LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 74, seit 20. Dezember im HandelDemnächst ist Weihnachten. Doch der Autor, im Hauptberuf immerhin literarischer Profikiller, hatte in den letzten Tagen so seine Schwierigkeiten damit, sich der saisonbedingten Fröhlichkeit voll hinzugeben. Wahrscheinlich lag es daran, dass er zwischen seinen schriftlichen Morden und Mordversuchen zu oft Zeitungen liest. Was man da erfährt, gibt ja keinen echten Grund für ausgelassene Tänze um den Weihnachtsbaum.

Der Finanzminister, SPD, schenkt dem Volk den Entwurf für eine „Börsenumsatzsteuer“, deren Titel tatsächlich so klingt, als wende sie sich gegen die Spekulantenblasen, denen wir den Cum-Ex-Skandal und großen Crash von 2008 verdanken. In Wahrheit würden bei Scholz‘ Entwurf allerdings wieder nur der Kleinsparer draufzahlen und die Investmentbanker sich ins Fäustchen beziehungsweise das Sportwagensteuer lachen.

Soweit so beschissen. Doch um noch eins draufzulegen, versucht man im Bundestag gerade außerdem, bestimmte Auskunftspflichten etwas einzuschränken, womit zum Beispiel die Hintergründe des Cum-Ex-Skandals weniger transparent aufgedeckt werden können.

Aber, lieber Autor, es ist Weihnachtszeit und deshalb muss etwas Positives her. Die lokalkulturell zwangsverordnete fröhliche Besinnlichkeit sollte einmal im Jahr zu ihrem Recht kommen. Immer nur meckern zieht doch auf Dauer nur herunter.

Also verbreite gefälligst Optimismus, der die dunkle Jahreszeit mit zuversichtlichen Zukunftsvisionen beleuchtet.

Wunder geschehen

Gut, ich las neulich, dass der BER-Flughafen in Berlin definitiv vorm Ende der demnächst anbrechenden neuen Dekade fertig werden soll. Und Nena singt ja auch schon seit 1989 davon, dass „Wunder gescheh’n“. Dennoch lässt sich nur mit Nenas Song und dem Versprechen, vor 2030 den BER-Airport fertiggestellt zu haben, der Eindruck nicht ganz vertreiben, dass aktuell zum Optimismus mehr Tollkühnheit als bloße Zuversicht gehöre.

Andererseits hat es ausgerechnet die SPD vor Weihnachten vollbracht, ein moderat progressiv linkes Führungsduo zu wählen, dem man zutraut, dass es zumindest mit dem Namensetikettenschwindel von Olaf S.‘ neuem Steuerentwurf nicht ganz zufrieden gewesen sein könnte.

Also doch Grund zur Hoffnung, dass die bleiernen Jahre der schwarzbenullten Sachstandsverwaltung endlich einem Ende zugehen? Vielleicht. Die grimmige Nichtfröhlichkeit des Autors schlug nur damit längst nicht in eine Weihnachtsfeststimmung um.

Großbritannien

Im Gegenteil. Vielleicht lag’s ja an seinem grundsätzlich zur Düsterheit neigenden Gemüt. Womöglich aber auch an seinem eher rustikal ausgefallenem Sinn für Humor. Jedenfalls setzte der Autor einige Tage vor der Niederschrift seiner Kolumne noch einen drauf und widmete sich der Lektüre verschiedener britischer Onlinezeitungen. Und, sehr geschätzte Leser, Großbritannien, da erwartet man ja aktuell bei der Zeitungslektüre höchstens noch einen Resthauch von Zweckpessimismus. Aber nichts, was in irgendeinem Sinne nachhaltig aufmunternd wirken könnte.

Es sei denn, man betrachtet sich gerade entfaltende schwere Autounfälle als persönlichen Stimmungsaufheller.

Dennoch fand der Autor ausgerechnet dort eine Story, die seine Laune schlagartig verbesserte.

Man erinnert sich: Die Briten stimmten im Juni 2016 darüber ab, ob sie aus der EU austreten sollten. Dann googelten sie nach erfolgter Abstimmung gemeinschaftlich, worauf sie sich da mit ihrem Brexit-Votum eigentlich eingelassen hatten. Woraufhin sich etwa die Hälfte von ihnen heftig erschrak, während die andere seither sich selbst davon zu überzeugen versucht, dass die EU zu verlassen, die beste politische Idee ever gewesen sei.

Autor, Leipziger und Kolumnist David Gray. Foto: Erik Weiss Berlin
Autor, Leipziger und Kolumnist David Gray. Foto: Erik Weiss Berlin

Churchill begreift die Iren nicht

Angepisst von mehreren aufeinanderfolgenden Regierungen in London, die sich zuerst um die Belange des Banken- und Immobiliensektors kümmerten, aber alles nördlich des Londoner Speckgürtels entweder als fit für Touristen oder eben reif für den wirtschaftlichen Verfall behandelten, stimmte man außerhalb der großen englischen Metropolen mehrheitlich für den Brexit. Während sich die Schotten und Nord-Iren für den Verbleib in der EU aussprachen. Schon Winston Churchill bekannte einst, dass er die Iren einfach nicht begreife, weil die sich angeblich stur weigerten, richtige Briten sein zu wollen. Und was die Schotten betrifft – die haben seit jeher ein so gespanntes Verhältnis zu ihren südlichen Nachbarn, dass sie mit ihnen jahrhundertelang Kriege führten.

Seit dem Brexit-Votum schwärmten in London tausende mit Cafe-Lattes aufgepäppelte Journalisten regelmäßig in jene von Brexit-Befürwortern bewohnte Gebiete aus, um von dort trübe Stimmungsbilder aus vergessenen Provinzen zu versenden, die mich – nicht zufällig – an Orte und Landstriche hier in Ostdeutschland erinnerten.

Hier auf dem platten ostdeutschen Land wählte man die AfD, um damit denen in der Hauptstadt angeblich zu zeigen, wo der Hammer hängt. In den von London fröhlich abgefuckten Gebieten Großbritanniens wandte man sich Politclowns wie Nigel Farage von UKiP (später Brexit-Party) oder Boris Johnson (immer schon) von der Conservative Party zu. Jener Partei, die man seit Margaret Thatchers Regierungsjahren gern auch als „Nasty Party“ – also „fiese Partei“ bezeichnete.

Fies waren ihre Vertreter traditionell zu jeglichen Bevölkerungsgruppen, die nicht gerade das Privileg hatten, entweder zu den Reichen, den Adeligen, Bankern, Börsenmaklern, Immobilienspekulanten, Waffenhändlern oder begabten Steuerhinterziehern zu zählen.

Ein Kolumnist besucht die Kleinstädte

John Harris, ein Kolumnist und Reporter des „Guardian“, folgte wie hunderte seiner Kollegen aus aller Welt dem Ruf in die Provinz, um dort seit dem Brexit- Referendum in einer Videoserie über die Stimmung der Leute in den Kleinstädten zu berichten. Seine Serie nannte er „Anywhere but Westminster – überall, außer Westminster“.

Was Johns Arbeiten von den übrigen Berichten abhob, waren sein Sinn für Humor und seine Herkunft aus Wilmslow, einer dieser typischen britischen Kleinstädte kurz vorm Beginn des (very british) Arsches der Welt.

Trotzdem folgten auch sie bis vor kurzem demselben Muster wie alle übrigen Berichte von den Bruchlinien der britischen Gesellschaft. Nicht einmal Johns Humor konnte etwas an dem Eindruck von Verfall, Zorn und Aussichtslosigkeit ändern, den seine Videoserie vermittelte.

Auf eine sehr menschlich, allzu menschliche Art war aber genau das auch, was man sich von einem Bericht aus dieser Region erwartete und woran man sich sicher und weich gebettet in seiner Metropolenwohnung zynisch ergötzte: „Schau mal, da sind sie wieder, die Provinzidioten und bei John Harris kriegste die sogar noch nahezu ungeschnitten im O-Ton!“. Wir alle brauchen hin und wieder unseren Schuss an realer Horrorshow. Johns Videoreihe war bevölkert von faltigen Horrorhälsen, die nur noch mithilfe von dreifach geschlungenen Perlenketten in Form gehalten werden konnten, und bot noch dazu eine Auswahl an gruseligen Regenmänteln aus längst vergessenen Winterkollektionen von Marks & Spencer.

Schnauze voll

Doch mitten in seiner vorletzten Episode änderte John plötzlich seinen Ansatz. Er schaute in die Kamera und bekannte auf eine sehr britische, höfliche Art, dass er die Schnauze voll davon habe, hier ständig dieselben Fragen zu stellen, um denselben Meinungsblues zu dokumentieren, und sich ab jetzt zur Abwechslung auf die Suche nach Anzeichen von Hoffnung machen würde.

Und die fand er in Stadtteilzentren und Rathäusern, wo sich Menschen regelmäßig einige Male in der Woche zusammenfanden, um anderen Menschen in Not zu helfen. Bei einem Fußballclub, dessen Fans und Mitglieder eben nicht nur zur Weihnachtszeit Tafeln im Umkreis bestückten, um so Obdachlose vor Hunger zu bewahren. Bei einer Parlamentskandidatin, die einfach nicht aufgibt, auch wenn sie politisch zwischen allen Stühlen sitzt und so sehr von Shitstürmen überzogen wird, dass man mit den dabei verbreiteten Verbalfäkalien eigentlich gleich mehrere Biogasanlagen befüllen können sollte.

Als ich das sah, immer noch in meiner Grundvorweihnachtsstimmung irgendwo zwischen Friedhofsnacht im November und Zombie-Apokalypse ohne Bier und Popcorn-Vorräte, wurde mir bewusst, wie außerordentlich das war, was da über meinen Handy-Screen flimmerte.

John Harris, der Reporter einer der wichtigsten Newsmedien der Welt, ging hinaus in die Provinz und berichtete von dort. Nicht, weil gerade Wahlen anstanden und die Stimmen der Leute dort plötzlich etwas wert waren. Sondern er tat es regelmäßig und er tat es mit Verständnis und Humor. Und zuletzt gab er dem Trübsinn und der Tristesse sogar noch den Stinkefinger und zeigte seinem Londoner und New Yorker Metropolenpublikum, dass die da in der vergessenen und belächelten Provinz vielleicht ganz andere Probleme und Ansichten haben mochten, als man sie in Chelsea oder Westminster pflegte, aber dass die Menschen dort trotzdem voller Mut, Zuversicht, Mitgefühl und Ideen waren und sich strikt weigerten, einfach untergebuttert zu werden.

In Deutschland undenkbar

Der Autor wunderte sich eine Sekunde lang seine Friedhofsstimmung weg und fragte sich, ob es irgendeinem der üblichen Verdächtigen in der deutschen Großmedienlandschaft zuzutrauen wäre, einen solchen Versuch zu unternehmen?

Er kam zu dem Schluss: Unwahrscheinlich.

Die Landtagswahlen im Osten sind vorbei. Ab jetzt stehen medial Frankfurt, Berlin, München, Hamburg und Hannover wieder im Mittelpunkt und jeder der sehr geschätzten Kollegen in den bundesweiten Redaktionen ist heimlich froh darüber, dass er nicht mehr mit einem potenziellen Bericht aus einer angeblichen No-Go-Zone in Leipzig-Ost oder Döbeln-West beauftragt werden kann.

John Harris hat nach Boris Johnsons Wahlsieg nur umso mehr Grund (und wohl auch Wut im Bauch), um sich weiterhin auf Abenteuerreisen in die Provinz zu begeben.

Der Autor versank zurück in seine gewohnte Friedhofsstimmung und ist sicher, irgendwo da draußen dräute bereits die nächste Katastrophe. Sei sie nun very british oder sächsisch blümerant. Das einzige, was im Internetzeitalter niemals abreißt, ist der Strom an miesen Nachrichten. Daher wird der Autor sich zeitnah zum Verfassen dieser Zeilen im Internet auf die Suche nach einem alten Popsong machen. Er stammt von einer Deutschpopband namens Geier Sturzflug und heißt: „Besuchen Sie Europa, solange es noch steht!“

In diesem Sinne, sehr verehrte Leser – genießen Sie Ihr Weihnachtsfest!

Geier Sturzflug: Besuchen Sie Europa. Youtube 

Haltungsnote: Der Antifaschistische Schutzwall 2.0

- Anzeige -

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar