Kurz nach Weihnachten hat eine Gruppe namens „Lotta Antifascista“ auf Instagram einen Aufruf veröffentlicht. Man möchte am 17. Januar „für ein freies Palästina und ein Viertel ohne Ultradeutsche“ auf die Straße gehen. Das Viertel, das gemeint ist, heißt Connewitz und genau dort soll die Demonstration stattfinden.

Lotta bezeichnet sich selbst als „antifaschistische Aktionsgruppe aus Leipzig-Connewitz“ und ist seit März 2025 auf Instagram aktiv. Vor dem Demoaufruf Ende des Jahres ist die Gruppe kaum in Erscheinung getreten; sie hatte bis dahin lediglich zwei gewalttätige Vorfälle beschrieben, die es im März und November in Connewitz gegeben haben soll. Einen davon nannte Lotta einen „zionistischen Angriff gegen palästinasolidarische Personen“.

Diese beiden Vorfälle und einen Angriff auf eine Kundgebung von „Students for Palestine“ vor der HTWK hat die Gruppe zum Anlass für die geplante Demonstration in Connewitz genommen. Mit „Ultradeutschen“ ist eine Strömung in der radikalen Linken gemeint, die besser als „Antideutsche“ bekannt ist und die sich unter anderem durch mehr oder weniger bedingungslose Solidarität mit Israel auszeichnet.

Zu dem Vorfall vor der HTWK hatte „Students for Palestine“ ein Video auf Instagram veröffentlicht. Darin ist zu sehen, wie eine Gruppe von etwa fünf vermummten Personen zielgerichtet zur Kundgebung läuft. Dann kommt es zu einem Gerangel, das etwa eine halbe Minute dauert. Laut „Students for Palestine“ wurden dabei mehrere Student*innen verletzt.

Handala nimmt linke Akteur*innen ins Visier

Dem Aufruf von Lotta folgte einen Tag später ein Aufruf der palästinensischen Gruppe Handala, der inhaltlich deutlich weitreichender und im Ton etwas schärfer war. Handala bezeichnet den Aktivismus der Connewitzer Antideutschen als „Pseudo-Antifaschismus“ und wendet sich konkret gegen das Conne Island, das linke Projekt- und Abgeordnetenbüro Linxxnet sowie Stadträtin Juliane Nagel – angeblich auch eine Antideutsche.

Handala behauptet unter anderem, dass im Linxxnet „unter US-Fahnen die Bomben“ gefeiert wurden, „die der Imperialismus auf den Irak und Afghanistan warf“. Nagel soll zudem Kundgebungen angemeldet haben, „aus denen heraus Aktionen der Palästina-Solidarität angegriffen wurden“. Auf Anfrage der Leipziger Zeitung bestreitet die Politikerin die Vorwürfe.

Sie soll laut Handala auch im Stadtrat und Landtag dafür „gekämpft“ haben, dass die Israel-feindliche Boykottbewegung BDS kriminalisiert wird. Tatsächlich stimmte der Stadtrat im Sommer 2019 dafür, BDS als antisemitisch zu bewerten und von städtischen Räumlichkeiten auszuschließen. Der entsprechende Antrag kam von mehreren Fraktionen; nicht dabei war neben der AfD nur die Linke. Beschlossen wurde der Antrag letztlich dennoch fast einstimmig.

Zu der Behauptung, Nagel habe dafür gekämpft, sagt sie: „Ich habe das Thema noch nie bearbeitet.“ Die Leipziger Zeitung hat Handala um Belege für die Behauptungen bezüglich Linxxnet und Nagel gebeten, allerdings blieb die Anfrage unbeantwortet.

Jubel von Rechts unerwünscht

Nicht unbeantwortet blieb hingegen der Aufruf von Lotta und Handala, am 17. Januar in Leipzig zu demonstrieren. Die Neonazipartei „Freie Sachsen“ jubelte auf Telegram, dass „echte Linke“ gegen „die Antifa“ vorgehen würden. Trotz „inhaltlicher Unterschiede bei anderen Themen“ sei das „ein unterstützenswertes Anliegen“.

Lotta und Handala distanzierten sich auf Instagram umgehend von diesem Aufruf. Die Tageszeitung „nd“ zitiert zudem eine Handala-Sprecherin bezüglich weiterer Aufrufe von Rechten: „Wir wollen sie nicht bei unserer Demonstration haben und werden alles dafür tun, dass es nicht dazu kommt.“

Deutlich zahlreicher als die Reaktionen von Rechts sind jene von Links. Mehrere Antifa-Gruppen aus dem eher Israel-solidarischen Spektrum haben sich mit Linxxnet und Conne Island solidarisiert. Ines Schwerdtner und Jan van Aken, die beiden Bundesvorsitzenden der Linkspartei, kritisierten die geplante Demonstration. Es sei einer von mehreren Fällen, in denen Linkspolitiker*innen angegriffen oder diskreditiert würden – teilweise sogar aus den eigenen Reihen.

Mobilisierung trotz Unvereinbarkeitsbeschluss

Das lässt sich auch in Leipzig beobachten. Sowohl die Bundesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität innerhalb der Linkspartei als auch deren Ableger in Sachsen und Leipzig mobilisieren für die Demonstration – obwohl es im sächsischen Landesverband der Linkspartei einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit Handala gibt. Der Stadtbezirksverband Nord der Leipziger Linken hat mehrere Beiträge, die sich positiv auf die Demo beziehen, mit „Gefällt mir“ markiert.

Die Spitze des Leipziger Stadtverbandes verhält sich bislang eher zurückhaltend, hat sich aber auf Instagram mit Conne Island, Linxxnet und Juliane Nagel solidarisiert. Der entsprechende Beitrag wurde auch von der Linksfraktion im Stadtrat mit „Gefällt mir“ markiert. Unterstützung für das Linxxnet kommt auch von den Grünen und der SPD im Landkreis Leipzig.

Wer sich wie genau positioniert, wird sich wohl letztlich erst am 17. Januar zeigen. Bislang wurden zwei inhaltlich konkurrierende Aufzüge auf ähnlichen Strecken und eine Kundgebung angemeldet. Weitere könnten nach LZ-Informationen folgen. Handala hat angekündigt, dass bei der eigenen Demo mehrere Mitglieder der Linkspartei reden werden. Wo genau welche Demonstration stattfinden wird, dürfte sich wegen der heiklen Sicherheitslage erst kurzfristig entscheiden.

Das Linxxnet hat erklärt, am 17. Januar für solidarische Menschen zu öffnen, schränkt aber ein: „Solltet ihr für den Handala-Aufruf nach Connewitz kommen, seht es uns nach, dass wir an diesem Tag keine Kapazitäten für Diskussionen haben.“

Betrachtet man die bisherigen Social-Media-Wortmeldungen aus allen Richtungen, dürfte sowieso nicht zu erwarten sein, dass an diesem Tag irgendjemand nach Connewitz kommt, um eine offene Diskussion zu führen.

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