„Mauer wieder hoch und Deckel drauf.“ Eine Kolumne über eine lächerliche Zukunftsvision

Haltungsnote: Der Antifaschistische Schutzwall 2.0

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 73, seit 29. November im Handel„Mauer wieder hoch und Deckel drauf.“ So kommentierten zum Erbrechen viele westdeutsche Kollegen die Ergebnisse der Landtagswahlen hier im Osten. Social-Media ist eine Erregungsmaschine. Darauf ausgerichtet, ihre Nutzer dazu zu bringen, spontan zu reagieren. Und spontan bedeutet eben auch aufrichtig. Bei Twitter, Instagram und Facebook werden an ereignisreichen Tagen Gefühle roh serviert. Schließlich ist man da ja unter Freunden in der sorgsam kuratierten Eigenechoblase.

Im Gefühlsrohzustand öffentlich zu bekennen, dass man sich die Mauer zurückwünsche, um so die vermeintlich typisch ostdeutsche Neofaschismus- und Rassistenpest loszuwerden, schlägt auf einer publizistischen und politischen Brüllblödheitsskala von eins bis elf bei etwa 13 ein.

Allein die schiere Häufigkeit jenes Wunsches nach einer neuen Mauer rechtfertigt es, den Versuch zu unternehmen, sich vorzustellen, wie Deutschland nach dem Bau jener neuen Mauer aussehen könnte. Stauben wir also die Kristallkugel ab, zeichnen ein Pentagramm auf den Dielenboden, zünden außerdem ein paar Kerzen an und schauen, was die Zukunft bringen könnte, sollte das Projekt ASW Zwei Punkt Null – Antifaschistischer Schutzwall 2.0 – tatsächlich Gestalt annehmen.

Der Beschluss zum Mauerbau mag noch im Reichstag gefallen sein. Aber schon mit dessen Annahme durch das vornehmlich westdeutsch besetzte Parlament schreibt eine zeitnah zu erfolgende konstituierende Sitzung des Rumpfbund-Parlaments im alten Bonner Wasserwerk vor, um dort die Errichtung der neuen Mauer schwungvoll anzugehen.

Solch ein Großprojekt liefe ja auch auf eine Finanzspritze für die Industrie hinaus und irgendeinem neoliberalen, marktkonform forsch glattfrisierten Ministerialdirigenten ist zuzutrauen, dass er für jenes Jahrhundertprojekt sogar EU-Fördergelder lockermachen könnte. Die CDU/CSU-Fraktion jubelt, die FDP-Vertreter drücken ihren Beifall durch das Schlagen ihrer ausnahmslos gelb besohlten Schuhe auf die Parlamentstische aus.

Der neue Mauerbau

Goldene Zeiten nicht nur für Baubranchenriesen brechen an. Auch die Technologiebranche hätte einige saftige Herausforderungen zu bewältigen. Das begänne bei der Entwicklung von Drohnen mit Selbstschusseinrichtungen und hörte mit der Konstruktion von Schäferhundandroiden mit Tiefstimmenbellfunktion und Haizahngebiss sicher noch nicht auf. Die Börsenwerte schnippen durch die offizielle Zweiteilung der Bundesrepublik erneut erwartungsvoll nach oben.

Diese neue deutsche Mauer, der antifaschistische Schutzwall West, proudly presented by MBB, SAP, Bilfinger und Commerzbank AG, so äußern sich die Wirtschaftskommentatoren der großen Magazine, könnte dem durch Abgasbetrug, Cum-Ex-Steuerraub und Libor-Skandal ramponierten Made-in-Germany-Image nachhaltig neuen Glanz verleihen.

Sogar die bisher in Deutschland etwas stiefmütterlich behandelte Biotechnologiebranche bekommt etwas vom großen Finanzkuchen der Bonner Republik Zwei Punkt Null ab, sobald ein findiger CEO auf die Idee verfiel, die großen Kanzler Adenauer und Kohl und den ewigen Bayern FJS als Klone wiederzuerwecken und die Herren nach einer durch futuristische Medikamente beschleunigten Wachstumsphase erneut ins Rennen um den Einzug in den inzwischen ausgemotteten Kanzlerbungalow zu schicken.

Nach entschiedener Intervention von SPD und FDP gestatten die Konservativen zähneknirschend auch Klonversuche von Willy Brandt, Herbert Wehner und Helmut Schmidt. Die FDP beschließt, aus ethischen Bedenken auf eine Wiederkehr von Genscher zu verzichten und bringt dafür den Vorschlag, die gesammelten Reden von Guido Westerwelle zur Pflichtlektüre in den Schulen zu deklarieren. Ein Antrag, der mit knapper Mehrheit angenommen wird. Die Grünen machen durch ein Sit-in ihre ökologischen und ethischen Bedenken gegenüber Klonversuchen deutlich.

Bei der Linkspartei zögert man so lange einen Beschluss heraus, bis die ersten vielversprechenden Erfolgsmeldungen aus den Laboren eintreffen und begibt sich daraufhin erneut in einen innerparteilichen Streit über die Frage, ob es für die Errichtung des demokratischen Sozialismus zielführender sei, Rosa Luxemburg zu erwecken. Während solcher parlamentarischer Geplänkel schreitet der Mauerbau am ehemaligen Todesstreifen erfreulich rasch voran.

Mauerbau für alle!

Angesichts der politischen Weltlage finden sich überraschend eine Menge Abnehmer für jenes Gesamtpaket Schutzwall made in Western Germany. China, die USA und Saudi Arabien beauftragen ihre Botschafter, entsprechende Verhandlungen aufzunehmen. Nach einer intensiven Beratungsphase im EU-Parlament beauftragt man auch die EU-Grenzschutzbehörde Frontex damit, die mithilfe französischer, spanischer und italienischer Details weiter aufgepeppte Mauertechnologie an den europäischen Außengrenzen zum Einsatz zu bringen.

Die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, Griechenland und Italien sinkt daraufhin dramatisch, der EU-Schutzwall entwickelt sich zum größten Bauprojekt der Welt und Arbeitskräfte werden knapp. Endlich hat man in Europa eine komplexe und nicht digitale Zukunftsbranche etabliert, die Donald Trump und das Silicon Valley vor Neid erblassen lässt.

Das linksliberale Kommentariat der neuen Bonner Republik ist so gespalten wie nie, vollführt intensive Onlinebattles per Social-Media. Während die eine Seite des linksliberalen Meinungsspektrums den Mauerbau vehement als letztmöglichen Notwehrakt gegen einen im Osten unheilbar tief verwurzelten Hang zur Diktatur feiert, widerspricht der konservative Teil der öffentlichen Intellektuellen diesem Narrativ und behauptet, dass ein Rumpfstaat im Westen ökonomisch weniger stabil sei als die Berliner Republik es war und man jetzt – auch durch den Verlust der ostdeutschen Arbeitskräfte – in vielen Schlüsselbranchen nicht mehr weltmarktfähig sei.

Bei der hessischen Landtagswahl recycelt die CDU ein Nachkriegsplakat mit dem Slogan „Keine Sozialistischen Experimente“, das die linksliberale Sparte des Kommentariats so sehr erzürnt, dass mit dem Shitstorm, der darüber ausbricht, die Diskurse über Sinn und Zweck des Mauerbaus abflauen und sich zunächst ganz verlieren.

Letzte aufrechte Grüne, Linke und Liberaldemokraten, die von der Einheit reden, werden mit dem Spruch: „Dann geht doch nach drüben!“ überfahren. In verschiedenen Ballungszentren kommt es daraufhin zu Großdemonstrationen, bei denen neben einem bedingungslosen Grundeinkommen als „Wendedividende 2.0“ auch eine neue Ostpolitik gefordert wird.

Was aber geschähe inzwischen mit all jenen, die auf östlicher Seite hinter jenem neuen Schutzwall zurückblieben?

Die Ostdeutschen haben nach dem Beschluss zum Mauerbau in Landtagswahlen die AfD zur jeweils stärksten politischen Kraft gemacht. Von Suhl bis Bautzen und von Rostock bis Brandenburg regiert jetzt die sogenannte Alternative, teilweise in Koalitionen mit Ost-CDU-Restparteigrößen, wobei die früheren Volksparteien sich in jeder dieser Verbindungen zum Juniorpartner reduziert sehen.

Da der Sommerflug nach Bulgarien, Malle und in die Türkei weiterhin drin ist und man die EU-Mitgliedschaft der neuen „DDA – Deutsche Demokratische Alternativrepublik“ beantragt hat, richtet sich der/die/es ostdeutsche Spießer-Wohnung und Gartenlaube plüschig gemütlich mit blauem Samt und röhrendem Hirsch ein.

Polen, inzwischen nahezu in Vollbeschäftigung und im Hoch eines langanhaltenden Wirtschaftsbooms, schließt als erste Nachbarnation ein Freihandelsabkommen mit der DDA, woraufhin zehntausende DDAler die Werkbänke der polnischen Industriezentren besetzen, um dort Komponenten der neuen Frontex-Mauer zu produzieren, mit der die EU ihre Außengrenzen abzuschotten plant.

Das Westpaket feiert fröhliche Wiederauferstehung in Form von aus der Bonner Republik in die DDA eingeschmuggelten chinesischen Smartphones, die außer von chinesischen Offiziellen von keiner westlichen oder östlichen Justizbehörde überwacht werden können.

Angesichts einer großzügigen Versorgung der Bevölkerung mit Feiertagen und hohen Subventionen für Nachwuchs hält sich der gemeine Ostdeutsche für den Germanen mit der besseren Republik und schaut verächtlich auf seinen westdeutschen Ex-Landsmann herab.

Funktionäre aller im Land zugelassenen Parteien feiern regelmäßige Freundschaftsfestivals mit den autokratischen Vertretern der neuen beziehungsweise alten ungarischen, polnischen und russischen Brüdervölker.

Dabei wird zum Mittagessen Orban-Tokajer kredenzt und zum Feierabend der Putin-Bär-Wodka aus dem Schrank geholt und bei polnischem Hack und ukrainischen Gewürzgurken auf die unverbrüchliche Freundschaft mit den Bewahrern der wahren abendländischen Traditionen angestoßen.

Neben Hack, Gurken und Alkohol bieten Youtube-Kanäle des NeFüOs (Neo-Führer-Ost) eine willkommene Unterhaltung. Dort kann der Funktionär und die Funktionärin im Livestream mitverfolgen, wie sich all jene, die sich einst kulturell und demokratisch für eine liberale Gesellschaft engagierten, im Braunkohletagebau Staublungen zuziehen oder in Reaktoren der Marke Tschernobyl Zweiunddreißig dazu gezwungen werden, mit Gummihandschuhen Uranbrennstäbe auszuwechseln.

Gleich drei bekannte, ehemals gesamtdeutsch erhältliche Magazine bringen kurz nacheinander Homestories aus dem bescheidenen thüringischen Waldhaus des NeFüOs, wobei dieser raunend die intensiv in Angriff genommene Zeugung seines achten Sprösslings ankündigt.

Eine ideologisch breitgefächerte Initiative von öffentlichen Bonner Intellektuellen fordert eine neue Ostpolitik und bewertet die Sozialpolitik des NeFüOs als durchaus positiv und nachahmenswert. Doch geht dieser lang geplante PR-Coup der marginalisierten Querdenker medial unter, weil man am selben Abend aus Stockholm verkündet, dass der britische Premier Boris Johnson für seine Bemühungen um die Trockenlegung von karibischen Steuerparadiesen überraschend mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wird.

Der auf einer Welttournee befindliche Songwriter Bob Dylan weigert sich, dem Premier zu seiner Auszeichnung zu gratulieren, was einen erneuten Mediensturm auslöst.

Sie finden diese Zukunftsvision sei lächerlich? Ich auch.

Satire ist traditionell ein Helfer bei Orientierungsnot in komplizierten Zeiten. Und diese Zeiten sind kompliziert. So traurig es im Jahre Dreißig nach der Kehre ist, man muss es für einige (westliche) Landesteile offenbar deutlich wiederholen: Faschisten feiern nicht nur im Osten Wahlerfolge. Sondern auch im Westen. Und auch hier im Osten setzen sich unzählige Menschen mit aller Kraft für den Kampf gegen Rassismus und Neofaschismus ein.

Auch hier leben Menschen, denen man ihre Büros verwüstet, ihre Autos anzündet und ihre Haustüren sprengt, weil sie sich für Demokratie und gegen Faschismus engagieren oder aufgrund ihrer Hautfarbe, sexuellen Orientierung oder Religion von Faschisten und Rassisten diskriminiert, bedroht und angegriffen werden.

Wer aus seiner sicheren Metropolenblase heraus „Mauer wieder hoch und Deckel drauf!“ brüllt, der tritt damit all das Engagement gegen Rechts hier im Osten mit Füßen. Keiner hier braucht noch Nachtritte.

Was wir hier nötig haben, ist Solidarität. Es wird Zeit für ein deutsch-deutsches Erasmusprogramm, bei dem Schüler, Azubis und Studenten den jeweils anderen Teil der Bundesrepublik kennenlernen können.

Außerdem längst überfällig: eine Klassenfahrt westdeutscher Meinungsjournalisten in die ostdeutsche Provinz.

Haltungsnote: Sonntagsreden, die Leerstelle Volk und Vorsprung durch Technik

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