Seit dem heutigen Morgen ab 10 Uhr sammelte sich der Gegenprotest in der thüringischen Stadt Weimar, offizieller Start war 12 Uhr und es kamen viele. Deutlich mehr zumindest als auf der Seite, die mit ihrem Versammlungsvorhaben für den 7. August 2021 dazu beigetragen hatte, dass es heute in Weimar versammlungstechnisch ganz schön zur Sache ging. Unter anderem die extremistischen Kleinstparteien der „III. Weg“ und „Die Rechte“ hatten zur „neuen Stärke“ aufgerufen, am Ende kamen gerade einmal rund 100 „Kameraden“. Gegen Ende des Geschehens gab es aufgrund der strikten „Lagertrennung“ Gerangel zwischen den Polizeieinsatzkräften und dem antifaschistischen Protestzug, während die Neonazis vorzeitig abbrachen.

Den Aufruf der Faschisten unter dem Namen „NSE“ („Neue Stärke Erfurt“) hatte Youtube bereits vor Start der heutigen Aufzüge gelöscht, das martialische Video widerspreche den „Hassrede“-Regeln des Videonetzwerkes. Wie gern im Netz machte der Aufruf den Eindruck einer Machtübernahme am heutigen Tag, mal wieder stünde „das Volk auf“ und natürlich „erwachte“ es auch (vermutlich vor dem Aufstehen).So viel schon vorab zu den Ähnlichkeiten dessen, was erst letzten Montag mit „Leipzig erwache“ bei der „Bürgerbewegung Leipzig 2021“ gerufen worden war und denen, die sich heute in Weimar zumindest ganz offen zu ihrem nationalsozialistischen Gedankengut bekannten. Statt es zu rufen, hatten sie es auf ein Banner geschrieben – hier nun erwachte also die Stadt Erfurt, was die Frage in den Raum hängte, wann die thüringische Landeshauptstadt wohl eingeschlafen war.

Auf ihrem Rundgang durch Weimar forderten dann gerade einmal 100 Neonazis aus dem Umfeld der rechtsextremen Partei „III. Weg“ eben jenen „Nationalen Sozialismus jetzt“, bevor es gegen 14 Uhr Wasserbomben auf der Marschstrecke aus einem anliegenden Haus zum laut eingespielten Song „Schrei nach Liebe“ regnete (siehe Bildergalerie).

Nun entschieden sich die erwachten und feuchten „Kameraden“ in ein gemeinsames „Wir kriegen Euch alle“ und „Antifa Hurensöhne“ überzugehen und dazu hier und da mit ihren uniformen Schildern und Fähnchen zu wedeln.

Was alles in allem angesichts der üblichen Schlägergesichter wie ein Besuch aus den 90er Jahren wirkte, kam hier also kurz zum stehen und drohen, während sich in Weimars Zentrum Polizeikräfte mit dem Gegenprotest Kämpfe um Transparente lieferte (siehe Video). Dabei setzten einzelne Polizisten Pfefferspray ein, während aus der Demonstration heraus mindestens ein Regenschirmstock als Schlaggerät genutzt wurde.

Der etwa 1.000 Teilnehmende große Protestzug von Antifaschisten aus mehreren Städten beendete seinen ab und zu von Pyrotechnik begleiteten Aufzug vom Stéphane-Hessel-Platz über (ua.) Marktstraße und Kaufstraße durchs Zentrum planmäßig am Herderplatz, während die Neonazis bereits gegen 14:30 Uhr zurück am Hauptbahnhof Weimar waren. Und dort die Lust an „Freiheit, Recht, Arbeit“ (so die Wedelschildchen) verloren und die Versammlung vorzeitig abbrachen.

Unter ihnen im Schlepptau einer „Die Rechte“-Fahne ein alter Bekannter von der „Bürgerbewegung Leipzig“. Der Mann, welcher seit Wochen jeden Montag den Ordner in der Messestadt gibt, war nach einem Überfallversuch einer 50-köpfigen Gruppe in Zwönitz auf eine antifaschistische Demonstration nun auch in Weimar dabei.

Aktuell befinden sich alle Zusammengekommenen von Weimar auf der Rückreise. Bis auf einige ruppige Szenen zwischen der Polizei und den Gegenprotestlern und diversen Drohgebärden und gewaltvollen Redebeiträgen auf rechter Seite verlief der Tag weitgehend friedlich. Mit Stand 15:15 Uhr sind keine Zusammenstöße zwischen den Neonazis und Antifaschisten bekannt.

Gegen 15:45 Uhr startete eine linke Spontanversammlung vom Stéphan-Hessel-Platz zum Hauptbahnhof Weimar, von da aus ging es für die letzten linken Teilnehmer/-innen auf die Heimreise.

Video-Impressionen vom 7. August 2021 in Weimar

Der Neonazi-Aufmarsch und der Gegenprotest (nacheinander). Video: LZ

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Aktivistisch, sportlich? Welcher von den Fettsäcken war denn da sportlich? Und die cops natürlich, wie immer, nur auf den Gegenprotest.

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