Von Viren, Plastikmüll und einem Landarzt, der die richtigen Worte sagt

Für alle Leser„,Tiefsee'-Kubus vor dem Naturkundemuseum Leipzig öffnet seine Tore“, meldete das Leipziger Naturkundemuseum am Dienstag, 12. Mai. „Unter Auflagen ist nun auch das dritte Kapitel des Kooperationsprojektes zwischen dem Naturkundemuseum Leipzig und der Schaubühne Lindenfels erfahrbar.“ Eigentlich sollte es schon ab März erfahrbar werden. Das ist noch gar nicht so lange her, aber es wirkt, als sei das in einer anderen Epoche gewesen.

Seit Ende März wartet das Kubus-Kapitel „Tiefsee“ auf Publikum, für das sich die Installation vor dem Museum extra in ein auf Grund gelaufenes Wrack verwandelte. Seine ursprüngliche Mission: Die Erforschung der Tiefsee. Heute wabert über dem Wrack ein Teppich aus Müll, an dem nicht nur die Meere und ihre Lebewesen zu ersticken drohen.

Im Sonderausstellungsbereich des Naturkundemuseums Leipzig nimmt das Kapitel „Tiefsee“ faszinierende Organismen in den Blick, die an diesem unwirklichen Ort überleben können. Denn dort, wo beängstigende Stille, vollkommene Dunkelheit und gigantischer Druck herrschen, wimmelt es entgegen der allgemeinen Erwartungen nur so vor Leben. Ihrer Erforschung verschrieb sich bereits der Leipziger Zoologe Carl Chun, der 1898 die erste deutsche Tiefsee-Expedition „Valdivia“ leitete.

Der Kubus ist seit dem 12. Mai 2020 kostenlos und unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen von Dienstag bis Sonntag zwischen 9 Uhr und 18 Uhr zugänglich. Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung und die Einhaltung des Mindestabstands sind herbei unerlässlich, betont die Museumsleitung.

Alle Videos, Audios und Inhalte der Expedition 4×6 findet man im neuen Webjournal der Schaubühne.

 

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Bei der Gelegenheit muss noch ergänzt werden, dass auch das Museum selbst wieder besucht werden kann – aber nur mit Voranmeldung.

Und in gewisser Weise klingt es auch naturwissenschaftlich erleichtert, wenn das Museum in der vergangenen Woche ankündigte: „Die einschränkenden Maßnahmen der vergangenen Wochen zeigen ihre Wirkung und allmählich ist die Rückkehr in den Alltag in immer mehr Bereichen des täglichen Lebens möglich. Wir freuen uns sehr, Sie wieder in unserer Ausstellung begrüßen zu dürfen.

Bitte melden Sie ihren Besuch an unter service.naturkundemuseum@leipzig.de.

Öffentliche Führungen können bis auf Weiteres nicht stattfinden. Alle Veranstaltungen bleiben vorerst abgesagt.“

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Neben der Erleichterung klingt natürlich auch die Ernsthaftigkeit an. Denn die „einschränkenden Maßnahmen“ haben ja tatsächlich Wirkung gezeigt. Aber das bedeutet eben nicht, dass die jetzt erfolgten Öffnungen harmlos sind. Mehr Kontakte bedeuten nun einmal auch wieder mehr Übertragungsmöglichkeiten für das Coronavirus. Da kann es mit dem Öffnen schnell wieder vorbei sein, wenn mehr Menschen so tun, als könnten sie die Kontakt- und Abstandsregeln einfach ignorieren.

Als könnten sie einfach mal mit ihrem Beharren auf Grundrechten die simpelsten Naturgesetze außer Kraft setzen. Und wenn einem die Aussagen der Regierung oder des Robert-Koch-Instituts nicht passen, suchen sie sich einfach andere „Koryphäen“ mit oder ohne Titel, deren Meinung zu ihrer Meinung passt und alle Corona-Schutzmaßnahmen zu einer „großen Verschwörung“ erklärt.

Der Landarzt Dr. Thomas Assmann bringt es in einem Beitrag in der F.A.Z. sehr nüchtern auf den Punkt, wenn er sagt: „Dem Virus ist es übrigens völlig egal, was wir über ihn denken und ob wir uns streiten. Kein Zusammenhalt, davon profitiert er. Jeder muss jetzt Verantwortung übernehmen, die Regeln befolgen, so schwer das Abstandhalten auch sein mag. Wir sollten diese gewonnene Zeit vor der zweiten Welle nutzen, die Wirtschaft in Gang zu bringen, Ideen zu entwickeln, wie uns ein zweiter kompletter Shutdown erspart werden kann, sowie unser Gesundheitssystem wie auch unseren eigenen Alltag auf diese zweite Welle vorzubereiten. Meine große Bitte: Lassen Sie uns zusammen diese Schritte gegen Covid-19 gehen und nicht irgendwelchen Fake News und Rattenfängern folgen.“

Unübersehbar betrachtet er seine Arbeit als Arzt mit dem Blick eines naturwissenschaftlich gebildeten Mediziners, der gelernt hat, dass Meinen, Hoffen und Glauben selbst in der Medizin nichts nützen, wenn man die simpelsten Gesetze der Verbreitung von Viren und Bakterien missachtet. Ihm ist noch bewusst, dass wir ganz und gar nicht in einem Cocon leben, der uns wirklich von der Welt alles Lebenden trennt. Denn bei all den seltsamen Protesten in den letzten Tagen wird man ja das Gefühl nicht los, dass diese Menschen sich wie Fernsehzuschauer verhalten, denen das gebotene Programm nicht passt. Da man sich aber aus der Realität nicht wegzappen kann, murren sie gegen den mutmaßlichen Programmdirektor, der ihnen das alles zumutet.

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Und dann lohnt sich im Foto natürlich der genauere Blick – nicht nur auf die Schutzmaske, die auch Museumsdirektor Dr. Ronny Maik Leder trägt, sondern nach oben, zu den riesigen Säcken mit Plastikmüll, die quasi über der Tiefseestation schwimmen. In der Zeit, als der der Leipziger Forscher Karl Chun die Tiefsee erkundete, war die Welt unserer Ozeane noch leidlich in Ordnung.

„Heute wabert über dem Wrack ein Teppich aus Müll, an dem nicht nur die Meere und ihre Lebewesen zu ersticken drohen“, schildert das Naturkundemuseum die mahnende Botschaft in diesem Kubus-Projekt, das eben nicht nur zeigt, wie sehr wir unsere natürliche Umwelt schon vermüllt haben. Diese Umwelt ist nichts Abgesondertes. Gerade das hat ja die rasante Ausbreitung des Coronavirus aller Welt und selbst den dümmsten Staatsmännern gezeigt: Wir leben mittendrin in dieser Mitwelt.

Und wir werden selbst zum Opfer, wenn natürliche Gleichgewichte nachhaltig gestört werden. Wenn wir nicht lernen, unsere kleine Erde wieder in Ordnung zu bringen und die Grundlagen unseres Lebens zu bewahren, hilft die grimmigste Demonstration nichts.

Überleben wird nur eine Menschheit, die lernt, wieder achtsam und genügsam zu sein. Von respektvoll ganz zu schweigen.

Der Kubus auf dem Platz vor dem Naturkundemuseum ist eine Mahnung zur richtigen Zeit. Nur: Wird sie verstanden? Werden jetzt die richtigen Weichen gestellt?

Da darf man auch in Leipzig so seine Zweifel haben. Denn eins fällt den Zeitgenossen unheimlich schwer: Sich zurückzunehmen und Dinge einfach mal nicht zu tun, weil wir doch eigentlich wissen, was sie anrichten. Das ist das, was dem modernen Wohlstandsbürger so völlig fremd ist, weil er gelernt hat, dass sich jeder nur der Nächste ist und Ellenbogen und stures Beharren belohnt werden.

Werden sie am Ende nicht. Aber dieser Satz, den Dr. Thomas Assmann auch noch schrieb, ist so schwer zu befolgen, wenn man nicht gelernt hat, sich selbst mal nicht so wichtig zu nehmen: „Übernehmen Sie Verantwortung für diese Gesellschaft.“

Also nicht „an die da oben“ delegieren?

Nein.

Das war früher. Als wir noch Untertanen waren.

Aber wem erzähle ich das?

Die Serie „Nachdenken über …“

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