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Restart19-Studie soll Risiken bei Hallenveranstaltungen überschaubar machen

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 82, seit 28. August im HandelSamstagmorgen vor der Arena Leipzig: Knapp 1.500 Menschen stehen an, um ein Konzert der anderen Art zu erleben: Tim Bendzkos Auftritt dient nicht nur der Unterhaltung, sondern findet im Rahmen eines wissenschaftlichen Experiments statt: der Restart19-Studie (Studie zur Risikoprognose bei Hallenveranstaltungen zur Verbreitung von Covid19) des Universitätsklinikums Halle.

    Unterstützt wird die Studie mit Geldern des Freistaates Sachsen und des Landes Sachsen-Anhalt. Herausgefunden werden soll, wo bei einem Konzert die meisten Kontakte zwischen Besuchern auftreten und wie dies zur Vermeidung der Ausbreitung des SARS-Cov2-Virus vermieden werden kann. Auch die Verbreitung von Aerosolen wird gemessen.

    Dazu gibt es drei Szenarien, die zwischen 11 und 19 Uhr getestet werden. Zuerst simulieren die Forscher ein Konzert ohne Abstände. Im Gegenteil, gruppenweise dirigiert Studienleiter Stefan Moritz zusammen mit Sascha Roeser, sonst Hallensprecher bei den Handballheimspielen, noch Teilnehmer um. Sie sollen noch enger beieinander sitzen, um etwa die Verhältnisse widerzuspiegeln, wie sie vor Eintreten der Regularien waren.

    Ganz anders später das zweite Szenario: Zwischen zwei Zuschauern ist jeweils ein Platz frei, die Reihe dahinter sitzt auf Lücke. In Szenario drei schließlich sind wieder kleine Gruppen möglich, um die jeweils der Abstand von 1,5 Metern herrscht.

    Die ganze Zeit über tragen bis auf die Personen auf der Bühne alle Beteiligten die ausgegebenen FFP2-Masken. Nur außerhalb des Gebäudes während der Verpflegungspausen können diese abgesetzt werden, um sich Luft zu verschaffen. Denn für den einen oder anderen sind die medizinischen Masken neu und ungewohnt dicht.

    Schon vor dem Einlass wird klar: Die Teilnehmer sind vielfach nicht nur zum Spaß hier. Etliche arbeiten in Berufen, die mit der Veranstaltungsbranche eng zusammenhängen. „Mit dem Lockdown im März war in unseren eigentlichen Berufen als Veranstaltungstechniker Schluss“, erzählen vier Freiberuflerinnen und Freiberufler aus Erfurt.

    „Es ist schon wichtig für uns, dass Bedingungen gefunden werden, unter denen es weitergehen kann.“ Ähnlich ist es im Laufe des Tages von weiteren teilweise weit Angereisten zu hören. Dazu kommen Menschen, denen einfach Konzerte im halbwegs normalen Rahmen fehlen, und junge Leute, die sich danach sehnen, „dass mal wieder etwas los ist“. Schließlich hat die Pandemie auch die gesamte Clubbranche lange Zeit lahmgelegt.

    Konzertfeeling statt Versuchsanordnung

    Trotz der Masken und des strukturierten Ablaufs kommt zeitweise ein richtiges Konzertfeeling auf. „Meine Band und ich sind überrascht, wie gut die Stimmung doch ist, wir hatten uns das Gefühl einer trockenen Versuchsanordnung vorgestellt“, so Sänger Tim Bendzko bei der Pressekonferenz am Nachmittag. Zu diesem Zeitpunkt sind zwei der Abläufe samt Pausen und den Bewegungsströmen zu den Kiosken simuliert.

    Tatsächlich singen besonders beim im ersten Block dargebotenen Hit „Muss nur noch schnell die Welt retten“ etliche Probanden gut hörbar mit. Selbst auf die etwas entfernte Pressetribüne dringen die Stimmen trotz der Masken. Steriler wirkt das zweite Szenario, die Zuschauer scheinen förmlich auf den Sitzen zu kleben.

    Den Grund liefern später einige aus Aachen angereiste Freunde: „Das war einfach seltsam, einzeln und ohne direkten Nachbarn zu sitzen. Außerdem war durch die verschiedenen Sitzverteilungen nicht so klar, wo die Leute sind, die mal mit Gesang oder rhythmischem Klatschen vorangehen. Gegen Ende in den Kleingruppen konnten die sich wahrscheinlich auch besser verständigen.“

    So wirkt es auch als neutraler Beobachter. Wobei auch die aktuelle Single und deren Bekanntheitsgrad in der letzten Simulation einen Unterschied gemacht haben könnte. Gut nur, dass dies nicht in die wissenschaftlichen Messungen einfließt, es gäbe wohl eine unbeherrschbare Menge an Variablen.

    Gigantische Datenmenge benötigt Wochen zur Berechnung

    Die Datenmenge wird die Forscher auch so noch Wochen beschäftigen. Geschätzt hat der Versuch vier Terrabyte (4.000 Gigabyte) an Textdaten erzeugt, die nun in ein computersimuliertes Modell der Arena eingepasst werden. Milliarden von ein Kubikzentimeter großen Würfeln bilden dies. Das ist etwa ein Stück Würfelzucker.

    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 82, Ausgabe August 2020. Foto: Screen LZ
    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 82, Ausgabe August 2020. Foto: Screen LZ

    „Im günstigsten Fall haben wir in vier Wochen Ergebnisse; die Großrechner werden ununterbrochen laufen“, so Studienleiter Stefan Moritz, Infektiologe am Universitätsklinikum Halle. Diesen Teil übernehmen die Epidemiologen der Hallenser Medizinischen Fakultät. „Wenn sich natürlich ein Fehler herausstellt, der sich bei den Berechnungen ergibt, müssen wir eingreifen und der Prozess verzögert sich.“ Einordnend sagt Moritz: „Wir werden nicht alle Fragen zu Großveranstaltungen klären können, aber fangen sicher an, eine gute Grundlage zu schaffen.“

    Mittlerweile gibt es schon Meldungen aus Australien, Belgien und Dänemark, dass dort ähnliche Studien in Vorbereitung sind. Nach wie vor sei die Verwaltung des Uniklinikums erstaunt, wie schnell die Bewilligung der Fördermittel durch die Landesministerien in Sachsen-Anhalt und Sachsen möglich gewesen sei. Vom Zeitpunkt der Anfrage mit einem Kurzexposé bis zum Entscheid über den ausgefertigten 35-seitigen Antrag sei nur eine gute Woche vergangen, erzählte der Studienleiter mit gewissem Entertainmentpotential auf der Bühne bei einer Fragerunde mit dem Publikum.

    So wird deutlich, dass bei allem organisatorischen Aufwand die Datenauswertung schon einen großen Teil der Arbeitskraft bindet. Doch etliche Mühen betrieben die Verantwortlichen schon im Vorfeld. So wurden nicht nur die Teilnehmer, sondern auch das gesamte Hallenpersonal am Tag zuvor auf das Coronavirus getestet. Mehrere Umzugskartons voller Schutzbeutel sammelten die Mitarbeiter des Uniklinikums und der Geschäftsstelle des SC DHfK am Freitag in Leipzig ein.

    Weitere Sammelpunkte waren in Halle. In denen wiederum befanden sich die Abstrichtupfer. Aufgrund vorab gebuchter Laborkapazitäten – auch am Institut für Virologie der Universität Leipzig – lagen bereits in der Nacht die Testergebnisse vor. Ein Negativtest war unbedingte Voraussetzung für die Teilnahme.

    „Zuschauereinnahmen sind beim Handball viel wichtiger als in der Fußball-Bundesliga“

    Mit dabei sind auch die Handballer des SC DHfK Leipzig, die als Nutzer der Arena natürlich ein Interesse daran haben, dass sichere Konzepte für die kommende Saison entwickelt werden können. Denn noch mehr als bei „König Fußball“ hängen die Einnahmen von Eintrittsgeldern der Zuschauer ab. Eine Saison ohne Publikum wäre wirtschaftlich für etliche Klubs schwer zu verkraften. „Ich kann für uns sagen, dass wir circa 95 Prozent der Einnahmen aus Sponsoren und Eintrittsgeldern generieren“, sagt Karsten Günther, Geschäftsführer der Handball GmbH.

    „Bei aller Wichtigkeit geht es aber heute darum, herauszufinden, wie wir wieder mit Zuschauern spielen können, weil das unserem Sport erst Sinn gibt. Menschen ein Ventil zu bieten, um mal den Emotionen freien Lauf zu lassen und ihnen Freude zu bereiten ist unser Antrieb.“ Das können auch einige Mitglieder des Fanclubs „Feuerbälle L.E.“ kaum abwarten, die schon den Testspielen mit einer stark eingeschränkten Zuschauerzahl entgegenfiebern.

    Besonders Kontaktzonen wie hier die Ausgänge interessieren die Wissenschaftler. Über Tracker wurden die Abstände der Zuschauer gemessen. © Uniklinikum Halle
    Besonders Kontaktzonen wie hier die Ausgänge interessieren die Wissenschaftler. Über Tracker wurden die Abstände der Zuschauer gemessen. Foto: Uniklinikum Halle

    Patrick Wiesmach, seit 2018 Rechtsaußen der Leipziger, zeigt sich begeistert von der Studienteilnahme: „Ich finde es toll, dass diese erste Studie zu Großveranstaltungen hier in unserer Spielstätte stattfindet, das macht auch ein bisschen stolz.“ Als Karsten Günther von dem Vorhaben erzählt habe, sei die Mannschaft gleich positiv gestimmt gewesen. „Es ist einfach nicht schön, wie gestern ohne Zuschauer zu spielen, diese Emotionalität von den Rängen gibt schon Kraft“, ergänzt er. Ähnlich äußert sich auch Martin Larsen, Neuzugang auf Rechtsaußen.

    Ein wirtschaftliches Interesse besteht natürlich auch aufseiten der Betreibergesellschaft der Arena. Für diese sagte Matthias Kölmel, einer der Geschäftsführer, bei der Pressekonferenz: „Natürlich nehmen wir heute auch ein paar Kosten auf uns. Aber die Aussicht, bald wieder Planungssicherheit zu gewinnen, rechtfertigt das. Schließlich bringt die Halle seit Ende März keine Umsätze.“ So seien für den Studientag einige Mitarbeiter aus der Kurzarbeit reaktiviert worden. Er betonte zudem auch die soziale Funktion von Veranstaltungen als Orte der Begegnung und gemeinschaftlicher Erlebnisse

    Die zuletzt vorsichtige Entscheidung der Gesundheitsminister der Länder, keine Zuschauer in den Bundesligastadien zuzulassen, basierte sicher auf dem Grundsatz, lieber zugunsten der Vorsicht zu irren, als bei wieder ansteigenden Infektionszahlen ein Risiko einzugehen. Restart19 kann Daten liefern, aber Moritz machte auch deutlich: Aus den Ergebnissen werden sicher Empfehlungen abgeleitet, die Wissenschaftler werden aber nicht die Entscheider sein können.

    Dennoch ist die Studie ein Beispiel wie in recht kurzer Zeit etwas geleistet werden kann, wenn in Teilen übereinstimmende Interessen konstruktiv zusammengebracht werden. Die staatliche Förderung von einer knappen Million Euro hätte es sicher nicht gegeben, wenn nicht auch die Politik mehr Daten für Entscheidungen benötigte. So fasst es ein letztes Zitat einer Teilnehmerin simpel zusammen: „Es ist toll, dass jemand dieses Thema angeht.“

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