Höchste Zeit, dem Menschsein auch im Netz wieder Respekt zu verschaffen

Für FreikäuferEs war die Büchse der Pandora, die die Schöpfer der großen Social-media-Netzwerke da öffneten, als sie ihre Seiten für die Wortmeldungen von Allen und Jedem öffneten – unkontrolliert, unmoderiert. Das Ergebnis: Eine Welt, in der scheinbar keine Regeln der Zivilisation mehr gelten. Mit dem Erfolg dieser gigantischen Publikations-Maschinen rollte eine Welle der entfesselten Vorurteile durchs Netz.
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Die bis heute nicht abreißt. Denn in den Netzwerken gelten die Regeln der entfesselten Masse. Wer sich als andersdenkend, kritischer, sensibler oder auch anders lebend dort präsentiert, muss damit rechnen, angepöbelt, beleidigt, regelrecht mit Lügen, Verleumdungen und Drohungen überschüttet zu werden. Und das nicht von Menschen, die man kennt oder wenigstens zuordnen kann, sondern von einer anonymen Menge, in der sich tausende Namenlose verstecken, die die Anonymität des Netzes als Freibrief betrachten, sich so rücksichtslos zu benehmen, wie sie es in der Öffentlichkeit nicht tun würden.

Die Hasskriminalität im Internet hat in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen, stellt Sarah Buddeberg aus Anlass des heutigen „Aktionstages für die Betroffenen von Hasskriminalität“ fest. Laut einer Anfrage an die Bundesregierung [Drucksache 18/8127] gibt es seit 2012 ganze 600 Prozent mehr solcher Beleidigungen, Pöbeleien und Drohungen. Die Opfer sind oft Menschen, die für eine bunte und offene Gesellschaft eintreten.

Am heutigen Samstag, 22. Juli, findet deshalb weltweit der zweite „Aktionstag für die Betroffenen von Hasskriminalität“ statt. Das No Hate Speech Movement wird an dem Tag zu Aktivitäten gegen den Hass aufrufen.

Sarah Buddeberg ist Landtagsabgeordnete der Linken und gleichstellungs- und queerpolitische Sprecherin ihrer Faktion. Zudem ist sie neben anderen Prominenten offizielle No Hate Speech-Botschafterin. Opfer von Hasskriminalität möchte sie dadurch ermutigen, persönliche Beleidigungen nicht hinzunehmen. Buddeberg hatte selbst auf Facebook massive Hetze erfahren und gegen den Täter Anzeige erstattet. Mit Erfolg: Es kam zum Prozess. Dabei verurteilte im Januar 2017 das Amtsgericht Winsen (Luhe) einen 56-jährigen Niedersachsen zu einer Geldstrafe.

Ein Fall, der ziemlich deutlich zeigt, wie die Empörungswellen im Internet laufen. Obwohl Buddeberg politisch in Sachsen unterwegs ist, fand sich ein Mensch im fernen Niedersachsen, der meinte, seinen Frust über die sächsische Politikerin auskippen zu müssen, obwohl er sie überhaupt nicht kannte. Das Netz suggeriert auch eine Entfernung zum Geschehen, die in Wirklichkeit gar nicht existiert: Hass und Verleumdung erreichen die Betroffenen sofort und richten auch den entsprechenden seelischen Schaden an. Die Täter aber agieren – virtuell – in einer großen Menge, in der sie sich gegenseitig zu immer heftigeren Grenzüberschreitungen aufstacheln.

Dass man dabei auch seine Vorurteile gegen Andersdenkende, Andersfarbige, Andersgläubige oder – wie in diesem Fall – gegen selbstbewusste Frauen pflegt und gegenseitig bestätigt, sorgt dafür, dass diese Netzwerke das Gegenteil von gesellschaftlich gleichwertigem Diskurs herstellen. Es entstehen binnen Kürze große Wellen der Empörung, an die sich hunderte und tausende Nutzer andocken, die damit nicht nur Frust ablassen, sondern auch versuchen, ihr Selbstwertgefühl zu bestätigen – immer auf Kosten anderer. Damit wird nicht nur jedes Gespräch zunichte gemacht – es entsteht eine Art Mehrheitsmeinung, die jede abweichende Meinung regelrecht niederbrüllt.

Noch so ein Moment, den die Betreiber dieser Netzwerke und der unmoderierten Kommentarspalten nicht gelöst, oft nicht einmal begriffen haben.

Dazu sagt Sarah Buddeberg: „Aus eigener Erfahrung weiß ich leider: Die Anonymität in den sozialen Netzwerken und Kommentarspalten wird immer häufiger dazu benutzt, politisch aktive Frauen anzugreifen. Diese Hetze ist auf keinen Fall hinnehmbar, gefährdet sie doch unser gesellschaftliches Zusammenleben. Wir müssen der Verrohung der Gesellschaft und dem Hass die Stirn bieten!“

Aber was kann man tun, wenn man nicht die Power hat, online diesen Hasswellen zu begegnen?

„Allen Menschen, die ebenfalls Opfer von Hasskriminalität im Netz werden, empfehle ich, ebenfalls Anzeige zu erstatten und sich zur Wehr zu setzen“, sagt Buddeberg. „Denn niemand darf wegen einer politischen Meinung, des Geschlechts oder sexuellen Orientierung öffentlich herabgewürdigt werden. Deshalb ist der 22. Juli ein wichtiger Tag, um sich für mehr Respekt einzusetzen. Er erinnert uns daran, jedem Menschen so zu begegnen, wie wir selbst auch behandelt werden möchten – im Internet wie auch im ‚richtigen‘ Leben.“

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Foto: Ralf Julke

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