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Intendantin Winnie Karnofka im Interview: Visionen und Herausforderungen am Theater der Jungen Welt

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    Während die Sonne draußen scheint und die Proben für die ersten analogen Theaterstücke an der frischen Luft laufen, erscheint auf dem Bildschirm das strahlende Gesicht von Winnie Karnofka. Man merkt der Dramaturgin die Vorfreude auf die kommende Spielzeit an. Seit letztem Jahr ist Karnofka die Intendantin am Theater der Jungen Welt (TDJW) in Leipzig. Wie sie ihr erstes Jahr überstanden hat und wovon sie am TDJW träumt, verrät die gebürtige Thüringerin im Interview mit der Leipziger Zeitung (LZ). *

    Sie haben schon als Dramaturgin in Weimar, Gelsenkirchen und Göttingen gearbeitet. Wie unterscheidet sich die Arbeit am TDJW von Ihren bisherigen Arbeitsplätzen?

    Ich bin ja schon eine ganze Weile, seit 2013, am TDJW. Der größte Unterschied war natürlich das Publikum. Vorher habe ich hauptsächlich für erwachsene Zuschauer/-innen gearbeitet. Dann bin ich hier ans Kinder- und Jugendtheater gekommen und die Themen haben sich verändert und wie man an sie herangeht.

    Und vor allem ist das Publikum stärker im Fokus – was brauchen unsere Zuschauer/-innen und mit welcher Ästhetik gestalten wir die Stücke? Das war nicht nur ein Unterschied zu vorher, sondern gleichzeitig auch eine Herausforderung und große Bereicherung. Können Sie als Intendantin Ihrer Arbeit als Dramaturgin überhaupt noch nachkommen?

    Als Dramaturgin ist man viel bei Proben anwesend. Das macht mir unheimlich Spaß. Das ist mein kreatives Steckenpferd: neue Ideen haben, sie auf der Bühne umsetzen und dabei manchmal den Advokaten des Teufels spielen, in einem ganz konstruktiven Sinn.

    Das ist mir als Intendantin in der Form zwar gerade nicht möglich, hier und da wird mir das aber noch erlaubt (lacht). Beziehungsweise erlaube ich mir das selber noch.

    Seit September 2020 sind Sie Intendantin. Ihr Vorgänger Jürgen Zielinski war 18 Jahre Intendant am TDJW. Was würden Sie aus seiner Zeit unbedingt gerne übernehmen und wo möchten Sie etwas verändern und neue Akzente setzen?

    Was ich auf jeden Fall mitnehme aus dieser Zeit, in der ich mit Jürgen Zielinski zusammengearbeitet habe, ist für die Belange eines jungen Theaters immer zu kämpfen, mutig sein, und auch manchmal anzuecken, wenn es notwendig ist. Diese Hartnäckigkeit von Jürgen Zielinski und das Prinzip, um der Sache willen immer laut zu bleiben, hat mich sehr inspiriert an ihm.

    Auch wenn wir in dem, was „laut“ jeweils heißt, sehr verschieden sind. Dadurch haben wir uns aber immer ganz gut ergänzt. Zu den Veränderungen: Mich interessieren am TDJW neue Formen der Zusammenarbeit. Außerdem treibe ich gerne neue Theaterformen voran. Das sieht man auch im aktuellen Spielplan.

    Jürgen Zielinski und mir war immer die Förderung der Kunstform Tanz im Kinder- und Jugendtheater sehr wichtig. In meiner ersten Spielzeit als Intendantin hat unser Team das nun weiterentwickelt. Wir haben zwei Tänzer/-innen fest ins Ensemble integriert. Und auch der jetzige Ausbau partizipativer Projekte am TDJW ist eine Weiterentwicklung.

    So zum Beispiel die Gründung der Wilden Bühne, der Bürgerbühne des TDJW, die in der nächsten Spielzeit Premiere mit dem Stück „Struwwel“ haben wird.

    Außerdem möchte ich mit unserem Team das Thema inklusives Theater stärker in den Vordergrund stellen. Wie können wir zugänglicher werden? Wer kommt eigentlich zu uns und wer spielt bei uns? Und wie schaffen wir es, dass Leute zu uns kommen, die noch nicht bei uns waren?

    Bleiben wir gleich beim Thema Inklusivität. Die Differenz zwischen dem Selbstverständnis ein inklusives Haus zu sein und der Realität eine breite Masse der Gesellschaft zu erreichen, kann ja doch ziemlich gravierend sein. Wen haben Sie noch nicht erreicht? Und wie gedenken Sie diese Menschen zu erreichen?

    Wir haben ja Anfang Juni zum ersten Mal unser Festival „Turbo“ ausgerichtet, das erste inklusive Tanz- und Theaterfestival für junges Publikum. Das war nicht nur für mich eine sehr neue und inspirierende Erfahrung. Dabei hat sich aber auch wieder gezeigt: Diversitäts- und Inklusionsentwicklung ist eine Neverending-Story. Das ist nie komplett getan. Es geht eher um eine Grundhaltung – regelmäßig zu schauen: Wer ist im Moment noch nicht dabei und wie kann man diese Personen einbeziehen und uns zugänglicher machen?

    Bei uns passiert schon viel, aber es ist auf jeden Fall noch einiges zu tun. Zum Beispiel begreifen wir jeden Spielclub grundsätzlich bei uns als inklusiv. Manchmal reicht das aber leider nicht aus. Es gibt bei uns Clubs, die eine spezifische inklusive Konzeption haben, damit alle, die möchten, auch wirklich daran teilnehmen können.

    In diesem Fall arbeiten wir von vornherein mit Kooperationspartnern wie etwa der Lebenshilfe Leipzig zusammen und setzen auf mixed-abled Teams in der Anleitung der Gruppen. Wichtig ist, dass Kinder schon in jungen Jahren über das Theatermachen mit verschiedenen Role-Models erfahren, dass wirklich jede/-r Theater machen kann.

    Das Tolle am Kinder- und Jugendtheater ist ja, dass in den vielen Vorstellungen von Kindergartengruppen oder Schulklassen schon ein recht diverses Publikum sitzt, das die Vielfalt der Leipziger Stadtgesellschaft gut abbildet. Unsere Aufgabe ist es nun, mit spannenden Vorstellungen und guten Vermittlungsprojekten die Kinder und Jugendlichen zu überzeugen, auch ein zweites Mal zu uns zu kommen.

    Auf unserem Weg zu mehr Inklusion und Diversität setzen wir vor allem auf die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern. Zum Beispiel auch, wenn es darum geht Kinder und Jugendliche aus einem prekären sozialen Umfeld oder mit Migrationshintergrund zu erreichen. Das bedeutet dann aber auch gleichzeitig eine intensivere personelle Betreuung von unserer Seite.

    Das TDJW ist ja, wie die meisten Kulturstätten, seit vielen Monaten geschlossen. Sie und Ihr Team haben aber viele digitale Projekte auf die Beine gestellt. Wie war das für Ihr Team? Wie wurden die Projekte vom Publikum angenommen?

    Die digitalen Projekte wurden ziemlich gut angenommen. Es war natürlich trotzdem ein unglaublicher Ritt die letzten Monate, weil wir relativ viel „spontan“ entwickelt haben. Auch wenn zum Beispiel unser Gulliver-Projekt schon vorher digital geplant war, kamen alle anderen digitalen Produktionen ungeplant dazu. Unser Technikteam etwa hat in den letzten Monaten eine unfassbare Leistung vollzogen und sich mutig in neue Bereiche gewagt.

    Es waren ganz neue Produktionsprozesse für uns. Das virtuelle Klassenzimmerstück „Und morgen streiken die Wale“ sollte eigentlich als analoge Produktion innerhalb von 6 Wochen entstehen. Dann kam Corona, wir mussten alles neu konzipieren und haben am Ende für dieses Zoom-Theater fast vier Monate gebraucht.

    Natürlich war diese Ausnahmesituation gerade im ersten Jahr der neuen Intendanz eine riesige Herausforderung. Wir wollten gerade herausfinden, wie wir auf eine neue Art und Weise zusammenarbeiten können und mussten dann einfach ein komplett neues Theaterkonzept auf die Beine stellen. Da haben wir uns oft die Köpfe heiß diskutiert., aber uns immer wieder zusammengerauft (lacht). Am Ende hat diese Herausforderung aber auch viel Spaß gemacht und uns zusammengeschweißt.

    Wir haben neulich eine Bestandsaufnahme gemacht und mit den digitalen Projekten von Januar bis März tatsächlich knapp 1.800 Menschen erreicht. Das ist natürlich wenig im Vergleich zu unseren sonstigen Besucherzahlen. Aber dafür, dass das Theater geschlossen war, empfinde ich das als eine starke Leistung.

    In Ihrem aktuellen Spielplan schreiben Sie, dass die Pandemie auch die Chance für einen Neubeginn sein kann. Was nehmen Sie aus der Coronakrise mit? Was kann die ganze Kulturszene mitnehmen?

    Zum Beispiel neue Arbeitsformen. Ganz praktische Sachen: Angefangen beim mobilen Arbeiten. Das ist auf jeden Fall etwas, das wir mitnehmen, weil es für unsere Arbeit auch manchmal Vorteile bietet. Viele Strukturen, in denen wir bisher gearbeitet haben, reflektieren wir zurzeit. Welche sind gut, wo möchten wir Veränderungen angehen und uns zeitgemäßer aufstellen? Die Krise, so bitter sie ist, hat dazu geführt, dass wir Bisheriges stärker in Frage stellen. Diese Chance sollten wir nutzen, auch inhaltlich.

    Wer sind wir als Theater? Was ist an unserem Stadttheater noch Stadt? Wie können wir als junges Theater uns gerade jetzt noch mehr für die Belange von Kindern und Jugendlichen einsetzen und unser Angebot für junge Menschen krisenfester machen?

    Könnten Sie sich auch vorstellen, einige digitale Formate zu übernehmen, wenn Theater wieder analog geht?

    Unser Hauptpublikum besteht zum großen Teil au s„Digital Natives“. Das bedeutet, dass wir uns automatisch mit der Lebenswelt dieser digital aufgewachsenen Generation auseinandersetzen. Das heißt nicht nur, dass wir im virtuellen Raum Theater spielen oder entsprechende Technik benutzen. Das heißt auch den Fragen nachzugehen: Wie ist das Denken einer digitalen Gesellschaft? Welche Bilder und Texte benutzt sie und welche Ästhetik herrscht vor? Welche sozialen Beziehungen bestimmen die digitale Welt?

    Auch die Themen Teilhabe und Diversität gestalten sich in einer digitalen Gesellschaft ganz anders. Für viele Menschen ist das Internet eine riesige Barriere, andere wiederum haben dadurch zum ersten Mal die Möglichkeit, am kulturellen Leben teilzunehmen. Also ja, digitale Formate und vor allem auch digitale Themen im analogen Theater werden wir fortführen.

    * Anmerkung der Redaktion: Das in der LZ 92 am 25. Juni 2021 veröffentlichte und abgedruckte Interview mit Winnie Karnofka entsprach einem vorläufigen Arbeitsstand. Dieser wird hiermit korrigiert. Das nun folgende Interview entspricht der Endversion.

    „Intendantin Winnie Karnofka im Interview: Visionen und Herausforderungen am Theater der Jungen Welt“ erschien erstmals am 25. Juni 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG.

    Unsere Nummer 92 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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