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Chemnitzer Ausländerbehörde lässt über Nacht Leipziger Hebamme abschieben + Petition

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    So geht es wirklich nicht. Da steckt Deutschland gerade im medizinischen Bereich mitten in einem ausgewachsenen Fachkräftemangel. Es fehlen die ausgebildeten Pflegekräfte in den Krankenhäusern. Es fehlen aber auch qualifizierte Hebammen. Und da schiebt Sachsen mitten in der Nacht am 18. November gegen 2 Uhr eine junge, gut ausgebildete Hebamme in den Kosovo ab, die seit sechs Jahren in Leipzig lebt und dringend gebraucht wird.

    Was natürlich auch alle jungen Mütter aufschreckte, die von Adelina Ajeti bis jetzt betreut wurden.

    „In den letzten Tagen wurden mehrere Familien in Leipzig die medizinische Betreuung für ihre Kinder genommen. Die Nachricht hat uns erschüttert. Die Mitarbeiterin unserer Hebamme wurde in einer Nacht- und Nebelaktion von der Polizei festgenommen und abgeschoben. In ihrer eigenen Wohnung. Rausgerissen aus einem gefestigten Umfeld, Arbeit, Freunden und Familie. Von einer der Institutionen, welche sie mit ihren Steuern selbst finanziert. Gerne möchten wir Ihnen die Geschichte vorstellen und bitten um Ihre mediale Unterstützung um diese staatliche Fehlentscheidung zu thematisieren und ggfs. auf eine Korrektur hinzuwirken“, schreibt uns Luticia Gebhardt, stellvertretend für betroffene Familien und natürlich Adelina und ihr Familie.

    „Aber von vorn“, erzählt sie. „Vor ein paar Jahren kam eine junge Frau aus dem noch immer vom Krieg und Unruhen zerrütteten Kosovo nach Deutschland. Ihr Name ist Adelina Ajeti. Adelina ist in ihrer Heimat Hebamme gewesen. Mit Leib und Seele ging sie ihrer Arbeit nach. Für sie war es nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung. Für Adelina war es Teil der Konfliktbewältigung, Wiederaufbau und der Wunsch nach Frieden, welcher sie dazu antrieb Hebamme zu werden.

    Da sie leider keine Perspektive in ihrer Heimat sah, kam sie nach Deutschland. Hier fand sie schnell Anschluss und eine verständnisvolle neue Chefin. In der Hebammenpraxis von Dagmar Röger fand sie eine neue Anstellung. Adelina belegte mehrere Kurse der deutschen Sprache, am Ende stand hier der Abschluss Stufe C1. Sie beherrschte also die Sprache Deutsch inklusive Fachsprache und war nur eine Stufe von der Muttersprache entfernt. Ihre Ausbildung aus dem Kosovo wurde nicht direkt anerkannt. Aber auch dies schreckte Adelina nicht zurück – im Gegenteil. Sie kämpfte um die Anerkennung und finanzierte alles allein. Am Ende konnte sie ihren Traumberuf ausüben, voll anerkannt nach den hiesigen Standards.“

    Ihr jüngster Antrag auf Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung stammt vom Oktober und liegt noch unbearbeitet in der Ausländerbehörde. Schon das hätte jede Abschiebung verhindern müssen. Aber wieder einmal entschied die Ausländerbehörde in Chemnitz willkürlich und ließ die Abschiebung anweisen.

    „Adelina hat eine eigene Wohnung. Sie zahlt Steuern. Ist voll integriert. Und hat sich in den letzten Jahren ein Leben in Deutschland aufgebaut“, schreibt Luticia Gebhardt. „Das Wichtigste aber: ADELINA IST HEBAMME. Ein Beruf, der dringend Fachkräfte braucht. Am 18.11.2020 gegen 02:00 Uhr in der Nacht wurde Adelina von der Polizei zu Hause abgeholt und in Abschiebehaft verbracht. Mittlerweile wurde sie in den Kosovo abgeschoben. Wir fordern eine sofortige Wiederaufnahme des Verfahrens und eine Rückholung von Adelina und ihrem Ehemann. Ihr Fehlen bedroht mehrere Dutzend Kinder, Frauen und ganze Familien.“

    So sieht es auch Dagmar Röger, in deren Hebammenpraxis in Thonberg Adelina erst ihr Praktikum gemacht hat und dann zunehmend Aufgaben im täglichen Betrieb übernommen hat. Und sie hatte schon im Kosovo eine Hochschulausbildung als Hebamme abgeschlossen. „Das, wo wir in Deutschland gerade hinwollen“, sagt Röger. Solche Fachkräfte werden dringend gebraucht. Die betroffenen Eltern haben schon eine Petition gestartet und sammeln Geld, um den Anwalt zu bezahlen, der helfen soll, Adelina nach Leipzig zurückzuholen.

    Denn nach Gesetzeslage hätte sie nicht abgeschoben werden dürfen.

    Nachtrag 23.11.2020: Mittlerweile ist eine Petition an den Landtag Sachsen gestartet. Die Kernforderung lautet: „Wir fordern eine Aufhebung des Einreiseverbotes von Adelina Ajeti sowie eine sofortige Rückholung aus dem Kosovo.“

    Bei Nacht und Nebel (1)

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    3 KOMMENTARE

    1. Was gibt es da nicht zu verstehen? Die Ausländerbehörde hat bestimmte Vorgaben zu erfüllen. Da wird dann geschaut, wessen Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen und wer einfach zu erreichen ist. Als Hebamme arbeitet es sich nun mal schlecht im Untergrund und der Intensivstraftäter hat einen Anwalt. So einfach, so skandalös. Um Menschenschicksale geht es da nicht!

    2. Das verstehe wer will, Intensivstraftäter bleiben ewig im Lande und integrierte Menschen werden abgeschoben.

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