Lichterketten werden abgenommen, Hütten abgebaut und Transporter beladen. Vor einem Café in der Grimmaischen Straße fegt ein Verkäufer Nadeln und Tannenzweige zusammen, die eigentlich seine Gebäck-Bude dekorieren sollten. Die Weihnachtszeit ist vorbei, bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte. Eine Szene, die Jürgen Seiferth bedrückt und verärgert aus dem Café beobachtet. Er ist Vorsitzender des Leipziger Schaustellerverein e.V. Ab 23. November sollte der Weihnachtsmarkt, den Seiferth nun in dritter Generation begleitet, trotz Corona-Pandemie stattfinden.

Doch mit der Sächsischen Corona-Notfall-Verordnung vom 19. November kam alles anders. „Großveranstaltungen, Veranstaltungen und Feste, insbesondere Messen, landestypische Veranstaltungen und Weihnachtsmärkte sind untersagt“, heißt es dort kurz und knapp über die Maßnahmen, die der explosionsartige Anstieg der Covid19-Zahlen im Freistaat begründete.

Noch einen Tag vorher plante die Stadt Leipzig mit einem Start und ließ den Weihnachtsmarkt probeweise erleuchten. „Ministerin Köpping hatte dies am 16. November 2021 noch einmal wiederholt und unterstrichen“, heißt es aus dem Marktamt. „Auf diese Aussage hatte sich die Stadt Leipzig verlassen.“ Oberbürgermeister Burkhard Jung sowie das Marktamt hätten vorbildliche Arbeit beim Aufbau des Weihnachtsmarktes geleistet, so Jürgen Seiferth vom Schaustellerverein. Die Öffnungszeiten wurden verkürzt, der Alkoholausschank verboten. „Man hätte so den Weihnachtsmarkt durchführen können.“

Das böse L-Wort

Seiferth beklagt, dass die Wirtschaft gerade in den Ruin getrieben wird. Am Veranstaltungssektor würden Elektriker, Spediteure und viele andere Branchen hängen: „Punkt 1 ist die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger, aber gleich dahinter auf Platz 2 kommt die Wirtschaft. Also muss man sich die Frage stellen, wie man die Wirtschaft aufrechterhalten kann ohne die Gesundheit der Menschen zu gefährden.“

Darüber mache sich die Politik keinen Kopf, so der Vereinsvorsitzende: „Es wird einfach zugemacht. Lockdown. Das ist das einfachste. Das macht eigentlich jeder, der nichts auf dem Kasten hat.“ Die Verantwortung liege bei dem Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. Die Stadt habe nur anhand der Verordnungen und Situation in Leipzig gearbeitet.

Die Kritik, dass Marktamt und Oberbürgermeister trotz der dramatischen Coronalage bis zuletzt am Weihnachtsmarkt festhielten, und die Vermutung, dass die Stadt nicht der Buhmann sein wollte, teilt Seiferth nicht. Genauso wenig wie die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Kontaktvermeidung wirksam ist, um einer Pandemie (vorerst) Herr zu werden.

Seiferth gegen 2G-Regelungen

Auch eine 2G-Regelung wäre für Seiferth nicht infrage gekommen. Abgesehen von einigen Schwierigkeiten bei der Umsetzung sei auch das „mehr oder weniger ein Zwang“. Er sei zwar selbst geimpft, aber man könne die Impfung Menschen nicht durch einen „Ausschluss“ aufdrängeln. Außerdem seien die Ungeimpften nicht das Problem: „Die lassen sich testen. Die Geimpften kommen ohne Test. Wir können doch nicht den Ungeimpften die Schuld in die Schuhe schieben.“

Ohne Frage sind die Menschen durch die Impfung teilweise sorglos geworden; man hätte das Testen beibehalten müssen. Die Corona-Schnelltests, genau wie Masken und Abstandsregeln, haben aber nicht unerhebliche Schwachstellen und können die Pandemie nur hinauszögern – ganz nach dem Käsescheiben-Modell (siehe Video).

Die Impfung ist laut Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim jedoch das einzige Mittel die Inzidenzkurve nicht nur zu strecken, sondern der Corona-Endlosschleife irgendwann zu entkommen.

Die 7-Tage-Inzidenz lag am 19. November 2021 bei Ungeimpften bei 2.000, die der Geimpften bei nicht einmal 100. Die Krankenhäuser und damit in der Folge auch die Intensivstationen laufen laut übereinstimmenden Berichten seither hauptsächlich mit Ungeimpften über.

Die Initiatorin der Leipziger Kampagne „Impfpflicht für Alle“ beispielsweise ist ehemalige Krankenpflegerin und weiß um die katastrophalen Zustände: „Seit Mittwoch ist die Versorgung aller Covid-19-Patienten aus Sachsen nicht mehr möglich. (…) Klinikmitarbeiter/-innen arbeiten bereits bis zum Anschlag, Urlaube werden gestrichen, Mitarbeitende erkranken, oder kündigen reihenweise aus Überlastung.“ Der von ihr angekündigte Ausweg: eine allgemeine Impfpflicht.

Ergo: die Ungeimpften sind eben doch mitschuldig.

Aber auch hier interveniert Jürgen Seiferth: „Ich habe davon nichts gehört.“ Er habe Verbindungen zu Krankenhäusern und von dort gehört, dass drei oder vier Intensivbetten jeweils mit Krebskranken belegt sind, was natürlich tragisch sei. Vom Intensivbettenmangel aufgrund der Coronapatienten wisse er nichts.

„Was soll hier passieren?“

Und selbst wenn: sein Weihnachtsmarkt würde ja unter freiem Himmel stattfinden. „Was soll hier passieren? Bei unseren Veranstaltungen gibt es keine Infektion, keinen Coronafall. Bei Fußballspielen sind auch 40.000 Mann da unter freiem Himmel – und nichts passiert.“ Seine „Kontakte“ in Testzentren würden ihm von solchen Veranstaltungen nichts melden. (Anm. d. Red.: Im Juni meldete die Gesundheitsbehörde Public Health Scotland knapp 2.000 Corona-Fälle, die in Verbindung mit Spielen der EM stehen.)

Vor dem Ruin stehe seines Wissens nach kein Schausteller oder Händler des Leipziger Weihnachtsmarktes, so Seiferth. Die Bundesregierung verlängerte den vereinfachten Zugang zum Kurzarbeitergeld und die Corona-Wirtschaftshilfen für Unternehmen und Soloselbstständige bis zum März 2022. Für die Unternehmer/-innen auf Weihnachtsmärkten werden Förderbedingungen erleichtert, erklärte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

Dass die unverlässliche Kommunikation der sächsischen Landesregierung über die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung trotzdem Existenzen bedroht, steht außer Frage. Auch, dass es künftig verbindliche Übergangsfristen zwischen dem Beschluss von Maßnahmen und deren Inkrafttreten geben sollte, um Wirtschaft und Bevölkerung besser vorzubereiten und das Vertrauen nicht komplett zu verspielen.

Dennoch: die Absage des Weihnachtsmarktes war angesichts der dramatischen Situation im Gesundheitswesen, aus Solidarität zu den Mitarbeiter/-innen und zum Schutz aller Menschen unausweichlich, die in den kommenden Tagen und Wochen ein Intensivbett benötigen sollten.

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