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Gastkommentar von Christian Wolff: Die große Unterbrechung

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    Als Anfang des vergangenen Jahres die FridaysForFuture-Bewegung ihre ultimativen Forderungen zum Klimaschutz mit zunehmender Dynamik in die Öffentlichkeit trug und dabei von führenden Wissenschaftler/-innen Unterstützung erfuhren, zeigte sich auf der politischen Ebene Verunsicherung, Unvermögen, Abwehr. Im Ergebnis wurden die Forderungen der Klimaschützer/-innen, wenn überhaupt, nur ansatzweise in politische Entscheidungen umgesetzt.

    Das lag vor allem daran, dass Parteien und Regierungen versucht haben, Klimaschutzmaßnahmen auf den Weg zu bringen, die den Bürger/-innen suggerieren sollten: keine Angst, es ändert sich am Wohlstand nichts. Doch damit hat die Politik nur einen Reflex in der Bevölkerung aufgegriffen: Klimaschutz ja, solange er nicht zu wirtschaftlichen oder sozialen Einbußen führt. Das kann aber nicht funktionieren.

    Denn der dramatische Klimawandel und seine weltweit sehr ungleich verteilten, katastrophalen Auswirkungen sind eine Folge unserer exzessiven Lebensweise. Im Umkehrschluss heißt dies: Er lässt sich nur aufhalten, wenn wir die Wirtschafts- und Finanzpolitik, die Energieversorgung, den Konsum den Erfordernissen des Klimaschutzes anpassen. Doch wer ist dazu freiwillig bereit? Eine Frage, die sich weniger an die Regierenden als viel mehr an jeden Einzelnen richtet.

    Nun ist aber Anfang dieses Jahres etwas eingetreten, was sich in der Menschheitsgeschichte immer wieder ereignet: Wenn wir Menschen nicht willens und/oder in der Lage sind, die notwendigen politischen, ökonomischen, sozialen Veränderungen zu vollziehen, um Fehlentwicklungen zu stoppen, und im Status quo gefangen bleiben, dann treten Entwicklungen ein, die scheinbar mit den Ursachen der Verwerfungen wie dem Klimawandel nichts zu tun haben – wie das Corona-Virus, das sich seit Monaten weltweit in die Gesellschaften frisst.

    Dieses Virus hat schon jetzt dazu geführt, dass im globalen Maßstab die Produktivität sinkt, weniger transportiert, konsumiert, gereist und geflogen wird, die Finanzmärkte in Schieflage geraten – mit der positiven Folge, dass in diesem Jahr der CO2-Ausstoß drastisch sinken wird. Damit wird in den kommenden Monaten mehr für den Klimaschutz erreicht, als es je ein Gesetz oder internationale Vereinbarungen vermocht hätten. Allerdings: Dies wird auch gravierende negative Begleiterscheinungen zeitigen, insbesondere im Blick auf die Liquidität von Unternehmen, die Erwerbstätigkeit vieler Menschen und den sozialen Absicherungen.

    Was aber deutlich wird: Das Corona-Virus hat schon jetzt zu einer tiefgreifenden Unterbrechung globaler Abläufe geführt – und dies in einer Welt, die zum Sklaven der unerbittlichen Pausenlosigkeit ihrer Abläufe geworden ist. Hinzu kommt, dass Menschen in allen gesellschaftlichen Schichten der Biorhythmus, der Wechsel von Tag und Nacht, von Werktagen und Sonntag, der Wechsel der Jahreszeiten und die Phasen einer Entschleunigung abhandengekommen sind.

    Alles zu jeder Zeit, an jedem Ort, sofort – das ist nicht nur eine Möglichkeit, die uns die digitale Vernetzung eröffnet; es ist gleichzeitig eine betrügerische Versuchung, Allmachtsphantasien auszuleben. Doch das kann auf Dauer nicht funktionieren. Mit dem Corona-Virus wird uns jetzt eine Unterbrechung, die wir uns aus dem Alltag wegorganisiert haben, kollektiv verordnet. Nach und nach kommt das gesellschaftliche, kulturelle, sportliche, touristische Leben zum Erliegen – mit enormen wirtschaftlichen Nebenwirkungen.

    Die Frage kann aber nicht nur sein: Wie lange wird das andauern und welche Dynamik wird diese Entschleunigung noch entwickeln? Wir werden uns vor allem zu fragen haben: Wie wollen wir in Zukunft Arbeit, Freizeit, globales Zusammenleben so gestalten, dass wir wieder im Einklang mit dem Biorhythmus leben und das ernst nehmen, was zum irdischen Dasein gehört: die Verletzbarkeit, Endlichkeit und Vergänglichkeit alles Lebens.

    Es ist das eine, jetzt die große Unterbrechung politisch zu organisieren und die ökonomischen, sozialen Folgen abzufedern. Das andere ist, entscheidende Fragen zuzulassen. Allerdings: Wer das Corona-Virus dazu benutzt, der Nationalisierung der Politik, dem Wiederaufleben der Grenzen, einem autokratischen System das Wort zu reden, oder wer für die Verbreitung des Corona-Virus Migranten verantwortlich machen will und religiös-politische Verschwörungstheorien verbreitet, dem sollte im öffentlichen Diskurs keinen Raum gegeben werden. Denn das ist politisch gefährlicher Unsinn.

    Darum sollten wir in dieser Krise die Chance zur Entschleunigung nutzen, um so Raum und Zeit zu gewinnen für das, was jetzt nottut: Rückbesinnung auf Utopie und Empathie, auf unsere Hoffnungen und die uns Menschen mögliche Nächsten- und Feindesliebe. Beides ist in der Atemlosigkeit des globalen Turbo-Lebens (Turbo-Kapitalismus ist nur ein Teil davon) unter die Räder gekommen. Schließlich geschieht – jetzt vom Corona-Virus überlagert – noch etwas anderes, was nichts mit Entschleunigung zu tun hat:

    Der Krieg in Syrien, geführt, zugelassen, ermöglicht von den USA, Russland, China, Europa und ihrem elenden Waffenhandel; das unvorstellbare Elend von Millionen Geflüchteten in Idlib; die menschenunwürdigen Flüchtlingslager auf Lesbos und das kollektive Wegschauen in unserem Land, das uns noch nicht einmal das Selbstverständliche tun lässt: kranke, alleinstehende Kinder aufzunehmen.*

    Mitten in der Passionszeit werden wir live Zeug/-innen davon, was das Leiden ausmacht: Wir nehmen uns nicht einmal in der verordneten Entschleunigung die Zeit, um uns des kollektiven Verbrechens bewusst zu werden und aktiv einzugreifen – mit Hoffnung und Empathie.

    Doch genau das ist unsere Aufgabe, wenn wir in diesen Wochen die Passion Jesu bedenken. Wir können wieder lernen, was Utopie und Empathie bedeuten und wozu sie uns veranlassen: lebenswerte Aussichten jenseits von Krankheit, Tod und Verderben gewinnen und mit diesen dem leidenden Menschen tatkräftig empathisch, helfend, liebend begegnen. Bedenken wir: Wirklich groß, d. h. bedeutsam wird die jetzige Unterbrechung nur dann sein, wenn wir Utopie und Empathie erneuern, also Ostern zulassen – der große Einspruch gegen Leiden und Turboextistenz nach Jesu Tod am Kreuz.**

    ______________________________________________________________

    * Wie peinlich ist es, dass der Freistaat Sachsen sich „großzügiger Weise“ dazu bereit erklärt, 20 (!) Flüchtlingskinder aufzunehmen!

    ** Kein Geringerer als Johann Sebastian Bach macht das in der h-Moll-Messe deutlich mit der Pause zwischen dem sich im Nichts verlierenden „et sepultus est“ und dem triumphierenden „Et resurrexit“ – eine radikale Unterbrechung zwischen Tod und Leben. Was dann folgt, ist ein Aufruf zur Utopie und Empathie.

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