25 Jahre MJA Leipzig e.V. – 25 Thesen aus der Praxis

These #4: Straßenabi statt Schulabi

Für alle Leser Das Angebot der Bildungseinrichtungen entspricht in vielen Bereichen nicht den Lebenswirklichkeiten von Kindern und Jugendlichen. „Alternative“ Mechanismen zur Lebensbewältigung rücken dadurch in den Fokus und ersetzen schulische Bildung.

„Mein Name, egal. Ich bin 15 Jahre alt und wohne in einem der Hochhäuser im Westen der Stadt, die ihr nie betreten werdet und würdet. Ich habe 3 jüngere Geschwister, mit denen ich mir ein Zimmer teile und um die ich mich so gut es geht kümmere. Eine meiner Pflichten als großer Bruder, sagen meine Eltern, die immer wieder betonen wie wichtig es ihnen sei, ihre Ruhe zu haben. Das ist mit ein Grund warum ich eher selten zu Hause bin und stattdessen auf der Straße mit meinen Jungs abhänge. Nervig ist nur, dass ich meist meine 6 Jahre jüngere Schwester im Schlepptau habe … is scheiße beim weglaufen!

Meist gucken wir, wo es was zu holen gibt, hängen hier und da ab oder schieben Langeweile, die aber schnell zu Action werden kann. Wie letztens im Mc Geiz, als wir den Eingang mit Böllern bewarfen, woraufhin wir eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch bekamen. Bis auf die Anzeige und den Nackenschellen von meinen Eltern hat sich‘s aber gelohnt, da wir gleichzeitig ein paar Dinge aus dem Laden trugen, für die unser Taschengeld niemals ausreichen würde.

Wenn man hier wohnt, die Eltern keine Kohle haben, Schule nervig ist, Stress an jeder Ecke lauert und man die teuren Nikes aus dem Rapvideo tragen will, muss man kreativ und hart sein. Kreativ sein bedeutet Leute abziehen, Dinge ausborgen und sie beim An-und Verkauf verkaufen oder Weed klären. Letzteres ist aber nicht mein Ding, da es sonst noch mehr Schellen von Vaddern setzt. Am Ende kann man das aber als Training ansehen, da man es irgendwann gewohnt ist, zu kassieren und härter für den Stress auf der Straße wird.

Ich meine, dann haben die Leute Respekt, wenn man nach einer Bombe noch steht und selber eine verteilen kann. Das überraschte letztens auch meinen Banknachbarn. Was bezeichnet der mich auch als Hurensohn, der nix zu Fressen hat. Papa sagte: ,Gut gemacht!‘, was ich aber nicht der Schulleitung sagen darf, da die mich so schon 2 Wochen suspendierte.“

„Scheiß Schule, da lern‘ ich eh nichts, was mir hier draußen hilft!“

In unserer Arbeit treffen wir regelmäßig auf derartige und noch gravierendere Biografien. Eine Vielzahl der Kinder und Jugendlichen kommen aus bildungsfernen Familien, welche an der Armutsgrenze leben. Den Alltag bestimmen Geldnot, Konsum, Konflikte und Perspektivlosigkeit. Hinzu kommt der alltägliche Kampf, individuelle Bedürfnisse durchzusetzen und Anerkennung zu erlangen.

In ihrer prekären Lebenslage benötigen die Betroffenen schnelle und zählbare Ergebnisse, da diese für sie oft von existenzieller Bedeutung sind. Lebensqualität bedeutet hier nicht nur die Bereitstellung finanzieller Unterstützung, sondern vor allem die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Teilhabe an der Gesellschaft. Doch der daraus resultierende „Themen-Rucksack“ von Kindern und Jugendlichen, basierend auf deren bisherigen Erfahrungen, Fähigkeiten, Ressourcen und Bedürfnissen, kollidiert zumeist mit dem System Schule.

Hier bietet der Lehrplan zu wenige Möglichkeiten, um diese Themen aufzufangen. Ein generalisiertes Angebot der Wissensvermittlung trifft auf ungleiche individuelle Voraussetzungen, deren unterschiedliche Erfahrungen und Bedürfnisse keine Berücksichtigung finden. Kommen hier noch Ausgrenzungserfahrungen (z.B. Mobbing) hinzu, verliert die Schule schnell an Prestige, wird zum Störfaktor und endet im Fernbleiben vom Unterricht. Eine Schule, die den Themen und Bedürfnissen der jungen Menschen Raum bietet, kann Schulabbruch und -verweigerung entgegenwirken. Natürlich ist Schule ein Ort der Wissensvermittlung, jedoch müssen Lehrinhalte Verknüpfungen zur Lebenswelt der Schüler*innen aufzeigen und an ihren Erfahrungen ansetzten.

Beispielsweise können geschichtliche Ereignisse genutzt werden, um auch über Verdrängungsprozesse und Ausgrenzungserfahrungen im öffentlichen Raum sowie gesellschaftliche Normen und Werte zu reden. Vor allem bei der Vereinbarung von Basiswerten sind die unterschiedlichen Erfahrungen der Schüler*innen zu berücksichtigen. Es muss anerkannt werden, dass die Wertvorstellungen der jungen Menschen, geprägt durch ihre Lebenslagen, für sie einen Sinn und Nutzen haben. Dementsprechend könnte der Lehrplan „Straßen-AG’s“ anbieten, um die bisher als negative Fähigkeiten angesehenen „Skills“ zu nutzen und Alternativen aufzuzeigen. Gleichzeitig können diese praktisch und theoretisch aufgearbeitet werden.

So können Farblehre und Skizzentechniken auch für Graffitisprüher*innen spannend sein. In Zusammenarbeit mit beispielsweise Baugenossenschaften können Flächen bereitgestellt und im Unterricht genutzt werden. Das Interesse der Schüler*innen für Instagram und Mode kann sich u.a. bei der Vermittlung des „Goldenen Schnittes“ sowie den Techniken der Fotografie und den Grundlagen des Grafikdesign als nützlich erweisen. Die daraus entstandenen Resultate dienen der Schule zur Imagepflege und bieten einen Mehrwert für Kinder und Jugendliche, die im Raum Schule wieder Erfolg und Wertschätzung erfahren sowie Möglichkeiten des Ausprobierens vorfinden.

Dies sind nur einige Gedanken, um Schule und Schulbildung für die interessanter zu gestalten, die aufgrund verschiedener prekärer Lebensbedingungen der schulischen Bildung entflohen sind.

Infos zur Thesen-Aktion: Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens hat der Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V. einen Kalender mit 25 Thesen aus der Praxis zusammengestellt. Diese beziehen sich auf aktuelle Gegebenheiten und Entwicklungen in Gesellschaft und Jugendarbeit, auf die die Streetworker des Vereins in ihrer täglichen Arbeit stoßen. Die Thesen sollen zum Nachdenken und zur Diskussion anregen – und im Idealfall den Anstoß für einen Veränderungsprozess geben.

Mehr Infos zur Mobilen Jugendarbeit Leipzig e.V.:
www.kuebelonline.de

These #3: Aktive Beteiligung ist das Lebenselexier für Demokratie und Innovation im Gemeinwesen

KalenderMobile Jugendarbeit25 Thesen
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Für alle LeserMarkkleeberg ist ja ein ganz lustiges Städtchen. Leipzigerseits kann man es richtig wütend machen, wenn man auch nur andeutet, dass es eigentlich eingemeindet gehört. Dafür erwähnt Markkleeberg die große fette Nachbarstadt möglichst nie in seinen Pressemitteilungen und schafft sich so ein Bild von einem ganz eigenständigen Wachstum. Kleine Boomtown zwischen den Seen. So wie am 17. Juli.