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Lockdown in einem Haus, in dem seit Monaten die Bauarbeiten lärmen

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    Eine echte Plage: Lärm dem man nicht entrinnen kann, und das mitten in Corona-Zeiten. Ausweichmöglichkeit? Fehlanzeige. Mit großen Sägen und Presslufthämmern rückten sie eines Morgens im September an: ganze Brigaden starker Kerle schleppten ihr Arbeitsgerät aufs Dach bzw. die oberen Etagen eines Hauses in der Wasserturmsiedlung Markkleeberg.

    Schornsteinabriss – das erfuhr man auf Nachfrage bei den Arbeitern, aber nicht von der WBG. Die hielt es nicht für nötig, die Arbeiten vorher anzukündigen, was nicht gerade auf eine hohe Wertschätzung der Mieterschaft schließen lässt, rang sich dann doch irgendwann zu einem Aushang im Treppenhaus durch.

    In den folgenden Wochen ging es mit diesen lärmintensiven Arbeiten weiter, denn nun wurden Türen und Wände in gleich mehreren Wohnungen herausgehackt. Ganzen Wohnungsgrundrissen galt diese Aktivität. Eine Anfrage bei der WBG ergab: man könne bis 22 Uhr Lärm machen, die Mieter hätten das zu erdulden, und normalerweise sei ja jeder auf der Arbeit.

    Was allerdings für Leute im Homeoffice nicht ganz so einfach sein dürfte. Oder für jene, die gerade wegen Krankheit ihrer Tätigkeit nicht nachgehen können.

    Nun dachte man im November, sie würden irgendwann fertig sein. Jedoch: Fehlanzeige. Die Abrissarbeiten in den Mietshäusern in Markkleeberg werden fortgeführt, inmitten all der Einschränkungen dieses verschärften Lockdowns, der seit kurzem in Sachsen gilt, und der den Aufenthalt im öffentlichen Raum noch weiter verunmöglicht. Es ist klar, dass die Mieter der angrenzenden Wohnungen nirgendwohin ausweichen können.

    Die Kälte draußen – jeder weiß das.

    Wir haben Dezember. Temperaturen um den Gefrierpunkt laden nicht dazu ein, täglich stundenlang auf Parkbänken zu sitzen. Cafés und Restaurants sind geschlossen, Bibliotheken und Museen ebenso.

    Verwandte in ca. 30 km Entfernung befinden sich in Corona-Quarantäne, mithin: könnten einen auch nicht mal eben so einladen.

    In den Coronaschutzverordnungen sind solche Fälle offensichtlich gar nicht berücksichtigt, dass es Leute geben kann, die, obwohl sie Miete zahlen, nicht wissen wohin sie gehen sollen in diesen Tagen. Einen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem die Bewohner sich während des Tages aufhalten könnten, überfordert die WBG: man habe keinen, hieß es.

    Wochen- und sogar monatelanger Lärm mit der Dezibelzahl eines startenden Düsenjägers aushalten zu müssen: Das macht krank.

    Der WBG geht es darum, noch ein paar mehr Quadratmeter herauszuschlagen, indem Grundrisse verändert werden, aufwendig saniert wird: die Mieten in den Blocks zu erhöhen ist das offensichtliche Ziel.

    Jede Wohnung, die frei wird – und es werden Wohnungen frei, weil Leute diesen Lärm nicht mehr aushalten können – dient auch dazu, Neumieter zu gewinnen, die wesentlich höhere Mietpreise zahlen können.

    Noch nicht wissend wohin, werde auch ich dieses Haus verlassen. Vier Monate Dauerlärm, Dreck, Ungewissheit – das hält die stärkste Natur nicht aus. Die Gentrifizierung ist angekommen und greift auch hier um sich – nicht nur in den Städten weit weg.

    Am schlimmsten empfinde ich aber das Kommunikationsdefizit, welches ganz offensichtlich gepflegt wird. Man möchte gar kein gutes Verhältnis, weder zu den Mietern, noch der Mieter untereinander. Wohnungen anzubieten, die ja gebraucht werden in einer sehr elementaren Form um das Dasein der Bürger zu gewährleisten, ist mehr und mehr verkommen zur bloßen Gewinnmaximierung aufseiten der Vermieter.

    Ein sehr beklagenswerter Zustand.

    Was macht Corona mit unserer Seele?

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