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Deutlicher Protest gegen Engelsdorfer „Corona-Spaziergang“

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    Etwa hundert Personen verschiedener antifaschistischer Bündnisse aus Leipzig versammelten sich am Montagabend in Leipzig-Engelsdorf, um dem „Corona-Spaziergang“ von etwa 25 Engelsdorfer/-innen entgegenzutreten. Der Großteil der Gegenprotestierenden, etwa 75 Menschen, war einem Aufruf des Aktionsnetzwerks „Leipzig nimmt Platz“ gefolgt und mit dem Zug vom Leipziger Hauptbahnhof angereist. Ausgangspunkt beider Versammlungen war das Gymnasium Engelsdorf.

    Aufgerufen zur Gegendemo hatte seit Mitte Juni 2020 eine Gruppe namens „openengel“ auf Twitter und Instagram mit den Worten „jeden Montag versammeln sich Coronaleugner/-innen, Verschwörungstheoretiker/-innen und Rechtspopulist/-innen. Sie ziehen ‚Wir sind das Volk‘ rufend durch Engelsdorf. Damit stehen sie im Einklang mit der AfD, Legida und anderen rechten Gruppierungen.“ Man wolle ein deutliches Zeichen dagegensetzen, so beschreibt „openengel“ das Ziel der Gegendemonstration.

    Deutlich war der Protest gegen den Corona-Spaziergang allemal: Als der Demozug vom Bahnhof Engelsdorf am Gymnasium ankam und sich mit weiteren etwa 25 dort wartenden Personen zusammenfand, standen sie anfangs gerade einmal zwei Männern gegenüber, die auf den Treppen der Schule auf den Start des „Corona-Spaziergangs“ warteten.

    Mit Hund und Kegel für … Deutschland?

    Insgesamt bestand der „Corona-Spaziergang“ später aus etwa 25 Menschen meist mittleren Alters, zwei Hunden und zwei Deutschlandflaggen. Mindestens ein Teilnehmer war auch bei PEGIDA in Dresden am 15. Juni anwesend. Volker Zocher, bis vor kurzem Bürgermeister von Naunhof und ehemaliger Bürgermeister von Engelsdorf, hatte die Corona-Demo angemeldet. Ein Teilnehmer hielt ein Plakat in die Höhe, welches wohl Kritik zur Corona-Warn-App der Bundesregierung zum Ausdruck bringen sollte. Wobei die Schriftzüge „Corona-App Unfrei“ und „Coron-App, Corona-Nepp“ eher Rätsel aufgaben.

    In einem Redebeitrag beklagte ein Teilnehmer die „Beschneidung der Grundrechte“, die es seiner Meinung nach auch vor der Corona-Krise mit Einschränkung der Meinungsfreiheit schon in Deutschland gegeben habe. „Die Abschaffung von Grundrechten und Freiheiten ist alltägliches Handeln der Eliten da oben“, waren seine abschließenden Worte, bevor sich der Spaziergang in Bewegung setzte.

    Nach wenigen Metern wurde er von den Gegendemonstrierenden schon wieder zum Stehen gebracht. Mit Sprechchören wie „Eure Kinder werden so wie wir!“ und lautem Klatschen blockierte die vorrangig aus Jugendlichen bestehende Gegendemo für etwa fünf Minuten die Route des „Corona-Spaziergangs“. Während der kurzzeitigen Blockade kam es zu einer Art Sprechchor-Battle zwischen den beiden Lagern: „Wir sind friedlich, was seid ihr?“, fragten die Spaziergänger/-innen. „Ihr seid Nazis, das seid ihr“, war die Antwort der Gegendemo.

    Würden die Sprechchöre nach Dezibel bewertet, so hätte die Gegendemo eindeutig gewonnen. Wäre die Vielfalt der Parolen eine Bewertungskategorie, auch: Die Blockierenden riefen außerdem „Ihr seid so lächerlich“, „Ich bin nichts / Ich kann nichts / Gebt mit einen Aluhut“, „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda“ und „Alle zusammen gegen den Faschismus“. Die Spaziergänger/-innen hatten noch „Hass macht hässlich“ im Repertoire.

    Zwei Spaziergänge durchs abendliche Engelsdorf

    Die Polizei, die während der Blockade zwischen den beiden Demozügen stand, filmte dabei mit mehreren Handkameras die Teilnehmer/-innen der antifaschistischen Versammlung. Nachdem die Blockade aufgelöst wurde, setzte sich der „Corona-Spaziergang“ wieder in Bewegung, etwa einen Kilometer durchs Engelsdorfer Wohngebiet. „Wir sind das Volk“, wie von „openengel“ bezüglich früherer Versammlungen beschrieben, rief dabei niemand, es blieb durchweg still.

    Kurz nach 20 Uhr endete der Spaziergang am Engelsdorfer Gymnasium. Die Spaziergänger/-innen nutzten die Ruhe der gerade ebenfalls durch Engelsdorf – auf einer anderen Route – ziehenden Gegendemo, um die Deutsche Nationalhymne zum Abschluss zu singen. Mit Handschlag verabschiedeten sich die Teilnehmer/-innen.

    Kritik an Verharmlosung von Ken Jebsen und Co.

    Bevor sich die Gegendemo-Teilnehmer/-innen wieder auf den Heimweg machten, hielten sie mehrere Redebeiträge und veranstalteten eine Schweigeminute für Coronatote. Ein Redner des Leipziger Bündnisses „Jugend gegen Rechts“ forderte die Anwesenden dazu auf, antisemitische Verschwörungstheoretiker wie Ken Jebsen und Attila Hildmann trotz ihrer absurden Thesen nicht nur zu belächeln, sondern als ernste Bedrohung einer freiheitlichen Gesellschaft wahrzunehmen.

    Weiterhin verwies er auf die seiner Meinung nach während der Corona-Krise in der öffentlichen Wahrnehmung ins Hintertreffen geratenen Themen wie Klimaschutz, rechtsextreme Gewalt und die prekäre Situation Geflüchteter in Lagern an den EU-Außengrenzen.

    „Diese Menschen müssen in unmenschlichen Verhältnissen ausharren und latente Gewalt ertragen, während die größte Sorge der Leute hierzulande ist, wo sie das Klopapier herbekommen, mit dem sie sich den Arsch abwischen.“

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