag weist, nicht zu Unrecht, darauf hin, dass Theas Geschichte mal wieder aktuell ist, weil wieder viele junge Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden, die ganze Unsicherheit von Flucht und Emigration erleben und gezwungen sind, in fremden Ländern Fuß zu fassen, wieder Vertrauen zum Leben zu gewinnen. Und die meisten werden ganz ähnliche Erfahrungen machen wie Thea – Erfahrungen, die auch ans Persönliche gehen und das eigene Selbst infrage stellen.

Mit Thea kann man erfahren, wie das auch gedanklich passiert, wenn sich eine junge Frau immer wieder herausarbeitet aus den Stunden der Niedergeschlagenheit, neuen Mut fasst und ihrem Leben eine neue Wendung gibt. Ein Tagebuch, das auch noch nach Jahrzehnten Mut macht und Zuversicht vermittelt. Und zeigt, dass die ganzen Zweifel und Ungewissheiten der Jugend dazu gehören. Dass niemand allein ist mit diesen Kämpfen, auch wenn es sich oft so anfühlt.

Thea Hurst „Das Tagebuch der Thea Gersten“, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2023, 19,80 Euro.

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar