Angespannt wirkte Karim S., als er am Freitag im Gerichtssaal Platz nahm. Er schien zu schwitzen und die Augen blickten unruhig umher. Staatsanwalt Klaus-Dieter Müller verlas die Anklage gegen den 27-jährigen Tunesier, er wird des versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung bezichtigt. Er sollte gleich am ersten Verhandlungstag aussagen.

Am Abend des 17. Mai vergangenen Jahres soll er den 37-jährigen Hussein Q. nach einer heftigen verbalen Auseinandersetzung vor einem Dönergeschäft auf der Eisenbahnstraße erst mit Reizgas angegriffen und anschließend mit einem Messer in den Bauchraum gestochen haben. Hussein Q. konnte nur dank einer Notoperation knapp überleben.

Sein Bruder Ali Q. (41), Geschäftsinhaber des Imbisses, soll den Marihuana rauchenden Angeklagten aufgefordert haben, den Außenbereich des Lokals zu verlassen, da der Rauch ins Geschäft ziehe, worauf dieser mit der Bemerkung „Das ist nicht eure Straße“ und schärfsten Beleidigungen reagiert haben soll. Als Hussein Q., der mit seinem Bruder arbeitete, beruhigend auf Karim S. einwirken wollte, soll es zum Angriff gekommen sein.

Es ist kein neues Phänomen, dass es auf der Eisenbahnstraße oft zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen alteingesessenen Geschäftsleuten und Drogendealern kommt. In seiner Zeugenaussage schilderte Ali Q., wie er immer wieder beobachtet, dass die Händler ihre illegalen Geschäfte in und vor den Lokalen entlang der Magistrale im Leipziger Osten durchführen.

Die Situation vor seinem Dönerladen beschrieb er mit den Worten: „Zu jedem der reinkommt sagen die: „Willst du was haben?“. Diese Umstände bergen unweigerlich viel Konfliktpotential für viele und auch für Familie Q. Oft seien seine Mutter und Kinder anwesend, wenn Drogen konsumiert und verkauft werden.

Nach der Aussage des mutmaßlichen Täters Karim S. an diesem Tag wird schnell klar, dass Betäubungsmittel auch in seinem Leben eine große Rolle spielen. Als er vom Vorsitzenden Richter Hans Jagenlauf nach seinem bisherigen Werdegang gefragt wird, malt er das Bild eines Jungen, der auf der Straße groß wurde. Geboren in Tunesien, wollte er mit seinem Elternhaus nichts zu tun haben und verließ sein Heimatland 2011. Nach einigen Jahren in Italien kam er über München und Chemnitz nach Leipzig, er hat in Deutschland Asyl beantragt.

Mit leiser Stimme erzählte er von seinem täglichen Marihuana-Konsum, auch das berüchtigte Crystal Meth habe er öfter zu sich genommen. Sein bisheriges Leben fasste er prägnant zusammen: „Ich hab viel gelitten und viel erlebt.“

Am Tag der Tat will Karim S. sich mit seiner Freundin in der Eisenbahnstraße getroffen haben, als er nach eigener Aussage Zeuge einer Rangelei wurde. Auch Mitarbeiter besagten Imbisses seien involviert gewesen. Er habe schlichtend eingegriffen und sei danach zu dem Bistro gegangen. Er erzählte, wie er aufgrund des Konsums von Crystal zwei Tage nichts gegessen habe und auf seinen Döner wartete, als vier Leute, darunter die Brüder Q., aus dem Laden kamen und ihn ohne erkennbaren Grund angegriffen hätten.

Als er bemerkte, dass einer der Angreifer ein Küchenmesser mitgenommen hatte, habe er sich mit Pfefferspray gewehrt, und floh in eine nahe gelegene Shishabar. Die Angreifer sollen ihm in die Kneipe gefolgt sein, er sei mit einer Eisenstange geschlagen worden. Daraufhin habe er ein Taschenmesser gezogen und Hussein Q. aus Notwehr attackiert. „Ich musste mich verteidigen, sonst hätten sie mich umgebracht“.

Nach der Flucht von Karim S. soll der Bruder des schwer verletzten Ali Q. eine Entlohnung von 1.000 Euro für den Aufenthaltsort des Flüchtigen ausgesetzt haben.

Beide Brüder widersprechen in ihrer Aussage der Sicht des Angeklagten: Den Streit, den Karim S. geschlichtet haben will, habe es nie gegeben. Auch der angebliche Angriff auf den Beschuldigten habe nicht stattgefunden. „Ich bin hingegangen, um mit ihm zu reden, mit allem anderen habe ich nicht gerechnet“, beteuert Hussein Q. „Es war Glück, dass ich noch lebe.“

Der Prozess wird fortgesetzt.

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