Eine 54-Stunden-Woche: eine Hälfte predigen, die andere Hälfte Weltverbesserung. So beschreibt Andreas Dohrn, Pfarrer in der Leipziger Peterskirche, seine Arbeit. Mit seiner Frau teilt er sich eine Pfarrstelle. Nebenbei schrieb er Forschungsarbeiten zum Zusammenhang zwischen Seelsorge und Psychotherapie und initiierte verschiedene soziale Projekte. Im Gespräch mit der Leipziger Zeitung (LZ) erklärt er, wie Einsamkeit zur Volkskrankheit wurde und warum deren Tragweite bei Politik und Gesellschaft noch nicht angekommen ist. Außerdem erzählt er von einem neuen Trend, den er über Weihnachten beobachtet hat.

Guten Tag, Herr Dohrn. Wie verbringen Sie Ihre 54-Stunden-Woche?

Neben dem Pfarramt habe ich eine sozialunternehmerische Seite. Ich habe in Indien zusammen mit anderen Personen eine Teeplantage gekauft und eine Arbeitsvermittlung im Erzgebirge gegründet. Außerdem habe ich in Leipzig eine Beratungsstelle ins Leben gerufen, die Geflüchteten hilft, an Wohnungen zu kommen. Und sitze nebenher im Aufsichtsrat der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. Für einen Pfarrer alles relativ ungewöhnlich – das könnte was mit meiner schwäbischen Seite zu tun haben (lacht).

Kommen wir zum Thema Einsamkeit, mit dem Sie sich auch schon viel auseinandergesetzt haben. Die Corona-Pandemie wird als erneuter Treiber für Einsamkeit angesehen. Worin sehen Sie zudem Gründe für Vereinsamung?

Wo fängt man da an? Als jemand, der während des Studiums selber schon mal Depressionen hatte und zur Psychotherapie gegangen ist, würde ich sagen, dass es Strukturen im Leben von Personen gibt, die quasi automatisch zu Einsamkeit führen. Außerdem wurden mit wirtschaftlichem und bildungspolitischem Fortschritt das Scheitern oder brüchige Lebensläufe nicht mehr vorstellbar. In unserer Abiturklasse war es nur eine Frage, ob man danach zu Daimler oder Bosch geht oder doch eher Richter wird. Wie groß das Haus wird, was man sich einmal bauen will.

Dass Leute auch einsam werden können, dass es biographische Brüche geben kann, war überhaupt nicht im Blick. Bei den jüngeren Generationen bricht diese Tradition wiederum ein bisschen auf – da wird teilweise offener über Krankheiten gesprochen. Es wird akzeptiert, wenn es mal nicht so läuft. Wir bewegen uns trotzdem in einer kapitalistischen Leistungsökonomie, wo die Fitten und Handlungsfähigen immer mehr Chancen bekommen. Und es ist für Leute absolut befremdlich zu sehen, wie brüchig ihr eigenes Lebenskonstrukt sein kann.

Das hat die Corona-Pandemie glaube ich noch mal eindeutig gezeigt. Studierende sitzen nur zu Hause vor dem Computer, sind überfordert, die Studienfinanzierung durch Nebenjobs bricht weg. Dann die Dramen der Selbstständigen und Gastronomen.

Wie spielt hier das Internet und Social Media mit rein?

Social Media befördert für die jungen Generationen eine neue Form von Einsamkeit. Auf der einen Seite können Leute total vernetzt und gleichzeitig total einsam sein. Und das kann zu völlig falschen Rückschlüssen führen. Man hat die Personen nicht im Blick, kann ihre Mimik und Gestik, ihre Kommunikationsmuster nicht beobachten. Man kann nicht einschätzen, wer einsam ist und wer nicht.

Viele verschiedene Formen von Einsamkeit mit sehr verschiedenen Quellen, weshalb es ziemlich herausfordernd ist, sich Gegenmaßnahmen zu überlegen. Im Leipziger Westen gibt es beispielsweise ein neues Projekt: die sogenannte „Treffhaltestelle“. Die Initiatorin bietet für die Nachbarschaft einmal in der Woche, Dienstagnachmittag, für einsame Leute Kaffeetrinken an.

Und da war die Frage, ob da überhaupt Leute kommen. Denn einsame Leute sind ja oft nicht sonderlich kommunikativ, wodurch sie teilweise noch mehr vereinsamen. Aber die Überraschung war: Da kommen regelmäßig Leute. Wenn also jemand das Muster mit solchen Angeboten durchbricht, kann das sehr erfolgreich sein.

Einsamkeit wird von einigen schon als Volkskrankheit bezeichnet. Schätzen Sie das Problem ähnlich schwerwiegend ein?

Also wenn mich jemand fragen würde, was einer der großen Schwerpunkte der sozialen, also auch der kirchlichen Arbeit, im 21. Jahrhundert ist, würde Einsamkeit definitiv darunterfallen. Das einzige, was noch davor kommen würde, ist wahrscheinlich das Thema Wohnen.

Was haben Sie nach persönlichen und auch beruflichen Erfahrungen mit Einsamkeit über dieses Problem gelernt?

Ich kann das sowohl aus persönlicher als auch aus Seelsorger- und Arbeitsvermittler-Sicht sagen: Die meisten Menschen sind sich ihrer Stärken, ihrer Schwächen und damit ihrer Handlungs- und Nichthandlungsmöglichkeiten nicht bewusst. Dadurch laufen einige Leute unnötigerweise in Dramen hinein – und Einsamkeit ist eins dieser Hauptdramen.

Ich glaube aber auch, dass Einsamkeit Leute am Ende zu sich selbst bringen kann. Wenn sie überlegt haben, wofür sie da sind – also fromm gesprochen, wozu sie Gott geschaffen hat –, denken sich vielleicht einige: Wollte ich wirklich schon immer dafür da sein, damit irgendeine Firma, die mir 63.000 Euro Jahresgehalt gibt, noch mehr Geld verdient, um das ihren Aktionären auszuschütten?

Wenn Leute also an dieser einsamen Seite vorbeikommen, wäre das eine große Chance zu denen zu werden, die sie sein können. Aber ohne Freunde, Familie, ein stabiles Berufsleben, therapeutische Begleitung können viele Menschen auf diesem Weg aus der Kurve fliegen. Sodass sie sich selbst umbringen, andere Leute umbringen, oder politisch und gesellschaftlich radikalisiert werden.

Ich sehe Einsamkeit nicht unbedingt als große Krise an. Es ist nur gesellschaftlich fragwürdig, wie wenig Leute da gut rauskommen.

Würden Sie sagen, dass Einsamkeit ein Tabuthema ist, über das Menschen, vor allem Betroffene, ungern reden?

Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 99, Februar 2022. Foto: LZ

Es bietet sich halt leider nicht an, mit 4-, 7- oder 12-Jährigen über dieses Thema am familiären Abendbrottisch zu sprechen. Klar können sich auch Jugendliche einsam fühlen, weil sie vielleicht Liebeskummer haben. Aber bei einem Gespräch landest du ja dann eher bei dem Thema Liebeskummer, als über Einsamkeit zu sprechen.

Aber ja, es ist ein gesellschaftliches Tabu und auch ein großes Nichtverstehen für das Thema Einsamkeit. Wenn man mal die Anzahl der Leute zusammenrechnet, die außerhalb der ganz klassischen Lebens- und Kommunikationsmuster unterwegs sind – Leute mit Autismus, Schizophrenie, Depressionen –, landest du mit Sicherheit bei 10 Prozent der Gesellschaft. 8 Millionen in Deutschland, 60.000 in Leipzig.

Statistisch gesehen sind die irgendwo, aber sie sind halt versteckt. Das sind riesige Zahlen, von denen wir hier sprechen, aber sie sind kaum sichtbar. Wenn man zum Beispiel auf eine Party geht und eine Person hat einen Gips-Arm, sprichst du sie natürlich darauf an, was passiert ist. Für Einsamkeit kommt dieser Einstiegssatz nie. Man kann mit viel Aufmerksamkeit und Zeit bestimmt sehen, wo die Einsamkeit wohnen könnte. Aber es passiert eben nicht.

Also ist Einsamkeit ein Problem, dessen Tragweite bisher von den wenigsten erkannt wird. In England gibt es schon eine Einsamkeitsbeauftragte. Hat die Politik hierzulande überhaupt in Gänze verstanden, wie schwerwiegend das Problem der Einsamkeit ist? Gibt es hier in Leipzig schon städtische Intervention?

Wenn man überlegt, wie viele ausdifferenzierte Beratungsangebote es hier in Leipzig gibt, ja, natürlich wird etwas gemacht. Aber man kann nicht alle einsamen Leute unter einem Beratungsangebot versammeln. Dafür hat Einsamkeit zu viele Ursachen und Formen. Das Sozialamt und die neue Bürgermeisterin Vicky Felthaus könnten natürlich trotzdem überlegen, ob man mit den staatlichen Mitteln noch andere, neue Angebote schaffen kann.

Was wären denn geeignete Gegenmaßnahmen?

Wege in die Einsamkeit fangen teilweise schon sehr früh an – Biographien steuern auf Dramen in Beruf, Liebe, Familie, Persönlichkeitsentwicklung hin. Und das große Problem dabei ist, dass man viele solcher irgendwann unausweichlichen Wege früh hätte verhindern können. Unsere Kinder mussten zum Beispiel anfangs in der Schule sogenannte Kompetenztests machen. Mit den darin enthaltenen Informationen wird aber pädagogisch wenig gemacht – und da fängt es schon an.

Es müssten aber auch mehr Studien zu Einsamkeit finanziert werden. Denn Einsamkeit ist wie gesagt schwer zu erkennen und der Umfang des Problems schwer abzusehen. Aber es gibt ja viele Wissenschaftler/-innen und Expert/-innen, deren Wissen man zu diesem Thema nur zusammentragen müsste. Von Neurobiolog/-innen, Psycholog/-innen, Theolog/-innen und vielen mehr.

Also das alte Mantra: Prävention und Forschung. Wie versuchen Sie persönlich und die Kirche, einsamen Menschen zu helfen?

Ich denke, zum einen darf man nicht unterschätzen, dass wir als Kirche mit kirchlichen Feiertagen, mit Sonntagsgottesdienst und anderen Dingen sozusagen eine Struktur geben. Strukturen, die erst mal gar nicht auffallen, die aber gesellschaftlich immens bedeutend sind. Manches Katastrophentum in der Postmoderne erklärt sich natürlich auch dadurch, dass sich die Leute von diesen Rhythmen und von diesen Strukturen bewusst entfernen. Die Leute denken, dass sie das selber besser können. Und ein kleiner Teil scheitert daran.

Angebot zwei ist etwas bewusster: Das sind die seelsorgerischen Gespräche, die einen großen Teil des Pfarramtes ausmachen. Angebot drei sind Gruppen und Kreise. Im Erzgebirge habe ich damals als Pfarrer gearbeitet und dort war es absolut selbstverständlich und tragend für die Leute. Dass sie ganz genau wussten, jeden ersten Mittwoch im Monat ist hier mein Seniorenkreis.

Ich weiß, dass ich da reden kann. Ich weiß, dass ich da eine Pfarrperson treffe. Ich singe Lieder und spreche Gebete, die mir auch vertraut sind. Und das gibt auch Halt in Extremsituationen, in Situationen, die für einen biographischen Bruch sorgen können. Wenn jemand verstorben ist beispielsweise: Der Kirchenkreis ist auf jeden Fall trotzdem da.

Zu einem anderen Thema: Weihnachten liegt nun hinter uns. Schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fest der Liebe, sondern des Konsums, des Streits und für viele auch der Einsamkeit. Wie erleben Sie dieses Fest?

Es gibt glaube ich einen neuen Trend an Weihnachten. Man muss sich nur anschauen, wie Weihnachts-Werbefilme mittlerweile funktionieren – bei Amazon, Audi oder Rewe. Sinn wird immer weiter nach vorne geschoben und Finanzen und die Größe von Geschenken nach hinten. Diesen Trend merke ich auch in der Kirche. Hier in der Peterskirche gibt es jedes Jahr eine 22-Uhr-Christmette.

Über die letzten Jahre ist dieses Format von der Beteiligung absolut durch die Decke gegangen, hatte die größten Zuwachsraten – mehr als die Krippenspiele interessanterweise. Und ich glaube, das ist so, weil vor allem die Christmette die Frage nach Sinn aufmacht. Nicht nur die Glücksforscher wissen, dass nach einem vollen Kühlschrank nicht mehr viel passiert.

Das ist für den Kapitalismus natürlich total schrecklich. Weil nämlich die kompletten Heilsversprechen nicht funktionieren. Messbar nicht funktionieren. Es gibt natürlich immer mehr schlaue Leute, die das auch durchsteigen und das Drama ist: im Gegensatz zum Rest des Jahres haben sie über die Weihnachtsfeiertage viel Zeit darüber nachzudenken. Und wann gibt es statistisch gesehen die meisten Gewaltverbrechen in Deutschland? Genau: zwischen dem 22. und 29. Dezember.

Das ist kein Zufall. Die Leute finden sich neben 27 Mal „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ gucken vor allem im Drama und in der Sinnlosigkeit ihres Lebens. Und für einige fängt das ja sogar schon vor Weihnachten an, wenn sie sich fragen, wo sie Weihnachten überhaupt verbringen.

Aber ich denke, hier liegt auch eine große Chance: Die Einsamkeit, die sich sonst immer gut verbergen kann, wird offengelegt. Genauso wie verschiedene soziale Dramen. Ich denke also, dass man Weihnachten noch ein bisschen neu denken muss: Ein Fest der Suche nach dem Sinn.

„Pfarrer Andreas Dohrn über eine neue Volkskrankheit und ihre Tragweite“ erschien erstmals am 25. Februar 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 99 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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