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Lene-Voigt-Gesellschaft feiert das 20-jährige mit durchaus verständlichem Stolz

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    Alles begann am 2. Mai 1891. Da wurde dem Schriftsetzer Karl Bruno Wagner und seiner Frau Alma Maria Wagner in der Sidonienstraße Nr. 14 in Leipzig ein Kind geboren, das nannten sie Helene Alma. Lene war ein wildes Kind. Doch weder Karl noch Alma konnten ahnen, dass dieses wilde Kind einmal die Mächtigen zweier Staaten erzürnen würde. Und das auch noch mit Gedichten.

    Aus dem Kind wurde die heute berühmte Dichterin Lene Voigt. Mit Betonung auf heute. Denn über 40 Jahre lang war die Dichterin fast vergessen. Die Nazis erteilten ihr Veröffentlichungsverbot – und auch nach 1945 gab es keine neuen Veröffentlichungen mehr. Nur noch in älteren Ausgaben, zahlreichen Abschriften und später in eingeschmuggelten Ausgaben des Rowohlt-Verlages war Lene Voigt zumindest bei den Eingeweihten und den Liebhabern der sächsischen Mundart ein Begriff.

    Das änderte sich erst ab den 1970er Jahren, als Kabarettisten vermehrt ihre Texte ins Programm schmuggelten und Wolfgang U. Schütte sich aus dem nirgendwo schriftlich niedergelegten Verdikt einfach nichts mehr machte. „Nu grade!“, sagte er sich und veröffentlichte erstmals wieder Texte der lange Vergessenen in Buchform.

    Und dann waren es die Academixer, die 1985 einfach ein Lene-Voigt-Programm auf die Beine stellten. „Das war der Durchbruch“, sagen Arnulf Eichhorn und Prof. Dr. Karl-Heinz Röhr heute. Oder vielmehr: Am Mittwoch sagten sie es, abends im Kabarett Sanftwut. Die Lene-Voigt-Gesellschaft hatte ihre Mitglieder eingeladen zur Feier des 20. Gründungstages der Lene-Voigt-Gesellschaft am 27. Oktober 1995. Auch das ist wieder Geschichte. 20 Jahre sind ein Windhauch. Ein Dutzend Leipziger und ein paar Zugereiste saßen damals beieinander und beschlossen, nun Nägel mit Köpfen zu machen und einen richtigen Verein zu gründen, der sich um die Popularisierung von Leben und Werk der Leipziger Nachtigall kümmern sollte. Mittendrin natürlich Wolfgang U. Schütte, der sich längst mit ganzer Seele der Dichterin angenommen hatte und der längst schon für sich entschieden hatte, dass ein paar Taschenbücher aus Hamburg nicht reichen konnten, die begnadete Dichterin wieder ins Bewusstsein der Leipziger zu heben.

    Saal des Kabaretttheaters Sanftwut zur Jubiläumsfeier der Lene-Voigt-Gesellschaft. Foto: Ralf Julke
    Saal des Kabaretttheaters Sanftwut zur Jubiläumsfeier der Lene-Voigt-Gesellschaft. Foto: Ralf Julke

    Deswegen hatte er schon kurz zuvor „Das Große Lene-Voigt-Buch“ zusammengestellt. Das erschien damals noch in einem Verlag, der sich sinnigerweise Sachsenbuch nannte. Karl-Heinz Röhr: „Das war dann der absolute Durchbruch.“

    Zumindest war Lene Voigt damit endlich auch in einer dicken Leipziger Ausgabe wieder präsent. Und zumindest ein kleiner Kreis war überzeugt, dass da noch ein bisschen mehr getan werden musste. Aus der Wiederentdeckung einer „Mundartdichterin“ musste eine echte Rehabilitierung einer der kreativsten deutschen Dichterinnen werden. Deswegen stand – neben der Pflege der sächsischen Mundart – auch von Anfang an die Erforschung und Sammlung des kompletten Lene-Voigt-Werks auf der Agenda der neu gegründeten Gesellschaft, die in der Öffentlichkeit vor allem mit ihren großen Vortragswettbewerben für Aufmerksamkeit sorgte. Der berühmteste ist die „Gaffeganne“. 16 Mal ging dieser Wettbewerb über die Bühne, anfangs in einem kleinen Garten, später in einem großen Offizierskasino in Gohlis, zuletzt im heimeligen Kabaretttheater Sanftwut zu Gast.

    Die 18 wäre eigentlich drangewesen am 27. Oktober, aber 2014 traf der Tod der damaligen Vereinsvorsitzenden Edelgard Langer den Verein doch heftiger, als es sich die Mitstreiter selbst eingestehen wollten. Die Mitgliederzahl war zwar über die Jahre tüchtig gewachsen auf mittlerweile über 100. Aber der Blick in den Saal am Abend des 27. Oktober zeigte auch: Viele tragen schon stolz ihr graues und weißes Haar. Am jungen Nachwuchs fehlt es. Das hatte auch Edelgard Langer schon so gesagt – aber die Zeit, die Sache in die Hand zu nehmen, hatte sie dann nicht mehr. Der 17. Wettbewerb um die Gaffeeganne musste kurzfristig abgesagt werden. Und die Suche nach einer / einem neuen Vorsitzenden dauerte. Der alte Vorstand war selbst eingespannt, denn seit Jahren arbeitete man ja schon mit allen Kräften an der Lene-Voigt-Gesamtausgabe, die in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung seit 2004 erschien.

    Anfangs auf fünf Bände konzipiert, wurden es am Ende sechs. Band 6 sollte eigentlich mal die Biografie der Dichterin werden. Aber dann wurde es der Sammelband für lauter Texte, die von dem kleinen, aber unermüdlichen Herausgeberkollektiv in der Zwischenzeit gefunden wurden. Denn zu Lebzeiten hatte Lene Voigt ja keine Gesamtausgabe. Und einen geschlossenen Nachlass gab es auch nicht. Viele ihrer Texte erschienen zu Lebzeiten nicht in Buchform, sondern über ganz Deutschland verstreut in Zeitungen und Zeitschriften.

    Und nicht nur bei den Texten stießen die Herausgeber auf immer neue Quellen, beim Lebenslauf der Dichterin war es genauso. Schon 2010 sollte die große Biografie der Lene Voigt eigentlich erscheinen. Doch immer neue Funde verzögerten die Arbeit immer mehr. 2014 gab Wolfgang U. Schütte dann ein fast druckreifes Manuskript bei Peter Hinke in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung ab. Und dann brachten die nächsten Funde alles wieder ins Schwimmen.

    „Aber auf keinen Fall wollten wir eine Biografie herausgeben, die nicht mehr aktuell ist“, sagt Gabriele Trillhaase, die für die Gesellschaft über all die Jahre tausende Zeitungsexemplare aus der Weimarer Republik durchforstet hatte.

    Natürlich war die Biografie am Mittwochabend Thema, als es nach einem recht bunten Programm mit Texten von Lene Voigt auch eine Talk-Runde mit den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft gab. Und auch wenn noch nicht klar ist, wann jetzt die erste richtige Biografie der Voigt erscheinen wird: Man will dranbleiben, will auch die neuesten Erkenntnisse noch einarbeiten. Tatsächlich ist die Gesellschaft noch in der Neu-Findung begriffen. Vor einem Jahr hat man mit Klaus Petermann endlich wieder einen Vorsitzenden gefunden, der dann am Mittwoch zusammen mit der Kommunikationstrainerin Annekatrin Michler den bunten Abend im Theater Sanftwut moderierte, da und dort launig schon mal anmerkend, dass die 20-jährige Geschichte der Lene-Voigt-Gesellschaft tatsächlich ein Erfolg ist.

    Klaus Petermann, Stella George, Jasmin Burkhard und Annekatrin Michler. Foto: Ralf Julke
    Klaus Petermann, Stella George, Jasmin Burkhard und Annekatrin Michler. Foto: Ralf Julke

    Das wurde dann in der Talkrunde noch untermauert. Denn als reine (Leipziger) Mundartdichterin wird Lene Voigt im Jahr 2015 tatsächlich nicht mehr betrachtet. Selbst Linguisten – so erwähnte Röhr mit Stolz – beschäftigen sich endlich ernsthaft mit der Dichterin und auch mit der sächsischen Mundart. Und auch letztere werde anderswo längst auch verändert wahrgenommen (außer in diversen mit Vorurteilen gespickten Umfragen). Denn das dilettantische Fernseh-Sächsisch, das in der Vergangenheit den Ruf verdarb, hat wenig bis nichts mit dem sehr komplexen Idiom zu tun, das die Texte Lene Voigts so unnachahmlich und berührend macht.

    Aber wie weiter? – Zweimal ist der Wettbewerb um die Gaffeeganne nun ausgefallen. Der Wettbewerb ums Gaggaudebbchen für Kinder und Jugendliche fiel nicht aus. Das wollte die Gesellschaft sich selbst nicht antun, nachdem man Jahre lang geackert hatte, sächsische Mundart und Lene Voigt in Leipziger und Delitzscher Schulen wieder populär zu machen. Die Siegerinnen des Gaggaudebbchens 2015 – Stella George, Jasmin Burkhard und Nelly Emmrich – waren am Mittwochabend noch einmal alle auf der Bühne zu erleben. Die Nachwuchsarbeit soll weitergehen. Denn damit wird den Schülern der Region nicht nur die Schönheit der eigenen Mundart wieder nahegebracht, sondern auch die Spritzigkeit einer Dichterin, die in ihren Texten das blanke, schöne, manchmal auch traurige Leben einfing. Eine hohe Kunst.

    Wie aber weiter? – Klaus Peterman kann sich die Zukunft der Gaffeeganne als sächsische Lesebühne gut vorstellen. Und dann nicht nur einmal im Jahr, sondern öfter, und nicht nur mit Lene-Voigt-Texten, sondern auch mit Texten anderer, auch jüngerer sächsischer Autorinnen und Autoren. Alles bleibt im Fluss. Jetzt sind die Jüngeren dran, das Schiff zu steuern. Oder den Kahn. Denn sinnigerweise ließ Petermann am Ende den ganzen Saal noch „De säk’sche Loreley“ singen. In ernsthafteren Vereinen wäre das dann ein treffendes Bild für einen Untergang gewesen. Aber nicht bei Lene Voigt. Denn darin war sie immer echte Sächsin. Und die Sachsen machen aus den Dingen nicht nur das Beste – wenn sie klitschnass aus dem Fluss kriechen, kennen sie eigentlich nur eine Formel: „Nu grade!“

    Und da alle Anwesenden am Mittwochabend überzeugt waren, dass es jetzt mit neuen Kräften an die nächsten 20 Jahre geht, darf man gespannt sein. Und wer etwas früher den Abend verließ, hörte es dann noch in der Mädlerpassage weithin schallen: „Sing mei Sachse, sing“, wohl doch irgendwie das Lieblingslied von Stephan Langer, der die Lene-Voigt-Gesellschaft seit Jahren unermüdlich musikalisch begleitet und auf Trab bringt, wenn’s sein darf.

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