In Marie Lindners Wohnzimmer ist es warm. Dafür sorgt ein Ofen am Rand des Raumes. Die Wohnung, in der die Studentin mit ihrer Familie lebt, ist in Leipzig mittlerweile eine Rarität: Hier wird mit Kohlen geheizt. „Im Moment ist das ein Vorteil“, sagt Lindner. Während alle von steigenden Heizkosten reden, sei ihr erst beim Blick auf alte Rechnungen aufgefallen, dass ein Zentner Kohlen heute einen Euro mehr koste als vor fünf Jahren. Pro erwachsener Person rechne sie in einer Heizsaison mit 8,5 Zentnern Kohle und damit rund 100 Euro Heizkosten.

Auf der anderen Seite ist es laut Lindner aufwendig, das Heizen zu organisieren, Kohlen zu schleppen und Asche zu entsorgen. Meist heize die Familie daher nur im Wohnzimmer. Zudem wisse sie natürlich, dass Kohle kein nachhaltiger Energieträger ist: „Wie lange das noch so geht, ist eine endliche Frage.“

Steigende Energiepreise, steigende Heizkosten

Als in Leipzig im Zuge des Zensus 2011 zuletzt Heizarten erfasst wurden, wurden Öfen zusammen mit Nachtspeicherheizungen gezählt. Sie hatten mit 4.570 Wohnungen einen Anteil von 1,4 Prozent am Bestand. In Sachsen ermittelte der Bundesverband der Energie und Wasserwirtschaft (BDEW) 2019 einen Anteil von 0,9 Prozent Kohleöfen.

Die meisten Wohnungen in Leipzig (50,5 Prozent 2011) und in Sachsen (58,4 Prozent 2019) verfügen über eine Zentralheizung, die dem BDEW zufolge meist mit Erdgas oder Öl betrieben wird. Die zweithäufigste Heizart ist Fernwärme mit stadtweit 38,4 Prozent laut Zensus und 28,4 Prozent in Sachsen nach BDEW-Daten.

Viele Bürger/-innen haben daher Anlass, sich Sorgen um steigende Energiepreise zu machen. Der Deutsche Mieterbund schätzt einen Anstieg der Heizkosten um 13 Prozent für Erdgas, 44 Prozent für Heizöl und neun Prozent für Fernwärme im Jahr 2021. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) prognostizierte Anfang Februar, dass Haushalte mit Gasheizung künftig sogar mit doppelt so hohen Kosten rechnen müssten. Wie hoch die Abrechnung am Ende ist, hängt laut DIW wesentlich von der Größe der Wohnung und dem Zustand des Gebäudes ab: je größer die Wohnung und je schlechter die Dämmung, desto höher sind Energieverbrauch und Heizkosten.

Heizkostenzuschuss reicht nicht

Steigende Kosten treffen dem DIW zufolge vor allem einkommensschwache Haushalte. Während diese demnach 2015 sechs Prozent ihres Einkommens für Heizkosten ausgegeben haben, sind es laut Hochrechnungen 7,9 Prozent im Jahr 2021. In diesem Jahr könne der Anteil auf 13,6 Prozent steigen. Damit würde mehr als ein Siebtel des ohnehin geringen Einkommens für Heizkosten entfallen. Haushalte mit mittlerem Einkommen hätten 2015 dagegen 3,1 Prozent davon für Heizkosten ausgegeben. Der Anteil sei 2021 auf 3,4 Prozent gestiegen und könnte sich in diesem Jahr auf 5,7 Prozent erhöhen.

Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 99, Februar 2022. Foto: LZ

Beschließt der Bundestag den Heizkostenzuschuss im Sommer wie geplant, erhalten Wohngeldempfänger/-innen einmalig 135 Euro pro Person, beziehungsweise 175 Euro für einen Zwei-Personen-Haushalt. Für jede weitere Person gibt es 35 Euro. Studierende, die BaFöG beziehen und Auszubildende, die Beihilfen erhalten, sollen 115 Euro bekommen.

Das reiche nicht aus, kritisiert unter anderem der Mieterbund. Der Zuschuss sei zu gering und würde zu wenige Haushalte erreichen. Nach Angaben der Stadt Leipzig haben 6.436 Haushalte zwischen Oktober 2021 und Februar 2022 Wohngeld bezogen. Bei der letzten Zählung 2020 hätten in der Stadt 9.519 Auszubildende gelebt. Hinzu kommen 6.835 BaFöG-Empfänger/-innen, die das Studentenwerk im Juni 2021 gezählt hat.

Selbst wenn all diese Personen allein leben und alle Auszubildenden Beihilfen empfangen würden, könnten weniger als sieben Prozent der Haushalte in Leipzig auf den Heizkostenzuschuss hoffen. Demgegenüber stehen laut Bürgerumfrage 2020 mehr als doppelt so viele Haushalte, die im städtischen Vergleich armutsgefährdet sind. Nach bundesweitem Maßstab ist sogar mehr als ein Fünftel von Armut bedroht.

Nicht nur Kohle ist ein Auslaufmodell

Auch nach Berechnungen des DIW ist der Heizkostenzuschuss zu niedrig. Die Forschenden empfehlen stattdessen zielgerichtete Unterstützung, die vor allem einkommensschwache Haushalte in Wohnungen, die viel beheizt werden müssen, erreicht. Außerdem könnten die Haushalte, die zuschussberechtigt sind, ausgeweitet werden. Da das aber nur kurzfristig helfe und hohe öffentliche Kosten bedeute, müssten langfristige Lösungen her, zum Beispiel, die Energieeffizienz von Gebäuden zu verbessern.

Auf lange Sicht ist neben Kohleöfen auch das Heizen mit Erdgas und Öl ein Auslaufmodell. Die DIW-Forscherin Claudia Kemfert betonte schon im Sommer, der Ausbau Erneuerbarer Energien sei eine notwendige Reaktion auf steigende Energiepreise – die jedoch nicht schnell genug komme. Es ist nicht nur eine Frage, wann Kohlenqualm aus Leipzig verschwindet, sondern auch, wann weitere fossile Energiequellen folgen – und wie ein gerechter Wandel gelingt.

„Ungerecht und ausgebrannt“ erschien erstmals am 25. Februar 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 99 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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Es gibt 4 Kommentare

Soylent green, jetzt auch als Pellets! Nicht fĂĽr, sondern mit Ihren Mitmenschen heizen.

Da wird wohl noch mal eine Diskussion kommen, denke ich mir. Wenn die Stadt vor hat, sich mittels Erdgas von Lippendorfer Braunkohlefernwärme loszusagen, vom Strom mal ganz zu schweigen, wird das mit russischem Gas unterhalten. Oder mit amerikanischem Flüssiggas. Wenn die Braunkohle noch 5-10 Jahre länger betrieben würde, bis dann endlich geeignete Mengen erneuerbare Energie + Speichertechnik + Verteilkapazität erbaut sind, könnte ich damit gut leben.

Tobias: Genau meine Meinung. Ich persönlich, und jeder mag sich da seiner persönlichen Störfaktoren bedienen, bin überhaupt nicht vom ganz kurzen Silvesterrauch, oder von irgendwelchen Dieselautos genervt, sondern was mir richtig an die Bronchien geht ist der abendliche Rauchgeruch, besonders im Frühjahr und dem Herbst durchs Fenster kommt.

Und ob Fernwärme nun stets nachhaltig ist oder nicht…eine zentrale Feuerstätte, fĂĽr mehrere oder viele Häuser, läuft doch mit Sicherheit unter einer saubereren Prozesskontrolle, als wenn Jeder sein eigenes Zeug in mehreren Ă–fen pro Wohnung verbrennt.

Fernwärme ist aber nur dann Nachhaltig, wenn sie zu 100% bei anderen Prozessen abfällt. Wenn beispielsweise die Braunkohle in Lippendorf nur noch verbrannt wird, um damit Fernwärme zu erzeugen und der Strom rechnerisch nicht benötigt wird, ist die Fernwärme alles andere als Nachhaltig.

In manchen Ortschaften wird z.B die Abwärme von Rechenzentren als Fernwärme angeboten, das ist dann schon eher Nachhaltig. Die Abwärme fällt so oder so an.

Mit Öfen zu heizen ist das schlimmste, was man seinen Mitmenschen antun kann. Egal ob Kohle oder Holz. Nichts davon ist nachhaltig und vergiftet nur die Nachbarn. Der Peak der Feinstaubbelastung ist ja immer schön abends um 20 Uhr.

Das einzig nachhaltige ist derzeit Wärmepumpe oder Fernwärme.

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