Sie beteuerte ihre Unschuld, die Kammer nahm es ihr nicht ab: Wegen Totschlags verurteilte das Landgericht eine junge Leipzigerin am Mittwoch zu sechs Jahren hinter Gittern. Die dreifache Mutter soll ihren sieben Monate alten Jungen Ende April 2024 so heftig geschüttelt haben, dass das „Frühchen“ einen Tag später durch irreversible Hirnschäden verstarb.

Ihr Urteil nahm sie ohne äußere Regung zur Kenntnis: Wegen Totschlags soll Linda W.* für sechs Jahre hinter Gitter. Die 1. Strafkammer des Leipziger Landgerichts sah es als erwiesen an, dass die heute 24-Jährige ihren sieben Monate alten Sohn Mika* am 29. April 2024 in ihrer Grünauer Wohnung derart heftig geschüttelt hatte, dass er trotz gelungener Wiederbelebung einen Tag später in der Kinderklinik für immer seine Augen schloss. Nach Gerichtsangaben erlitt der Junge eine irreversible Schädigung des Stammhirns, die zum Tod führte.

Kindsvater gilt heute als verschollen

Was an jenem fatalen Montagvormittag in der Wohnung geschehen war, bildete den Dreh- und Angelpunkt dieses besonders traurigen Prozesses am Landgericht. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft habe Linda W. gewusst, dass das Schütteln eines Säuglings tödliche Folgen haben kann, und dies billigend in Kauf genommen.

Die Darstellung der arbeitslosen Frau, wonach sie ihren Sohn nie geschüttelt habe und sich das Verletzungsbild nicht erklären könne, nahm ihr die Strafkammer nicht ab. Sowohl medizinische Gutachten als auch Chatnachrichten ermöglichten es, das Geschehene recht gut zu rekonstruieren, sagte der Vorsitzende Richter Johann Jagenlauf. Demnach habe Linda W. am Morgen zunächst ihre kleine Tochter aus einer früheren Beziehung zur Kita gebracht und Mika in der Trage dabeigehabt. Später habe sie dem Jungen zu Hause nachweislich Nahrung verabreicht.

Dessen Vater lebte damals auch im Haushalt. Heute gilt der 25-Jährige als verschollen und ist nach letztem Stand zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben. Als Tatverdächtiger schied er jedoch für die Ermittler aus, da er sich bereits am frühen Morgen zur Arbeit begeben habe.

Tatgründe blieben für das Gericht ungeklärt

Laut Gericht soll Linda W. etwa um 11:30 Uhr den kleinen Mika in der Wohnung geschüttelt haben – wie man herausfand, muss der Junge innerhalb weniger Sekunden mindestens 15 Mal nach vorn und hinten geschleudert worden sein. Um 11:37 Uhr wurden die ersten Notrufe der Angeklagten verzeichnet, die zunächst in die Warteschleife kam und panisch die Hilfe einer Nachbarin suchte. Die „äußerst gefährliche Gewaltanwendung“, die das Gericht konstatierte, bezahlte Mika, der als Frühgeborenes drei bis vier Monate Entwicklungsrückstand aufwies, mit seinem Leben.

Gründe für die Tat ließen sich laut Kammer nicht feststellen. Zugunsten der geringfügig vorbestraften Linda W. wurde zumindest angenommen, dass sie spontan handelte und sofort Rettungsbemühungen eingeleitet hatte. Der forensische Gutachter hatte der 24-Jährigen zwar Probleme attestiert, ihre Schuldfähigkeit sei jedoch nicht beeinträchtigt gewesen.

Verteidigung kündigt Rechtsmittel an

Das Urteil von sechs Jahren Haft wegen Totschlags, auf das zusätzlich eine Woche wegen eines offenen Strafbefehls kommt, entsprach dem Antrag von Staatsanwalt Torsten Naumann. Der Anklagevertreter schloss eine Alternativversion wie einen Unfall in seinem Schlussvortrag aus. Verteidigerin Henrike Wittner hatte auf Freispruch plädiert. Für sie gab es Unklarheiten in den medizinischen Gutachten, die Version ihrer Mandantin sei nachvollziehbar.

Besonders verwies die Rechtsanwältin auf die schwierige Vita von Linda W.: „Sie stammt aus unsicheren und ambivalenten Verhältnissen. Sie hatte kein stabiles Sozialgefüge aus Familie und Freunden.“ Die Beziehung zum verschollenen Kindsvater sei kompliziert und von Krach überlagert gewesen, ihre Mandantin beschrieb die Anwältin als oft überfordert, doch sei sie laut Zeugen eine „fürsorgliche Mutter im Rahmen ihrer Möglichkeiten“ gewesen. Gegen das Urteil kündigte die Verteidigung Revision an.

Linda W., die Anfang 2026 erneut ein Kind gebar, werde sich trotz Bestreitens der Tat ihrer Verantwortung bewusst sein, ihr Baby getötet zu haben, so der Vorsitzende Richter zum Abschluss: „Mit dieser Schuld werden Sie leben müssen.“ Mika würde jetzt, im September 2026, drei Jahre alt.

* Namen geändert.

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