Überfüllter Supermarkt. Nachweihnachtliche Einkäufe. Man trifft
auf Bekannte, plaudert, es wird über das gerade vergangene, nicht
ganz billige Fest gesprochen. Kaum fallen jedoch die Worte ?Geld?
oder ?teuer?, scheinen sich manche Menschen bemüßigt zu fühlen, im
selben Atemzug das Luxusleben der Hartz-IV-Empfänger anzuprangern
("WIR können uns nur TIP leisten, DIE kaufen von Dr. Oetker...").
Zehn Jahre nach Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe
gilt es offenbar als gesellschaftlich akzeptiert, eine ganze
Bevölkerungsgruppe allein aufgrund der Herkunft ihrer monatlichen
Einnahmen herabzuwürdigen.
Dabei sind die meisten Menschen entweder so weit von der Hartz-IV-Grenze entfernt, dass sie nicht mal eine Ahnung haben, wie es sich anfühlen würde, von so wenig Geld dauerhaft zu leben – oder aber so nah dran, dass sie lieber noch nach unten treten, als sich endlich zu solidarisieren. Man muss neidlos anerkennen, dass die Bestrebungen, Hartz-IV-Empfänger zu stigmatisieren, lächerlich zu machen und zu diskreditieren tadellos gewirkt haben. Hierfür hat mit seinen Tagesprogrammen unter anderem derselbe Medienkonzern gesorgt, der maßgeblich an der Entwicklung der Hartz-Gesetze beteiligt war.
Jeder, der nicht dem landläufigen Konzept von „Erwerbsarbeit“
nachgeht und vermeintlich der Gesellschaft „auf der Tasche“ liegt,
scheint sich rechtfertigen zu müssen – und das erstaunlicherweise
vor den Menschen, die sonst gern auf „den Staat“ schimpfen, das
Steuern zahlen als Zumutung begreifen und bereitwillig jede Lücke
nutzen, dem Staat Geld vorzuenthalten. Wenn es jedoch gegen
Hartz-IV-Empfänger geht, dann ist man eilfertig bereit, eben jenem
Staat Geld zu sparen, damit dieser vermeintlich sinnvollere Dinge
finanzieren kann.
Aber so ein Hartz-IV-Empfänger ist ja ein dankbares Opfer.
Demotiviert, mürbe gemacht und bereits durch das Jobcenter
genügend weichgekocht hat er nicht mal mehr die Kraft, sich gegen
solche Anwürfe zu wehren. Er lebt ja schließlich – das wird ihm
unverblümt mitgeteilt – von den Steuern anderer. Damit scheint
gleichzeitig auch die Vorstellung verbunden, dass sich der
Hartz-IV-Bezieher gefälligst auch nach der jeweiligen
Lebensauffassung der vermeintlichen Geldgeber zu richten
habe.
Aber Hartz IV ist kein Almosen – Hartz IV ist ein gesetzlich
verbrieftes Recht. Und zur Überraschung der meisten: Steuern zahlt
jeder Hartz-IV-Empfänger. Zum Beispiel mit jedem Einkauf. Es
besteht also kein Grund für Überheblichkeit.
Aber der Neid funktioniert auch gut in die andere Richtung: jeder, der deutlich mehr verdient als der Durchschnitt, wird misstrauisch beäugt. Wieso kriegt ein Manager so viel? Sollte der nicht an die schichtarbeitende Krankenschwester etwas abgeben? Oder sich zumindest ordentlich dafür schämen? Das Problem ist doch im Grunde nicht, dass einige viel Geld verdienen, sondern dass viele zu wenig bekommen. Verdiente eine Krankenschwester mehr, wenn ein Hartz-IV-Empfänger gar nichts mehr bekäme?
Ich höre immer wieder, dass Hartz IV doch ein komfortables und
auskömmliches Leben ermögliche. Nun, wenigen bestimmt. Den meisten
wohl eher nicht. Wer da zweifelt, möge doch einmal versuchen, mit
etwa 25 Euro für Verkehr auszukommen. Ein Sozialticket der LVB
kostet knappe 30,00 Euro (ab August 2015 dann noch mehr). Oder die
generösen 33,36 Euro für Wohnen, Energie UND Wohninstandhaltung.
Allein der monatliche Abschlag für Strom dürfte bei den meisten
Haushalten höher liegen. Da kann man sich jeden Monat wieder
entscheiden: Strom zahlen oder lieber eine Reparatur durchführen
lassen? (Ja, Kleinreparaturen hat der Mieter durchzuführen.) Auch
die 35,23 Euro für Nachrichtenübermittlung sind durchdacht. Allein
die Gebühr fürs Kabelfernsehen (worauf die meisten Mieter
zurückgreifen müssen), macht schon fast zwei Drittel dieser Summe
aus.
Besonders überzeugend: für Bildung wird jedem Hartz-IV-Empfänger
1,52 Euro zugestanden. Da liegt der Gedanke nicht fern, dass es gar
nicht erwünscht ist, dass sich jemand (weiter-)bildet. Er möge am
besten so strohdumm bleiben, dass er nicht aufmuckt, wenn man ihn
in jeden blöden Job und jede stupide Maßnahme drückt.
Fragen Sie sich doch mal selbst: würden Sie jeden Job annehmen müssen wollen? Ist es richtig, dass wir in einer Arbeitswelt, wo durch Fortschritt immer mehr Jobs wegfallen, immer noch von möglicher Vollbeschäftigung ausgehen? Wollen wir, dass Arbeit weiterhin nur zum Lebensunterhalt dient? Dass man sich jeden Tag unwillig in die Firma schleppt? Dass die eigentliche Freizeit für An- und Abreise zum Arbeitsplatz draufgeht? Dass man von der ungeliebten Tätigkeit allein psychisch so erschöpft ist, dass Hobbys, Freunde und selbstbestimmte Tagesgestaltung hinten runter fallen? Dass man von einem Ort, an dem man sich wohlfühlt und gern aufhält, wegziehen muss, nur weil die Arbeit ganz woanders ist? Stellen Sie sich bitte vor, das würde Ihnen passieren – wie lebenswert wäre Ihr Leben noch?
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Wir haben nur dieses eine Leben. Es gibt keinen Grund für Neid und Missgunst. Seien sie sauer auf Arbeitgeber, die den Mindestlohn für geschäftsschädigend halten und damit offenbaren, dass sie ihrem Personal einfach kein auskömmliches Geld zahlen wollen. Seien sie sauer auf politische Parteien, die es ermöglichen, Menschen als „Human Ressources“, als menschliches Material zu betrachten und als solches zu behandeln. Seien Sie sauer auf Investoren, die ihren Kontostand statt das Wohl unserer Stadt im Blick haben. Seien Sie sauer auf Bürgerbewegungen, die Ihnen leichte Antworten und einfache Feindbilder bieten.
Bleiben Sie kritisch ohne sich zu verrennen.
Seien Sie hingegen nachsichtig mit Ihren Mitmenschen. Seien Sie freundlich zu den Punks am Bahnhof. Seien Sie warmherzig zu Menschen ohne Zuhause oder mit einem Zuhause, aus dem sie flüchten mussten. Seien Sie verständnisvoll zu psychisch Erkrankten. Lächeln Sie mal einen LVB-Fahrer an, statt ihm hinterher zu fluchen.
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