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Heute hier, morgen dort (5): Sri Lanka – bergauf, bergab, Tee und Mützen

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    Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 72, seit 25. Oktober im HandelDa lag es also vor mir, das erste große Abenteuer meiner Reise. Im wahrsten Sinne des Wortes. Zum Gipfel des Adam’s Peak waren es noch gut drei Stunden, als ich zusammen mit den beiden Briten, die ich gerade erst zufällig kennengelernt hatte, um die Ecke bog, hinter der eine Gruppe junger Sri Lanker auf dem Boden lag.

    Ich hatte den Eindruck, sie haben geradezu auf uns gewartet. Doch wer wartete schon mitten in der Nacht an einem völlig abgelegenen Ort früh um 3 Uhr bei Temperaturen knapp über Null auf dem Boden liegend auf irgendjemanden? Doch nur Menschen, die etwas im Schilde führten?! Oder machten sich da nur Horrorfilmfantasien in meinem Kopf breit und das ganze war ein harmloser Zufall?

    Ganz egal, ich hatte Angst, ziemlich viel Angst. Und ich hatte das Gefühl, den beiden Briten ging es nicht viel anders, denn zu allem Überfluss standen die jungen Männer allesamt auf, nachdem wir sie passiert hatten, und liefen mit kurzem Abstand hinter uns her. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, ich sah mich schon mit einem Messer bedroht und um das wenige Geld, das ich bei mir trug, beraubt, und niemand würde meine Hilferufe hören können.

    Mit diesen Gedanken und einem Puls von gefühlten 200, ging ich zusammen mit den anderen beiden weiter, ja nicht umdrehen, ja keine Angst zeigen, ja normal reden. Ein paar Meter weiter bergauf, nach einer kleinen Kurve, sah ich dann im Augenwinkel, wie plötzlich ein älterer Einheimischer, der schon die ganze Zeit vielleicht zehn, zwanzig Meter hinter uns gelaufen war, mit der Gruppe redete.

    Das konnte uns zumindest etwas Vorsprung verschaffen, vielleicht könnten wir uns ja verstecken – hm, aber sie würden die Gegend wahrscheinlich ohnehin besser kennen als wir – oder davonsprinten – doch wie weit würde man kommen und würde sie das von einer Verfolgung abhalten?

    Ich sagte, dass ich Angst hatte

    Ich merkte, wie wir alle intuitiv leicht das Tempo erhöhten und zum ersten Mal sagte ich, dass ich Angst hätte. So richtig konnte ich dem britischen Pärchen nicht ansehen, ob es ihnen genauso ging, allerdings schienen sie etwas ruhiger, was auch an ihrer Erklärung gelegen haben könnte: Der ältere Sri Lanker, der nun mit den anderen sprach, war ein einheimischer Wanderführer, den sie auf Empfehlung hin für die Besteigung des Adam’s Peak gebucht hatten. „Gott sei Dank!“, dachte ich.

    Zwar erkannte ich nicht so recht den Sinn darin, dass ein Wanderführer hinter den Wanderern zurückblieb, aber eigentlich war mir das in diesem Moment herzlich egal. Denn offenbar hatte er es geschafft, die Gruppe von Männern dazu zu bringen, nicht weiter hinter uns herzulaufen. Was er ihnen gesagt hat, weiß ich natürlich nicht. Vor allem aber werde ich nie erfahren, ob die ganze Situation tatsächlich so bedrohlich war, wie ich in diesem Moment annahm.

    Vielleicht hatten die Männer ja doch einen ganz anderen Plan, trafen sich wie wir früher an der Bushaltestelle unseres Dorfes oder waren selbst eine Gruppe von Wanderführern, die auf ihre Gäste warteten. Auf jeden Fall hatte ich den Eindruck, das wahre Abenteuer dieser Nacht schon geschafft zu haben, die vor mir liegenden tausenden von Stufen waren im Vergleich zu diesem Psychospiel nichts.

    Nach gut zweieinhalb Stunden ständigen Bergaufs, teilweise mit Stufen, die zur Bergspitze hin so hoch wurden, dass sie bis zu den Knien reichten und uns derart viel Kraft kosteten, dass wir nur noch schweigend nebeneinander emporklommen, erreichten wir endlich den Gipfel.

    Tee zum Spottpreis

    Begrüßt wurden wir dort von einigen wilden Hunden, bei denen ich mich dann doch fragte, seit wann sie da oben sind, wie sie es bis hinauf geschafft hatten und vor allem wie sie sich ernähren. Vielleicht wurden sie gefüttert von dem einzigen Menschen, der dauerhaft auf dem Gipfel des Adam’s Peak wohnt?

    Das muss man sich einmal vorstellen – mindestens drei Fußweg-Stunden entfernt zum nächsten kleineren Ort lebt dort ein Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Pilgern oder Touristen nach ihrem mühsamen Aufstieg warmen Tee zu verkaufen, für europäische Verhältnisse zu einem Spottpreis, der von jeder heißen Schokolade auf einer normalen Skihütte übertrumpft wird.

    Als wir mit ihm ins Gespräch kamen, erzählte er uns, dass er zirka alle zehn Tage den Weg nach unten antrat, natürlich nur, um dann mit neuen Lebensmitteln und vor allem viel Tee wieder nach oben zu laufen – 4.000 Stufen! Das nenne ich mal eine entlegene Wohnung jwd. Idealismus? Wohl kaum, eher Glaube.

    Der Gipfel des Adam’s Peak gilt in vielen Religionen als ein heiliger Ort, ist doch dort der Fußabdruck Buddhas (Buddhismus), Shivas (Hinduismus) oder des Apostel Thomas (Christentum) zu sehen. Über dem fast zwei Meter langen Fußabdruck hat man einen kleinen Tempel errichtet, der zur Hauptpilgerzeit zwischen Dezember bis Mai geöffnet ist, uns blieb der Anblick der heiligen Stätte also leider nur von außen.

    Warten bis zum Sonnenaufgang

    Vorteil eines Aufstiegs Ende August war dagegen, dass wir auf dem Berg vielleicht zwanzig Leute waren. Ist der Tempel geöffnet, kann man dort oben wohl kaum treten. Es gibt Berichte, dass die Pilgerzüge dann sogar so dicht und lang sind, dass man von weitem einen einzigen langen Weg aus Kerzen und Taschenlampen den Berg hinauf erkennt.

    Mit verschlossenen Klostertüren blieb uns jetzt aber nichts anderes übrig, als den Sonnenaufgang abzuwarten, für den wir alle dort oben ja so früh aufgestanden waren. Mit Tee in der Hand schlugen wir die verbliebene Zeit bis dahin tot, um dann, na ja, mittelmäßig belohnt zu werden – Wolken nehmen leider keine Rücksicht darauf, was wir Menschen wollen oder nicht.

    Doch darauf kam es in dem Moment gar nicht an: Der beschwerliche Aufstieg war ein Abenteuer an sich gewesen, ich hatte neue Leute kennengelernt, hatte den Eindruck, dass all das genau das war, wofür ich meine Reise angetreten habe.

    Kaum, dass dann gegen halb 6 morgens die Sonne herausgekommen war, wurde es schlagartig wärmer, verzogen sich beim Abstieg alle Wolken und die Sicht auf die atemberaubende Landschaft, die uns während der Dunkelheit schon unmerklich umgeben hatte, wurde frei: Wasserfälle und riesige Seen und Wälder gab es zu bestaunen.

    Auf zur britischsten Stadt des Landes

    Vor allem aber bemerkte ich, dass der Weg, den wir gegangen waren, umsäumt ist mit kleinen Tempeln und Stupas sowie unzähligen Buddhafiguren in allen Formen und Farben. Wie herrlich muss all das aussehen, wenn es zur Pilgerzeit beleuchtet ist! Auf dem Rückweg zur Unterkunft sah ich dann noch mal den Adam’s Peak von weitem und konnte gar nicht so recht fassen, dass ich den Berg tatsächlich erklommen hatte.

    Von Hatton aus, wo sich unsere Unterkunft befand, in der Gina nach ihrem Umdrehen auf mich gewartet hatte, machte ich mich schon am nächsten Tag auf nach Nuwara Eliya, von den Sri Lankern selbst nur liebevoll Nuwarliya genannt, der laut Reiseführer britischsten Stadt des Landes.

    Gina kam gar nicht erst mit, sie war wegen ihres starken Hustens und der Brustschmerzen beim Arzt gewesen, der ihr Ruhe und Tabletten verordnet hatte, damit das ganze nicht noch zu einer Lungenentzündung würde.

    Böse war ich jedenfalls nicht, nein, eher freute ich mich darauf, mal einen Tag komplett ohne sie zubringen zu können. Ich würde ja sehen, ob ich dann insgesamt mehr Spaß haben würde als mit ihr. Obwohl: Eigentlich war die Antwort von vornherein klar. Aber Entscheidungen brauchen eben manchmal ihre Zeit und mancherlei praktische Bestätigung.

    Überraschung: Es gab Schaffner

    Den Weg nach Nuwara Eliya bestritt ich abermals mit dem Zug und die Fahrt hielt sogleich auch eine Überraschung für mich bereit: In den völlig überfüllten Zügen mit ihren offenen Türen und den schier völlig ungeordneten Klassensystemen gab es tatsächlich Schaffner!

    Doch als ob eine Fahrscheinkontrolle an sich nicht schon unmöglich genug anmutete, beobachtete ich, wie der Zugbegleiter eine einheimische Familie ordentlich zusammenpfiff und dann trotz offensichtlich heftiger Widerworte nachzahlen ließ, weil sie mit einem Dritte-Klasse-Ticket in der zweiten Klasse mitreisten. Das war für mich unter den Umständen völlig unvorstellbar.

    Aber gut, Ordnung muss sein und vielleicht war diese Korrektheit auch ein Überbleibsel der britischen Kolonialherrschaft.

    Diese offenbarte sich in ihrer ganzen Blüte in Nuwarliya. Da gab es nicht nur zahlreiche Namen, die an die gemeinsame Vergangenheit erinnerten, vom Victoria Park hin bis zum Elizabeth Square; ich erfreute mich auch an typisch britischen Einrichtungen wie einem Horse Racing Course, dem Colonial Post Office oder dem Tea Hills Club.

    Letzterer ist übrigens nur für auserwählte Personen zugänglich, die ihn sich leisten können, sein Gebäude erinnert stark an ein Herrenhaus des britischen Landadels. Und wo es einen solchen Club gibt, ist natürlich auch eine Teefabrik nicht weit.

    Ein Genuss für Schwarzer-Tee-Trinker

    Von denen gibt es im Hochland Sri Lankas unzählige, oft malerisch eingebettet in die bis zum Horizont reichenden immergrünen Teeplantagen. Als passionierter Schwarzer-Tee-Trinker war es im wahrsten Sinne des Wortes ein Genuss, mir eine solche Plantage anzusehen.

    Schade, dass man nicht immer alles behalten kann, was einem erklärt wird; doch zumindest weiß ich noch, dass die Intensität des schwarzen Tees letztendlich von der Größe der Tees abhängt – da gibt es von größeren getrockneten Blättern bis hin zu fast gemahlenem Pulver so ziemlich alles – und dass die Begriffe First, Second und Third Flush die Ernteperiode des Tees definieren, die wiederum Auswirkungen auf Geschmack und Haltbarkeit hat.

    Dass Nuwara Eliya wegen seines Tees der Lieblingsort der Briten auf der Insel wurde, mag ein Grund sein; ein anderer war, dass die Briten seine wohltemperierte Lage auf über 1.800 Metern Höhe zu schätzen wussten, die sie dann doch mehr an die Wohlfühltemperatur ihrer kühlen Heimat erinnerte als der Rest Sri Lankas mit seinen oftmals tropischen Temperaturen.

    Wie sehr ein Gefühl für Temperaturen auseinanderklaffen kann, zeigte sich mir am selben Abend: viele Sri Lanker trugen Jacken und Wollmützen – bei 18 Grad! Offensichtlich waren sie noch nie in Großbritannien.

    Heute hier, morgen dort (1): Der Beginn einer kleinen Weltreise in Sri Lanka:

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