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Dr. Josef Fischer legt für Leipzig das Standard-Buch zur Wahlgeschichte vor

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    Es gibt Jobs, die einen nicht loslassen, auch wenn man eigentlich längst in Ruhestand ist. So ein Job ist der des Statistikers. Zahlen waren sein Leben als Leiter des Amtes für Statistik und Wahlen. Und sie lassen ihn nicht los. Gerade die Zahlen zu den Wahlen in Leipzig. Daraus hat er jetzt ein dickes Buch für eche Zahlen-Verehrer gemacht. Und sich zur Buchvorstellung gleich mal den alten Chef eingeladen: Hinrich Lehmann-Grube.

    Beide sind nun in Ruhestand, Hinrich Lehmann-Grube, der erste frei gewählte Oberbürgermeister Leipzigs nach der „Wende“, und Dr. Josef Fischer, der vor vier Jahren das Amt abgab und dann – die L-IZ-Leser wissen es ja, trotzdem nicht zur Ruhe kam. Stattdessen wanderte er den Jakobspilgerweg durch Mitteldeutschland ab. Und 2010 kam ihm so eine richtige Statistiker-Idee in den Kopf. Schuld daran waren die Madgeburger.

    Die haben ja, wie man weiß, 2005 schon ihr großes Jubiläum gefeiert. Nicht das 1.000., sondern das 1.200. – Magdeburg wurde schon 805 erstmals erwähnt. Da war Leipzig noch ein kleines unbekanntes sorbisches Firscherdorf. Und als die Magdeburger Stadtstatistiker 2005 etwas auf den Gabentisch ihrer Stadt legen wollten, kamen sie auf die Idee, ein kleines Büchlein zu machen über die Magdeburger Wahlen seit Bestehen des Norddeutschen Bundes. Das war der Vorläufer der deutschen Reichsgründung von 1871. Und selbst Josef Fischer musste dazu erst mal im Lexikon nachschlagen, fand es aber trotzdem spannend, denn Sachsen gehörte, nachdem es 1866 so wie üblich gegen die Preußen verloren hatte, zum Norddeutschen Bund. Doch demokratische Wahlen gab es schon vorher.

    Darüber staunt auch Leipzigs Alt-OBM Hinrich Lehmann-Grube, den das Projekt von Josef Fischer erst einmal angeregt hat, sich mit der Geschichte des Wahlrechts in Sachsen zu beschäftigen. Dass es ab 1919 in der gerade frisch gegründeten Weimarer Republik freie Wahlen gab, das wusste er schon. Dass die Sachsen und die Leipziger aber schon fast ein Jahrhundert Erfahrungen mit relativ demokratischen Wahlen hatten, darüber staunte er dann doch.

    Und so hat Dr. Josef Fischer auch nicht mit dem Jahr 1866 angefangen, sondern beginnt sein Buch mit dem Titel „Wahlen, Wahlrecht und Gewählte in Leipzig“ im Jahr 1830, als Sachsen (als Auswirkung der Revolution von 1830) zur konstitutionellen Monarchie wurde und zum ersten Mal auch die Stadtverordneten gewählt wurden. Seitdem hat Leipzig (zeitgleich mit Dresden) eine gewählte Stadtspitze, bis ins frühe 20. Jahrhundert lauter ernsthafte, zumeist ältere, gut situierte, oft auch sehr reiche Leipziger Bürger aus dem oberen Drittel der Wählerschaft. Nicht jeder durfte anfangs wählen, Frauen schon gar nicht. Und noch bis zum ersten Weltkrieg entschieden Geld und Besitz darüber, wer wählen durfte und wer gewählt werden durfte.

    Was aber zumindest für das betuchte Leipziger Büregertum bedeutete, dass es 1919 schon auf über 80 Jahre Erfahrungen mit teil-demokratischen Wahlen hatte.

    Vier Jahre hat Dr. Joseph Fischer an dem Buch gearbeitet. „Eigentlich sollte es schon im Herbst fertig sein“, stellt Dr. Thomas Nabert, Herausgeber des Buches fest. Doch dann verzögerte die Teilneuwahl im Wahlkreis 9 im Oktober das ganze Projekt noch einmal um ein halbes Jahr. Denn vollständig wollte Josef Fischer schon sein. Das liegt einem Statistiker im Blut. Da sitzt man lieber noch bis in die Puppen, bis die letzten Zahlen reinkommen. Vorher wird das Licht nicht ausgemacht.

    Aber er fand natürlich auch emsige Hilfe in seinem alten Amt, denn auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Amtes für Statistik und Wahlen ist das Buch ein kleiner Wunschtraum. Immerhin ist es das erste, das sich wirklich umfassend mit den Wahlen in Leipzig seit 1830 beschäftigt. „Ein richtiges Standardwerk“, betont Nabert.

    Und ein Buch, das auch zeigt, wie sich die Stadt, die Wählerschaft und auch das Land Sachsen in dieser Zeit immer wieder veränderten. Dazu brauchte es natürlich Karten. Und auch dafür fand Josef Fischer qualifizierte Unterstützung in Leipzig: beim Leibniz-Institut für Länderkunde. So werden zum Teil recht gravierende historische Veränderungen auch sichtbar. Und der Leser selbst wird ganz ähnlich staunen wie Hinrich Lehmann-Grube, als er sein Exemplar bekam, um ein schönes Vorwort dafür zu schreiben: „Mit dem Buch wird etwas deutlich, was ich vorher nicht wusste: dass Demokratie in Deutschland eine viel ältere Tradition hat, als wir alle annehmen.“

    Wobei dem erfahrenen Politiker auch bewusst ist, dass das leider am entscheidenden Punkt nicht tröstet. „Demokratie ist wohl die schwierigste Staatsform. Und die beste.“

    Demokratie macht richtig Arbeit. Und auch Dr. Josef Fischer staunt nun im Nachhinein, wieviel Arbeit sie macht. Gerade beim Thema Weimarer Republik stolperte er darüber und schüttelt nur den Kopf darüber, wie jemand diese 14 Jahre als „die Goldenen Zwanziger“ bezeichnen konnte. Selbst die vielen, oft dicht aufeinander folgenden Wahlen zwischen 1919 und 1933 zeigen, dass diese Zeit von schweren Konflikten durchzogen war, die nicht immer friedlich an der Wahlurne ausgetragen wurden.

    Ab Montag, so verspricht Dr. Thomas Nabert, ist das Buch für 19 Euro im Handel zu bekommen. Hinrich Lehmann-Grube gibt sich ganz forsch: „Das wird bestimmt kein Bestseller.“ Er ergänzt aber aus eigener Erfahrung als Buchautor: „Aber Leser findet das Buch auf jeden Fall. Da bin ich mir sicher.“

    Also lesen wir es auch und haben die Buchbesprechung vielleicht bis Montag online.

    Josef Fischer „Wahlen, Wahlrecht und Gewählte in Leipzig“, Pro Leipzig, Leipzig 2015, 19 Euro

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