Haltungsnote: Sonntagsreden, die Leerstelle Volk und Vorsprung durch Technik

Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 72, seit 25. Oktober 2019 im HandelIm Oktober bricht in Deutschland die Saison der Sonntagsreden an. Hin und wieder verschiebt sich ihr Beginn etwas in den September hinein. Weshalb ausgerechnet der Oktober zur Sonntagsredensaison wird, ist klar. Am 3. Oktober begeht die Berliner Republik ihren Nationalfeiertag. Dieses dreißigste Jahr nach der Wende fällt allerdings aus dem Regelrahmen. Die ersten feierlichen Reden zum Wendejubiläum waren bereits Ende August zu vernehmen. Jeder, der etwas zu sagen hat oder es wenigstens glaubt, drängte ans Pult um seiner Auffassung Gehör zu verschaffen.

Es wird also eng am grundsätzlich überfüllten Trog der Medienaufmerksamkeit. Sonntagsreden sind grundsätzlich so glatt und plüschig gebügelt, dass sie weder rhetorische Kanten noch übers jeweilige Jubiläumsfeiertagesziel hinausweisende konkrete Ansagen enthalten. In aller Regel sind sie daher fast so rasch vergessen wie sie verlesen wurden. Trotzdem konnte man in den Nationalfeiertagsreden der letzten beiden Jahrzehnte einen Trend ausmachen.

Neben den sattsam erprobten Floskeln enthielten sie nämlich auch eine ganz besondere Leerstelle. Man lobte darin zwar das Ergebnis der friedlichen Revolution. Doch über reine Pflicht – und Höflichkeitsnennungen hinaus wurden in den Redetexten sowohl der Revolution an sich wie den Revolutionären nur auffällig wenig Zeit gewidmet.

Man gewinnt den Eindruck, die Politik fürchte sich davor, an jenen beiden Aspekte der Friedlichen Revolution zu rühren.

Was man mit all den Einheitsreden feiert, scheint nicht so sehr das Volk, sondern vielmehr diejenigen zu sein, die sich zu dessen Führung berufen fühlten. Da tut sich eine merkwürdige Diskrepanz zwischen Historie und ihrer Wahrnehmung auf. Dafür bekommen regelmäßig die Leistungen der Nachrevolutionszeit deutlich mehr Redezeit ab. Man feiert Errungenschaften und erfüllte Versprechen.

Warum auch nicht? Es gibt schließlich auch über glatt gepflasterte ostdeutsche Kleinstadtmarktplätze hinaus so einiges vorzuzeigen im Jahr dreißig nach der Wende. Altkanzler Kohl, ein unbestrittener Meister der windkanalkonformen Ausführung von Sonntagsreden, setzte den Ton für sämtliche folgenden Kanzlernationalfeiertagsansprachen, welche zwar die Politiker feierten, aber das Volk rhetorisch nur streiften.

In seiner Dokumentation „Wer beherrscht Deutschland?“ erforschte der Filmemacher Jan Lorenzen kürzlich die Gemütslage der Berliner Republik. Er tat es wohl nicht zufällig zum ersten Anlaufhöhepunkt der deutschen Sonntagsredensaison. Lorenzen gelangt darin zu unbequemen Einblicken, die jene Floskeldrescherei der Einheitsreden hart unterlaufen.

So zum Beispiel, wenn er die jungen Bewohner des sozialen Brennpunkts Köln Chorweiler in einer Shishabar nach ihren Perspektiven und Auffassungen zur Politik befragt und ihre Antworten einem Interview von Thomas de Maizière im klassizistisch preußischen Ambiente mit Ölgemälde und Drechselbeinsessel gegenüberstellt.

Die LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 72, Ausgabe Oktober 2019. Foto: LZ (zum Vergrößern klicken)

Die LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 72, Ausgabe Oktober 2019. Foto: LZ (zum Vergrößern klicken)

Während die Jungs in Chorweiler beklagen, der Staat habe „kapituliert“, indem er sich längst aus Chorweiler zurückgezogen hat, lamentiert der CDU-Grande de Maizière darüber, wie sehr ihm der Anspruch der Bürger widerstrebt von der Politik „abgeholt“ und „mitgenommen zu werden“.

Seiner Auffassung nach, gehöre es sich nämlich für den Staat nicht, derart auf den Bürger zuzugehen. Viel mehr dürften dessen Repräsentanten erwarten, dass die Bürger auf sie zugingen. Zum Abschluss seines Interviews wiederkäut der Ex-Minister sogar die Sonntagredenfestefloskel von der Demokratie, die vom Mitmachen lebe. Darüber, dass jenes Mitmachen in der Demokratie zunächst davon abhängt, dass die Bürger dem Staat und der Demokratie vertrauen müssten, verliert de Maizière kein Wort.

Offensichtlich erscheint ihm als prominentem Vertreter des Staates die Erwartung der Bürger, dass er für sie und ihre Bedürfnisse mehr als einfach nur theoretisch vorhanden sein sollte, eher als Zumutung.

Jeder siebte Abgeordnete im deutschen Bundestag ist Jurist, während dies innerhalb der Gesamtbevölkerung nur auf ganze 0,2 Prozent zutrifft. Sogar noch krasser zeigt sich die Verteilung zwischen Akademikern und Nichtakademikern im Hohen Haus. Während unter den Volksvertretern 83 Prozent über einen akademischen Abschluss verfügen, sind es in der Bevölkerung nämlich gerade einmal 18 Prozent.

Auch als Malergesellin oder Aldi-Kassierer will man/frau sich allerdings von Leuten vertreten wissen, die bereits vorm Einzug ins Parlament einen Beweis ihrer Intelligenz erbringen konnten. Gerade bei Juristen zählt das Verständnis der Rädchen, Getriebewellen und Schaltvorgänge innerhalb einer parlamentarischen Demokratie immerhin zur beruflichen Grundausrüstung. Weshalb es womöglich gar kein so verwunderliches Phänomen darstellt, dass sich gerade diese Berufsgruppe besonders zur Verwendung im Reichstag eignet.

Trotzdem liegt angesichts der Diskrepanz der Bildungshintergründe zwischen Volk und Volksvertreter die Vermutung nahe, der Großteil der Bundestagsabgeordneten verfüge höchstens noch über einen nur sehr losen Bezug zur alltäglichen Lebenssituation der Mehrheit jener Bevölkerung, von der sie gewählt werden.

Jurist de Maizière erwartet, dass das Volk gefälligst dort, wo es nötig ist, zunächst in Eigeninitiative den Karren aus dem Dreck zieht, bevor es auf ihn und seine Kollegen zugeht, um die mit Ansprüchen zu behelligen.

Schon einmal ist ein prominenter Vertreter der Berliner Republik aus Eigeninitiative und etwas übereilt heraus auf sein Volk zugegangen. Sein Name lautete Helmut Kohl und er tat es, um den Menschen zu ergreifen, der ihn gerade mit Eiern beworfen hatte. Mag sein, dass Herrn de Maizière dieser Vorfall so nachhaltig traumatisierte, dass er seither insgeheim eine gewisse Scheu davor entwickelte, zu direkt mit dem Volk und dessen Anliegen konfrontiert zu werden.

Dies wäre Herrn de Maizière persönlich auch gar nicht vorzuwerfen. Doch als einem Vertreter des Staates, der sich medial gern vor Symbolen bester preußischer Traditionswerte inszeniert, sollte Herrn de Maizière klar sein, dass er die Bringschuld seiner Ämter vernachlässigt, indem er verlangt, dass die Bürger ihm den wichtigsten Teil seiner Tätigkeit als Volksvertreter abnehmen. Der besteht nämlich darin, zuzuhören und die nicht erst seit Beginn dieser Sonntagsredensaison fühlbar gewordene Distanz zwischen Volk und Volksvertretern deutlich zu verringern.

Andernfalls könnte sich die „Leerstelle Volk“ in den Einheitsreden durchaus als Schwarzes Loch entpuppen. In dessen zerstörerisches Zentrum mehr als nur die trügerischen Rhetorikkünste von Bundestagsabgeordneten und Parteipolitikern eingesogen werden. Sondern in dem womöglich eines schönen Oktobertages auch das letzte Quäntchen an Grundvertrauen in den Staat an sich verschwindet, das in der Bevölkerung noch vorhanden ist.

Was ich als Anhänger der Gemütslage des stets halbvollen Glases, mir von der diesjährigen Sonntagsredensaison erhoffte, war daher neben der Anerkennung der friedlichen Revolutionäre auch eine rücksichtslose Beschau der Verhältnisse im Lande. Ich wurde selbstverständlich auch in diesem Jahr wieder enttäuscht.

Kommunikation von Politikern mit ihrem Souverän, dem Volk, ist eine Technik, die beherrscht werden sollte. Nur verfehlt sie einen wichtigen Teil ihrer Wirkung, falls man zu seinem Souverän spricht wie zu einem Kind im Sandkasten, das sich trotzig weigerte, die Schaufelchen und Sandkuchenformen aufzuheben.

Als Altkanzler Kohl tot im Blechsarg in Oggersheim lag, bewies seine Witwe Zuversicht ins bundesdeutsche Ingenieurswirtschaftsmodell und bestellte Kühltechnik, die die Verwesung bis zum Staatstrauerakt aufhalten sollte.

So groß auch Witwe Kohls Zutrauen in die Kühltechnik war: Selbst die Überreste des Altkanzlers begannen zu verwesen, sobald man die Kühlung abstellte und den Sargdeckel öffnete.

Jener Vorsprung durch Technik hat eben auch so seine Halbwertzeit. Wie sie eine ganz bestimmte Form von Politikerkommunikation und Erwartung hat. Sicher legt nicht jegliches Wahlkreuz bei einer illiberalen, im Kern demokratiefeindlichen Partei Zeugnis davon ab. Dennoch ist es gewiss ein zu großer Anteil für ein Land wie dieses.

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