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Wie es wohl wäre …? Eine stadtwandlerische Utopie

Von Nadine Menzel, Literaturwissenschaftlerin & Dozentin an der Uni Leipzig

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 74, seit 20. Dezember im HandelIch fahre viel und gern Fahrrad. Oft in Eile. Nicht selten auch mit der Angst, jäh von einer sich öffnenden Autotür gestoppt zu werden. Manchmal, wenn ich so durch diese Stadt fahre, stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn es keine Autos gäbe. Das klingt auf den ersten Blick nach gähnender Leere, nach Apokalypse. Ist es aber nicht.

    Der Innenstadtring wäre bevölkert von Fußgängern, Radfahrern, Skateboardern und anderen Menschen, die sich aus eigener Kraft fortbewegen. Alles würde langsamer werden. Ein Kontrapunkt zum hysterischen Wachstum allerorten. Das Leben in der Stadt würde stiller werden. Vielleicht so still wie in den Nächten, in denen Schnee fällt. Aber das ist ja kein Vergleichspunkt: Wer erinnert sich schon an tiefverschneite Nächte in der Stadt?

    Schnee fällt nur noch selten. Manche sagen, daran sei auch der Klimawandel schuld. Aber was hat der eigentlich mit der Stadt zu tun?

    In den heißen Sommern fällt es mir auf. Die Stadt als Mikrokosmos, in dem kein Lüftchen weht. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn die Straßen Leipzigs allesamt von großen Bäumen gesäumt wären. Wenn die Wege plötzlich schattig wären. Es gab sie, die großen Bäume, ich erinnere mich. Ich erinnere mich auch an die manchmal unordentlichen, immer wild bewachsenen Brachen.

    Das Titelblatt der letzten LZ für 2019. Leipziger Träume zum Jahresschluss. Foto: Screen LZ
    Das Titelblatt der letzten LZ für 2019. Leipziger Träume zum Jahresschluss. Foto: Screen LZ

    Diese grün wuchernden Lücken zwischen Häuserfronten, die überall in Leipzig zu finden waren. Sie wurden umgewandelt in Stadtvillen, Mehrfamilienhäuser und Parkplätze. Man sprach damals noch nicht so viel von Klimawandel. Wären sie heute da, die großen Bäume und kleinen Brachen, würden sie das Mikroklima auf gute Weise beeinflussen.

    Aber wir haben ja den Auwald, diesen größten zusammenhängenden seiner Art in Mitteleuropa. Diese grüne Lunge Leipzigs sorgt für gute Luft in der Stadt, für Schatten an heißen Tagen. Aber sollte da nicht ein Autobahnring gebaut werden? Mittendurch? Autos brauchen schließlich Wege …

    Ich träume davon, dass solcherlei Entscheidungen von und für die Stadt in einem tiefen Bewusstsein für den unmessbaren Wert der Umwelt gefällt werden. Eigentlich sollte der Klimawandel einen Stadtwandel anregen. Man kann die zukünftig begrünten Dächer der Straßenbahnhaltestellen als einen kleinen Teil davon sehen. Ein guter Schritt, der die Stadt meinem Traum näherbringt. Aber es sind nicht nur die kommunalen Entscheidungen, die eine Veränderung schaffen können. Es sind auch die individuellen.

    Neulich hörte ich in der Uni-Bibliothek zufällig ein Gespräch über die Veranstaltungen der Klimastreikwoche an der Uni Leipzig mit. Es wurden Vorträge erörtert und abgewogen, der Besuch von Podiumsdiskussionen beschlossen. Das Gespräch endete damit, dass ein Gesprächspartner den anderen fragte: „Und, wann fliegst Du nun nach Hamburg?“ Dieses Gespräch hat bis auf die Tatsache, dass es in Leipzig stattfand, nichts mit der Stadt zu tun.

    Es hätte zu dieser Zeit, kurz vor dem zweiten großen Klimastreik an hunderten Orten Deutschlands, kurz vor der Klimakonferenz in Madrid, überall stattfinden können. Aber es hat mich nachdenklich gemacht. Ich stelle mir vor, wie gut es wäre, wenn die Menschen seltener mit dem Flieger und öfter mit der Bahn reisten. Ich stelle mir vor, da ist ein Flughafen und keiner geht hin.

    So ein Traum hat zugegebenermaßen etwas Utopisches. Aber bevor ich mich dem Blechzauber von Autoparkplätzen hingeben lerne, träume ich davon, dass die Rede vom Klimawandel in einen tatkräftigen Stadt- und Bewusstseinswandel mündet.

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    1 KOMMENTAR

    1. Diesen Traum von einer autofreien bzw. autofreieren Stadt mit viel mehr Stadtgrün (Alleen, Parks, Grünstreifen in Straßen, begrünten Dächern, Hausfassaden, Balkone etc.) und mehr Leben und Zusammensein durch Fußgänger*innen, Fahrradfahrer*innen, Sportler*innen (Jogger*innen, Skater*innen etc.), Kinder und Rentner*innen usw. sowie viel weniger versiegelten Parkplätzen und menschenverachtenden Bauten (riesige Betonbunker, z.B. von Möbelhäusern oder Supermärkten) habe ich auch.

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