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Kommentar: Die herzloseste Art, Straßenbahn-TV zu machen

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    „Die Hand eines älteren Menschen wird von der Hand eines jüngeren Menschen gehalten“, so bewirbt das Deutsche Hygienemuseum in Dresden auf seiner Homepage einen Livestream zur „Woche für das Leben“ am 19. April, der auch in Leipziger Straßenbahnen beworben wird. Sehr zur Verstörung mancher Fahrgäste, die es gerade in Zeiten voller Intensivstationen und steigender Sterbezahlen durch COVID-19 für ziemlich pietätlos halten, derartige Werbung zu treiben.

    Abgesehen davon, dass die Homepage des Hygienemuseums zuweilen ein schwerfälliges Monster ist und das Museum solche Extra-Werbung im Straßenbahn-TV wohl bitter nötig hat. Vom Fingerspitzengefühl der Werber ganz zu schweigen, ganz egal, worüber in einer Online-Diskussion zum Thema „Wie geht Sterben?“ tatsächlich gesprochen werden soll. Denn der Werbeclip im Straßenbahn-TV verrät nicht, wer da eigentlich mit wem diskutieren wird.Die Website des Hygienemuseums verrät wenigstens, dass es um Palliativmedizin gehen soll: „Dass unser Leben mit dem Tod endet, ist eine Gewissheit, die im Alltag oft verdrängt wird. Und doch: Was lange Zeit persönlich und gesellschaftlich ein Tabu war, kommt wieder mehr in den Blick. Hospizbewegung und Palliativmedizin haben dazu beigetragen, dass viele Menschen sich wieder bewusster mit Sterben und Tod auseinandersetzen. Wesentlich für die neuen Hilfeformen ist, dass individuelle Wünsche und Bedürfnisse Sterbender berücksichtigt werden. So sind medizinische, pflegerische, soziale und spirituelle Unterstützung und Begleitung sterbenskranker Menschen heute selbstverständlich(er) geworden. Sie geben den Betroffenen und ihren Angehörigen das Gefühl, diesen Weg nicht allein gehen zu müssen.“

    Immerhin merkt die Website des Hygienemuseums an, dass es tatsächlich um Sterbebegleitung geht.

    Die Verknappung dieses Themas ist ja nicht die erste Irritation, seit Sachsen Fernsehen die Bildschirme der Leipziger Straßenbahnen bespielt – ausschließlich mit Werbehinweisen für Veranstaltungen, die in Dresden mit Dresdner Akteuren stattfinden. Als bestünde Sachsen nur aus seiner biederen Landeshauptstadt und ein Lokalsender, der den Namen des Landes im Titel führt, müsse eben nur aus dem kleinen Mustopf der Landeshauptstadt berichten. Repräsentativ ist das nicht.

    Und – wie man sieht – auch in den meisten Fällen nicht einmal selbsterklärend. Was man wohl mit gutem Recht Lokal-Ignoranz nennen darf. Das ist der kleine schäbige Bruder von Lokal-Patriotismus, der nie verstanden hat, dass die Welt eigentlich nicht am Ortsausgangsschild zu Ende ist und dahinter immer noch was kommt. Und dass all das, was die Eingeborenen als scheinbar weltberühmten Haufen von Berühmtheiten kennen, da draußen erstens niemand kennt und zweitens auch kaum jemanden interessiert.

    Aber es geht ja nicht nur um Lokalberühmtheiten, die den lokalen Glanz schon für den Schimmer der Weltgeschichte halten. Es geht auch um das Verständnis von medialer Berichterstattung. Denn irgendwann lernt man ja, wenn man das Handwerk ernsthaft betreibt, dass die Dinge, die man im engeren Kreis für selbstredend und selbstverständlich hält, schon an der nächsten Straßenecke auf Unverständnis stoßen, wenn man ihre Hintergründe nicht erklärt.

    Aber gerade Lokalmedien neigen dazu, den eigenen Horizont für das Maß aller Dinge zu halten. Und so schütten sie die sächsischen Lande mit Nachrichten zu, die schon in Chemnitz, Plauen und Oschatz für Unverständnis sorgen.

    Denn was soll in einer Diskussion wirklich passieren, die sich so burschikos „Wie geht Sterben?“ nennt und zu der nichts erklärt wird – jedenfalls nicht im Straßenbahn-TV. Als wäre das eine flippige junge Kunst, die man beherrschen sollte und über die man auch schnippig reden kann. Was Sachsen Fernsehen, das die Sendung irgendwie auch noch ausstrahlen will, durchaus zuzutrauen wäre. Kann man über das Sterben einfach mal flippig diskutieren?

    Bestimmt nicht. Gerade jetzt nicht, da viele Familien erleben, dass das Sterben geliebter Angehöriger auf eine Weise passiert, die wirklich niemand gewollt hat. Und trotzdem starben und sterben hunderte bislang eher ältere Sachsen und Sächsinnen nicht nur einen erschütternden Tod auf den Intensivstationen. Viele starben auch unbegleitet und einsam in den Pflegeheimen.

    Am 18. April gedenkt auch Leipzig der Corona-Verstorbenen, die gerade weil sie an diesem Virus gestorben sind, ohne Abschiedsworte ihrer nächsten Verwandten gestorben sind.

    Auch das Universitätsklinikum Leipzig erinnert aus diesem Anlass an die Patientinnen und Patienten, die in den vergangenen Monaten am UKL ihren Kampf gegen das Virus verloren haben. Prof. Christoph Josten wird dazu an der Gedenkveranstaltung „Zeit zur Klage, Raum für Hoffnung“ der Stadt Leipzig und der Kirchen und Religionsgemeinschaften am Sonntag, 17:00 Uhr, in der Leipziger Nikolaikirche, teilnehmen.

    Prof. Christoph Josten, Medizinischer Vorstand am UKL, entzündet eine Kerze für verstorbene Patienten bei einer Gedenkfeier im UKL im Februar 2021. Foto: Hagen Deichsel/ UKL
    Prof. Christoph Josten, Medizinischer Vorstand am UKL, entzündet eine Kerze für verstorbene Patienten bei einer Gedenkfeier im UKL im Februar 2021. Foto: Hagen Deichsel/ UKL

    „Im März 2020 haben wir die ersten an COVID-19 erkrankten Patienten auf unserer dafür geschaffenen Intensivstation aufgenommen“, erinnert sich Prof. Christoph Josten, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Leipzig. Es waren zwei Männer aus dem damals von der ersten Infektionswelle hart getroffenen Italien. Einer verstarb nach wenigen Tagen, der zweite erholte sich und konnte im Mai entlassen werden.

    „Der Patient aus Italien war einer der ersten an COVID-19 Verstorbenen in Leipzig und am UKL“, so Josten. „Und er teilte sein Schicksal mit vielen, die noch kommen sollten: Er starb fern von seinen Angehörigen, begleitet durch das Personal des Uniklinikums.“

    222 Menschen verstarben seit März 2020 am Universitätsklinikum Leipzig an COVID-19. „Das ist eine sehr hohe Zahl“, sagt Josten. „Nie zuvor haben wir so viele Menschen innerhalb so kurzer Zeit an eine Erkrankung verloren.“

    Vor allem sind es 222 Leben, die ein Ende nahmen, viele zu früh. 222 Familien, die einen Menschen verloren haben. Viele konnten sich nicht verabschieden, getrennt durch Quarantänen und Besuchersperren.

    „Diese Situation ist für alle eine große Belastung, auch für unsere Mitarbeiter, die sich täglich der Aufgabe stellen, eine Pandemie zu bekämpfen“, so Josten. „Wir hoffen sehr, dass wir bald in der Lage sein werden, die Infektionen wirksam zu reduzieren, damit wir nicht weiterhin so viele Menschen an das Virus verlieren müssen.“

    Da bleibt eigentlich nicht wirklich Raum, ausgerechnet jetzt über die ars moriendi zu diskutieren, auch wenn natürlich die klügsten Philosophen raten, sich frühzeitig im Leben mit der richtigen Art zu sterben zu beschäftigen. Aber da geht es um innere Einstellungen und das Wahrnehmen all der Dinge, die im Leben wirklich wichtig sind und die man nicht immer auf die lange Bank schieben sollte, bis es zu spät ist.

    Doch gerade in einer Zeit, in der so viele Menschen am Coronavirus sterben, ist es eindeutig der falsche Zeitpunkt, über die richtige (oder falsche) Art zu sterben zu diskutieren. Denn darauf konnte sich niemand vorbereiten. Und Trost bietet dieser philosophische Gedanke auch wenig, wenn die Angehörigen vor einer unaushaltbaren Situation stehen und die Sterbenden nicht einmal besuchen dürfen.

    Aber es würde zur Gedankenlosigkeit dessen passen, was das Sachsen Fernsehen auf Leipziger Straßenbahnbildschirmen ausstrahlt. Und ich bezweifle auch, dass man es in der Online-Runde bis zu Michel de Montaigne schaffen wird und seiner Lebensphilosophie, die sich in dem Satz „Que philosopher c’est apprendre à mourir“ bündelt.

    Was ja gerade Stefan Zweig in seinen letzten Lebensmonaten dazu brachte, noch einen letzten großen Essay über Montaigne zu beginnen, der dann freilich Fragment blieb. So wie Zweigs Leben am Ende Fragment blieb. So wie das Leben vieler Menschen, die jetzt sterben, weil man sich auf Corona beim besten Willen nicht vorbereiten konnte und sich das Sterben ganz gewiss anders vorgestellt hat. Nicht nur mit überlasteten Intensivpfleger/-innen am Bett, sondern mit den geliebten Menschen, die einem noch das Tröstlichste mit auf den Weg geben: Dass sie einen im Herzen bewahren werden und man wichtig für sie war. Lebenswichtig.

    Man kann auch lauter gedankenloses Straßenbahn TV produzieren. Aber dann muss man sich nicht darüber wundern, dass einen die bestrahlten Fahrgäste nur noch auf eine zutiefst enttäuschte Weise verachten.

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