Gastmanns Kolumne: Von Zeit zu Zeit seh’ ich den Alten gern

Ich habe mehrere schwere Meisen. Eine davon ist Goethe. Und der hat bekanntlich heute Geburtstag. An Goethes Geburtstag folge ich dann und wann einem innerlichen Zwang, nach Weimar reisen zu müssen. In diese kleine, beschauliche, optisch so wohltuende Stadt mit all den vor Geschichte und Geschichten wabernden Häusern und den kleinen Studenten mit den Lederschuhen und Hosenträgern und ihren weiblichen Pendants in weißgepunkteten Marlene-Hosen und mit ganz rot geschminkten Lippen. Um den Frauenplan herumzustreichen und öffentlich in Cafes dargebotenen Vorträgen zu lauschen, übers Heidenröslein vielleicht, und darüber nachzusinnen. Nicht selten mache ich das dann sogar.
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Ich fühle mich wohl mit Goethe. Das ist schon lange so. Und lässt nicht nach.

Trotz Facebook. Bei Facebook ist es ja nicht selten der Fall, dass – sobald jemand eine Vorliebe für das eine oder andere Phänomen zu gestehen weiß – spätestens der dritte der Kommentierenden sich darin gefällt, dem in Begeisterung Entbrannten mitzuteilen, dass dieser sich für das Falsche begeistert und gefälligst etwas anderes zu mögen hat, was nicht selten auch genannt wird.

So wurde ich auch kürzlich an genannter Stelle für mein gutwilliges Goethe-Goutieren gemaßregelt. Der Mann sei ein Heuchler, ein Mörder gar gewesen, schuld an mannigfaltigem Ungemach in dieser Welt, habe Nazis, Kommunisten und Kapitalisten zur Rechtfertigung gedient. Man hätte auf ihn samt seinen Faust, für den er „von den Deutschen für gut 100 Jahre lang gehasst werden sollte“ verzichten können. Er sei der klassische Opportunist gewesen, wobei im Kommentar offen blieb, ob es sich bei diesem Label um die literarische Figur Faust oder um den Dichter selbst handelte, sowie letztlich verantwortlich für jede Rechtfertigung menschlicher Niedertracht. Außerdem seien die Verse im „Faust“ nun wirklich billig zu nennen. Ich solle mich gefälligst an Schiller halten.

Ehrlich gesagt, so hatte ich das alles noch nie gesehen. Und noch ehrlicher gesagt turnte die dargebotene durchaus zu akzeptierende Goethe-Ablehnung zu nah in den vermengenden Formulierungen am Rande des Verworrenseins herum. Ich hatte nicht recht Lust, mich in der begonnenen Situation auf weiteres einzulassen, schon allein deshalb, weil man oft schnell weiß, dass das Ganze wenig fruchtbringend enden wird, aber das Thema packte mich durchaus.

Natürlich ist mir die Widersprüchlichkeit des Johann Wolfgangs nicht ganz unbekannt. Er war möglicherweise tatsächlich in vielerlei Facetten ein Arsch. Seine unrühmliche Rolle als Berater im Prozess um die Kindsmörderin Johanna Catharina Höhn, für die er dezidiert das Todesurteil befürwortete, obwohl er selber die Diskussion um einen ganz anderen Umgang mit solcherlei Fällen angestoßen hatte – ein Rätsel.

Goethe und die Frauen – eine nicht weniger mysteriöse, neverending story: seine langanhaltende chronische Bindungsangst, sein – trotz aller Aussichtslosigkeit – seltsam werbendes Verhalten um Lotte Buff, bei deren Hochzeit mit Kestner er darauf besteht, der Braut die Nachthemden und Umstandskleider auszusuchen, seine große Liebe zu Charlotte von Stein, deren strikte Enthaltsamkeit er sich ernstlich so zu erklären versucht, beide seien in einem früheren Leben verheiratet gewesen und hätten somit bereits genügend Beischlaf auch für dieses Leben gehabt und später seine durchaus schändlich zu nennende Behandlung von Christiane Vulpius. Alles weniger schön. Vor allem vermutlich für die Frauen.

Trotzdem: An Goethe sind – neben seinem interdisziplinären Talent – mindestens zwei Dinge bewundernswert: Selbst wenn er ein Arsch gewesen sein sollte, dann hat er diesen immerhin zeitlebens hochzukriegen gewusst. Er hat Charakterbildung zumindest versucht – und damit ist nicht nur gemeint, dass er neben Militärkapellen herzumarschieren pflegte, um gegen seine Lärmempfindlichkeit anzukämpfen.

Zweitens aber – und das scheint mir wesentlicher – waren ihm die eigene Ambivalenz, die großen Schwächen mehr als bewusst. Und die reflektiert er direkt („Niemals glaubte ich, das etwas zu erreichen war, immer dachte ich, ich hätte es schon. Man hätte mir eine Krone aufsetzen können, und ich hätte gedacht, das verstehe sich von selbst“) als auch in seinem Werk.

Und da sind wir schon beim Umstrittenen – beim Faust. Mag dieser später von den Menschen für Fragwürdiges hergehalten haben, ich halte ihn nach wie vor für das beeindruckendste Werk deutscher Sprache überhaupt. Diese literarische Truhe ist so voll mit gelungenster Verquickung von Moderne, Antike, Heiden- und Christentum, Wissenschaft und Kunst sowie moralischen Fragen des Dahinirrens einer jeden armen Kreatur, dass man nicht die Schönheit der Sprache als Gradmesser bemühen müsste, um dieses Werk als gewaltig zu preisen. Und doch lohnt auch das durchaus: Faust ist wie ein Spaziergang durch die Formen der Dichtung, kein anderes Werk wartet mit so vielen metrischen Variationen auf. Hier zeigt sich wie im Brennglas, zu welcher Pracht sich die deutsche Sprache emporzuschwingen vermag.

Ich habe keine Ahnung, wie man die Deutschen besser erklären könnte als mit ihrem wichtigsten Gespann – Faust und Mephisto.

Überdies sehe ich keinerlei Grund, Sockelgestalten wie Johann Wolfgang von Goethe nicht auch charmant und leichtfüßig zu betrachten. So charmant und leichtfüßig wie dieser offenbar auch ganz gewiss gewesen war. Zuweilen.

Deshalb fassen wir an seinem 267. Geburtstag zusammen: Ein Leben ohne Goethe ist sicher möglich, aber erfüllt kann es unmöglich sein.

Und jetzt einen Geburtstagsstrauß raus für den Herrn Geheimrat, denn:

„Blumen sind die schönen Worte und Hieroglyphen der Natur, mit der sie uns andeutet, wie lieb sie uns hat.“

Den Goethe muss sie ganz besonders lieb gehabt haben.

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