Lichtfest 2017: Die Luft ist raus + Audio

Für alle LeserKommentarDer Leo Leu war ja nun wirklich nicht da. Deshalb wohl und weil es mich eben noch irgendwie interessierte, war ich, der „Jungspund“, wie auch in den letzten Jahren auf dem Augustusplatz. Und natürlich in der Nikolaikirche, so viel Zeit muss dann schon sein. Fanden auch die 1.400 anderen Gäste des weltbekannten Gotteshauses am 9. Oktober und sie wurden nicht enttäuscht. Was hingegen ab 20 Uhr auf dem Augustusplatz stattfand, kann man wohl nur noch als ein Jahr um Jahr hohler werdendes Ritual oder besser noch, als schalen Nachhall vormaliger Lichtfeste betrachten. Die Luft ist endgültig raus, die Erinnerungen verblassen.

2014 war das Jahr, in welchem wir noch einmal über den Ring gingen. Ich gebe zu, auch dies ein Ritual, doch es führte uns an Orte, die die Menschen am 9. Oktober 1989 passieren mussten. Ganz zu schweigen von eben jenem Ort der Straße selbst, ging es zur Hauptpost (dem ehemaligen Zentrum für eifrige Brieföffner), vorüber am Wintergartenhochhaus, wo die Menschen befürchten mussten, aufgehalten, geschlagen, verhaftet zu werden. Am Bahnhof vorbei Richtung Stasizentrale, an der „Runden Ecke“ entlang, zum Rathaus hinüber und dann hinauf zum Leuschnerplatz.

Wer da mitlief, konnte einer gewissen Andacht kaum entgehen, Geschichten wurden erzählt; von Alt zu Jung, von Alt zu Alt (wer dabei war, erzählte, wer nicht, fragte), Erinnerungen umkreisten viele der schütter gewordenen Häupter und die jüngeren Köpfe reckten sich, um eine der Lichtinstallationen zu sehen. Wer wollte, konnte in sich gehen oder aus sich heraus und „Heureka, es liegt hinter uns“ rufen.

Es ging um die Menschen von 1989 und man ging auch ein wenig, ein Stück oder die ganze Strecke für sie und ihre Hoffnungen und Ängste einst. Ob aus Respekt desjenigen, der damals nicht dabei war oder aus Freude über das damals Mit-Geleistete – es war fast egal und verschaffte zumindest den 50.000 bis wer weiß schon wirklich wie vielen Menschen das gute Gefühl, dass man auch gemeinsam gedenken kann, trotz aller Unterschiede.

Schon 2015 wäre ich wohl überfahren worden, hätte ich gegen 21 Uhr den Ring betreten, um erneut meine Runde zu drehen. Und ich war etwas verdutzt. Wir laufen also nur noch über den Ring, wenn es die Stadt Leipzig für richtig, weil jubiläumsbedingt geboten findet? Dachte ich und trollte mich – etwas enttäuscht. Aber wer war ich, dass ich so etwas verlangen durfte, wenn auch die anderen keine Lust hatten?

2016 schaute ich gar nicht mehr nach dem abermals leeren Platz vor der ehemaligen Hauptpost und trottete mit allen anderen einfach in heimatliche Himmelsrichtung davon. Und ich dachte an 2014. Kurz wenigstens.

In diesem Jahr habe ich bereits verglichen. Ich musste ja hin, Leo wollte ja nicht mehr. Was in der Nikolaikirche durchaus kraftvoll begann – die Rede Margot Käßmanns hörenswert heutig und global, der Beitrag aus Aleppo eindringlich und Adam Krzeminskis Rede zur Demokratie bewundernswert klug, geschichtlich, mahnend bis bedrohlich – endete gefühlt bereits beim Schritt auf die Nikolaistraße. (Hier gibt es die gesamte Rede des Journalisten und Buchautors Adam Krzeminski nachzulesen. PDF)

Denn was man ahnte, kam auch. Gute Mukke von Stephan König & Band für lau (es gab sogar Tanz im Publikum), ansonsten Gespräche auf der Bühne über Journalismus und Medien in der heutigen Zeit. Schweigen unten vor der Rampe, ab und zu Applaus.

Hätte mich ja freuen können – so als Medienmensch, wie wichtig ich für die Demokratie bin und dass ich natürlich auch nicht immer alles richtig mache. Weitere Plattitüden gepresst in 5-Minuten Gesprächsfetzen, „FakeNews“-News und noch mehr Wertschätzung der Presse in einer Demokratie, ein paar Erinnerungsspritzer an damals und dann war es kurz vor 9. Und die Uhr für „den 9. Oktober“ 2017 soweit abgelaufen.

Apropos Laufen. War wieder nicht. Und ich zu feige, einfach loszugehen und eine Spontandemo anzumelden. Vielleicht wäre ja jemand mitgekommen? Nächstes Jahr geht’s nach der Kirche wieder nach Hause. Macht ja keinen Sinn, die immergleiche „89“ am Uniriesen zu fotografieren und sich Banalitäten von hoch Oben auf der Bühne anzutun. Gebt Bescheid, wenn Ihr auch mal wieder Bock auf eine Demonstration zum 9. Oktober entlang der Geschichte habt.

Dann denk ich drüber nach, packe gern meinen Fotoapparat und das Mitschnittgerät ein. Und wir quatschen mal wieder – unterwegs. Ansonsten wäre dann auch bei mir die Luft wohl raus und ich geh lieber mit Leo „Die Gedanken sind frei“ in der Kneipe singen.

Die Redebeiträge aus der Nikolaikirche

Die Rede von Dr. Margot Käßmann in der Nikolaikirche (Auszug). Quelle: L-IZ.de

Botschaft aus Aleppo. Quelle: L-IZ.de

Die Gespräche auf der Bühne (Augustusplatz, Auswahl)

Claudius Nießen im Gespräch mit Lutz Kinkel (ECPMF). Quelle: L-IZ.de

Claudius Nießen im Gespräch mit Juliane von Reppert-Bismarck. Quelle: L-IZ.de

Claudius Nießen im Gespräch mit Anke Ertner. Quelle: L-IZ.de

Lichtfest 2017: Leo Leu beschließt, nicht mehr hinzugehen

* Audio ** Kommentar *DemokratieLichtfest
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