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Die Friedliche Revolution dem Fernsehgeplapper geopfert: Wenn ein Lichtfest seine Seele verliert

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    Nicht nur unser Leo hatte am 8. Oktober 2017 so ein dummes Gefühl, dass das Lichtfest so langsam seinen stillen Tod stirbt. Vier Quatschrunden mit Journalisten waren angekündigt. Irgendwie driftete das Fest immer mehr in einen aufgeblasenen Fernsehabklatsch ab. Seit Montag, 29. Januar, ist klar: Uwe Schwabe, einem der prominentesten Leipziger Bürgerechtler, ging es nicht anders. Mit einer Mail verabschiedete er sich jetzt aus der Initiativgruppe „Tag der Friedlichen Revolution – Leipzig 9. Oktober".

    Das ist die Gruppe, die eigentlich inhaltlich für die Organisation des Lichtfestes steht. Doch sie ist mittlerweile so aufgeblasen, dass man den Eindruck hat, hier ist ein eigener City-Marketing-Kultur-Konvent zusammengekommen: 17 Mitglieder, sieben Gäste. An ein wirklich inhaltliches Arbeiten war hier augenscheinlich seit Jahren nicht mehr zu denken.

    „Wir lassen uns seit Jahren belügen und belügen uns selbst. Die Initiativgruppe hat schon seit Jahren keinerlei Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung des Lichtfestes. Wir gehen nach den Sitzungen auseinander und jeder weiß dass dies so ist, trotzdem tun wir so, als wären wir bestens involviert. Der Höhepunkt war die Einladung von Fußballvertretern auf dem Podium zum Lichtfest und die Ignoranz gegenüber dem Redner zur Demokratie Herrn Wolfang Templin“, schrieb Uwe Schwabe an die Mitstreiter in der Initiativgruppe. Er selbst ist Leiter des Archivs Bürgerbewegung.

    Seine Hauptkritik richtet sich gegen die Leipzig Tourismus und Marketing GmbH (LTM), die das Lichtfest organisiert und auch die Sponsorengelder einwirbt.

    „LTM hat sich in den letzten Jahren zur Beratung der Inhalte des Lichtfestes eine eigene Beratergruppe geschaffen, ohne die Kompetenz der Initiativgruppe zu nutzen, geschweige denn die Initiativgruppe in die Auswahl der Personen des Beratergremiums einzubeziehen. Zum diesjährige Motto des Lichtfestes „ ich. die. wir.“ sollen nun alle aufgerufen werden sich zu beteiligen“, schreibt Schwabe weiter.

    „In der Begründung heißt es: ‚Dieses Motto lässt allen Beteiligten, Veranstaltern, Künstlern und Besuchern viel Raum für Assoziationen, Interpretationen und die konkrete Ausgestaltung von Beiträgen.‘ – Ein direkter Bezug zur Friedlichen Revolution und die Überwindung der kommunistischen Diktatur in der DDR fehlt aus meiner Sicht bezüglich des Mottos. Hier zeigt sich ganz deutlich, dass das Grundanliegen dieses Feiertages in Leipzig zunehmend nur noch als Hintergrund benutzt wird.“

    Der Ur-Gedanke schwandt …

    Dass der Versuch der LTM, das Fest immer mehr zu einem“Event“ zu machen und lauter Stars und Sternchen aufs Podium zu holen, schiefgegangen ist, war schon 2015 zu spüren, als nicht nur die penetrante Inszenierung eines Fernsehstudios den Eindruck schuf, dass hier mit bekannten Moderatoren-Gesichtern aus dem Fernsehen die eigentliche Inhaltsleere übertüncht werden sollte. Dass dann auch noch die deutschen Fußballfunktionäre aufs Podium geholt wurden, um irgendwie auch noch die Fußball-EM zu promoten, sorgte endgültig für Verstimmung.

    Da passte dann der Chor „Die Gedanken sind frei“ überhaupt nicht. Oder gerade. Weil dieser Beitrag des Opernchores genauso den Zwiespalt deutlich machte, der im Lichtfest sichtbar wurde: Der Versuch, das Fest „medientauglich“ zu machen, hatte dazu geführt, alle Unarten des Fernsehens zu übernehmen. Während der eigentliche Ur-Gedanke des Festes immer mehr verschwand: nämlich das Wissen wach zu halten, dass Demokratie ohne Menschen, die sich was trauen und für eine Sache engagieren, nicht geht.

    1989 haben es die Leipziger gezeigt – ganz vorneweg die Bürgerrechtler um Uwe Schwabe …

    2015 war der Chor des Gewandhauses im Mittelpunkt des Geschehens. Foto: L-IZ.de
    2015 war der Chor des Gewandhauses im Mittelpunkt des Geschehens. Der Rest eine TV-Inszenierung. Foto: L-IZ.de

    Doch nicht nur der OBM, wie Schwabe kritisiert, hat das Fest lieber fürs Stadtmarketing instrumentalisiert. Noch viel stärker hat es die LTM in diese Richtung getrieben. Schwabe: „Zu guter Letzt wurde die Initiativgruppe im vergangenen Herbst nicht einmal mehr zu dem Empfang von LTM nach dem Lichtfest in die Nikolaischule eingeladen. Erst nach Intervention durch den Sprecher ließ sich Herr Bremer dazu herab, die Gruppe künftig wieder einzuladen. Natürlich mit dem Hinweis, dass Kritik in dieser Runde der Sponsoren nicht erwünscht sei.“

    Was immer mehr verloren ging, war der Zeitbezug

    Man merkte nur zu deutlich, dass hier niemand die Fäden in der Hand hielt, der wirklich eine Geschichte erzählen wollte und ein wirklich starkes Erinnern daran wachhält, dass die Menschen in so einem Land Dinge verändern können, wenn sie sich zusammentun. Es wurde immer mehr eine fast sentimentale Erinnerung an ein Ereignis, dessen Kern immer mehr aus dem Bewusstsein verschwand und immer stärker romantisiert wurde.

    Obwohl das Thema längst wieder auf der Tagesordnung steht, wenn man die unheilvollen Entwicklungen in Polen, Tschechien und Ungarn betrachtet, wo wichtige Errungenschaften der Demokratie geopfert werden, weil auf einmal wieder einem fast vergessenen Nationalismus und einem autoritären Staat gehuldigt wird.

    Da vermisst man natürlich die wichtigen Städtepartnerschaften, die Leipzig ja hat in diesen Ländern im Osten. Da vermisst man die Einladungen in diese Länder. Ein paar Grüppchen-Besuche an den Erinnerungsstätten der vergessenen Revolutionen reichen da nicht. Das Lichtfest war am Ende ein typisches Beispiel dafür, was aus so einer Veranstaltung wird, wenn es nur noch um nostalgische Erinnerungen geht und die Revolution zur fernen Erinnerung wird.

    Eine Erinnerung, die im Leben der heutigen Macher keine Rolle mehr spielt. Da geht es dann nur noch um gezählte Presseartikel und Werbereichweite. Logisch, dass das emotional nicht mehr funktioniert. Da wirkt so eine Veranstaltung genauso abgehoben und weltfremd wie das buntkarierte Programm des Heimatsenders. Selbst den rapiden Zuschauerschwund nahm man nicht mal ernst.

    Ob das Archiv Bürgerbewegung künftig überhaupt noch in der Initiativgruppe mitarbeite, wolle man noch beraten, schreibt Schwabe noch. Und setzt damit wohl das finale Warnzeichen.

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