17.4 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Heute hier, morgen dort (7): Sri Lanka – Viele nachdenkliche Momente

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 74, seit 20. Dezember im HandelPünktlich um 4:30 Uhr nachts stand der Jeep mit unserem Fahrer vor der Tür. Eher innerlich fluchend als voller Vorfreude auf die Safari schleppte ich mich in das Auto, in dem ich postwendend wieder einschlief. Eine gute Stunde später wurde ich wieder wach, weil wir auf einmal angehalten hatten und der Motor nicht mehr lief.

    Wir standen an irgendeinem Häuschen mitten in der Pampa, wir, das waren Gina und ich, die beiden anderen Deutschen, mit denen wir uns ein Taxi von Ella in den Südosten Sri Lankas nach Tissamaharama geteilt hatten, und schätzungsweise dreißig andere Jeeps voller Touristen. Na prima, eine Massenveranstaltung. Würden wir uns also in dichten Kolonnen durch den Yala-Nationalpark schieben? Musste man erst immer zehn Minuten warten, bis man mal einen Blick auf eines der Tiere bekommen konnte, weil sich vor einem unzählige andere für den besten Schnappschuss aufreihten? Ich hoffte nicht.

    Zugegeben, in meinem Reiseführer hatte ich gelesen, dass der Yala-Nationalpark mit 1.500 Quadratkilometern der zweitgrößte des Landes war und dass aufgrund dessen viele Touristen dorthinströmten. Allerdings war ich davon ausgegangen, dass die sich auf den ganzen Park verteilen würden und wir vielleicht keinen anderen Menschen zu Gesicht bekämen. Und nun das. Na ja, abwarten.

    Und weiterschlafen. Kurze Zeit später allerdings, wir waren noch ein klein wenig gefahren, nachdem sich das Häuschen als zentrale Stelle entpuppt hatte, an dem die Fahrer jeden Morgen aufs Neue eine Einfahrterlaubnis in den Park kaufen mussten, wurde ich aus dem Schlaf gerissen, als das Auto plötzlich anfing, stark zu ruckeln. Da waren wir also. Auf den Schotterpisten des seit 1938 existierenden Nationalparks. Plötzlich war ich hellwach. Wo waren sie denn, all die Elefanten, die Leoparden, die Affenbanden? Hatten sie nicht darauf gewartet, dass ich sie endlich mal besuchen würde? Ähm, nein. Gähnende Leere.

    Zumindest was die Tiere anging. Vor uns schlängelte sich hingegen ein Auto nach dem anderen zwischen Tümpeln, Bäumen, Sträuchern und Pfauen durch. Moment mal, Pfaue? Mein erstes Highlight! So konnte es nun doch endlich losgehen mit den Tieren, die einem in Europa doch eher selten über den Weg laufen. Und zu meinem Glück gabelte sich die zentrale Schotterpiste, über die offenbar alle Safariteilnehmer in den Park fahren mussten, schon ziemlich bald mehrfach auf und so waren wir in unserem Jeep auch bald alleine unterwegs. Wenn jetzt nur noch ein Elefant auftauchen würde…

    Ertrunkener Wald im Yala-Nationalpark. Foto: Sascha Bethe

    Mehrere Leute, die ich inzwischen schon auf der Insel kennengelernt hatte, hatten mir in den letzten Tagen schon viele Bilder von Dickhäutern geschickt, denen sie in anderen, wesentlich kleineren Nationalparks begegnet waren. Ha! Und ich bin in einem der größten des Landes, da wird es wohl auch so einige Herden geben. Ja, das tat es. Nur waren sie schlau genug, dort zu sein, wo eben keiner der Jeeps langfuhr. So konnte ich am Abend dieses Tages also gerade einmal einen einzigen Elefanten verbuchen, den ich in freier Wildbahn gesehen hatte – und den auch noch in weiter Entfernung. Das nennt man wohl Pech.

    Nichtsdestotrotz lohnte sich der Tagesausflug: Krokodile und Geier, Wasserbüffel und Flamingos, sich jagende Affenfamilien, zum Teil mit Babys auf Rücken oder Brust – all diese Wunder der Natur sah ich hautnah und in ihrem natürlichen Lebensraum. Wahnsinn! Unabhängig von dieser grandiosen Tierwelt begeisterte mich die vielseitige Landschaft: staubtrockene Savannenlandschaften, Lagunen, Monsunwälder, natürliche Strände sorgten für faszinierende Kontraste. Ein riesiger Wald, von dem nur noch tote Baumstämme übrig geblieben waren, die nun bis zur Hälfte in einem künstlichen See versanken, wirkte mystisch.

    Doch genau dieser See ließ mich nachdenklich werden: Was sollte ich von dem Nationalpark halten? Helfe ich damit den Tieren, weil ihnen ein überwachter, geschützter Lebensraum geboten wird? Oder schade ich ihnen, weil ich ein Teil derer bin, die täglich mit Dutzenden Fahrzeugen durch ihren Lebensraum brettern? Will ich diejenigen unterstützen, die mitten im Habitat der Tiere einen riesigen Staudamm errichtet haben, der eben jenen Wald hat sterben lassen? Aber was wäre denn, wenn ich nicht mitgefahren wäre? Hätte das jemandem geholfen? Wäre da irgendetwas anders?

    Am nächsten Tag ging es mit dem Taxi nach Mirissa an der Südspitze des Landes. Dort war ich dann das erste Mal überhaupt während meiner Reise mit den Füßen im Wasser. Im Indischen Ozean. Unfassbar. Ich liebe Wasser, es ist genau mein Element und so genoss ich den Strandspaziergang. Obgleich ich Lust auf fangfrischen Fisch hatte – die Holzpfähle der Stelzenfischer, die sogar auf dem Sri Lankischen 20-Rupien-Schein verewigt sind, standen direkt vor uns im Wasser –, ließ ich dann doch davon ab, als ich sah, dass der Fisch zwar auf ein paar Eiswürfeln lag, aber dennoch den ganzen Tag offen in der prallen Sonne vor sich hin stank und von mancherlei Straßenkatze angehimmelt wurde.

    Fischstand am Strand von Mirissa. Foto: Sascha Bethe

    Wie wir da so saßen, das Leben genossen, Cocktails schlürften und den Wellen beim sanften Rauschen zuhörten, wurde mir bewusst, dass es ebendieser Strandabschnitt von Mirissa war, über den ich gelesen hatte, dass er, zusammengerechnet mit anderen Stränden in der Gegend, beim verheerenden Tsunami an Weihnachten 2004 ein riesiges Menschenopfer zu beklagen hatte: Über 30.000 Menschen waren allein an der Südküste Sri Lankas ums Leben gekommen.

    Viele haben vergessen, dass es nicht das medial im Fokus stehende Thailand war, das nach Indonesien die meisten Opfer zu beklagen hatte, sondern diese Insel, tausende Kilometer vom Epizentrum des Seebebens entfernt. Dieser Gedanke, dort fröhlich zu sitzen und mich am Leben erfreuen zu können, wo vierzehn Jahre zuvor eine der größten Naturkatastrophen der Neuzeit so viele das Leben gekostet hatte, ließ mich einmal mehr bewusst werden, wie sehr ich schätzen kann, gesund, munter, frei und vor allem lebendig zu sein.

    Am darauffolgenden Morgen brachte uns ein Bus nach Galle, einer 90.000-Einwohner-Stadt etwas weiter südwestlich. Der größte Teil der Stadt gleicht einer typisch asiatischen Großstadt, doch tritt man durch eines der Tore der alten Stadtmauer hindurch, kommt man in einer anderen Welt an, einer europäischen Welt. Angezogen von ihrem Naturhafen, kamen 1505 die ersten Portugiesen in die Stadt, bevor dann 140 Jahre später die Niederländer auftauchten, die das Gesicht Galles prägten, eben jenes Gesicht, das ich nun sah.

    Der Hafen von Galle und die sich um ihn herum entwickelnde heutige Altstadt, immer noch „Dutch Fort“ genannt, wurden zum Dreh- und Ankerpunkt des europäischen Handels mit Europa. Die Niederländer waren es auch, die den Zimtanbau im Hinterland Galles begannen und die Stadt in ihrer Bedeutung als Gewürzmetropole noch mehr aufwerteten. Erst nachdem die Briten um 1800 das Erbe der Holländer angetreten und ihren Handelsschwerpunkt nach Colombo verlegt hatten, verlor die Stadt langsam an ökonomischer Bedeutung. Gina und ich entschieden uns, diese Altstadt eigenständig per pedes zu erkunden.

    Blick in das „Dutch Fort“ in Galle.. Foto: Sascha Bethe

    So tauchten wir in das friedvolle Getümmel der schmalen Gassen ein, die meiner Meinung nach genauso hätten in Südeuropa sein können: süße, kleine Läden, rote Dachziegel, bunte Fensterläden, rostige Balkongitter. Klischeehaft romantisch wirkte das Dutch Fort. Dieser Teil der Stadt wurde bei dem Tsunami damals übrigens nicht beschädigt – die jahrhundertealte Mauer um sie herum hatte den Wassermassen standgehalten.

    Besonderes interessant war ein Gerichtsgebäude inmitten der Altstadt, nicht hinsichtlich seines architektonischen Wertes, sondern weil man sehen konnte, wie juristische Beratung in Sri Lanka abläuft: Da gab es zur Straße hin offene Räume, in denen Anwälte Sprechstunden anboten, unterteilt nach Art des Verfahrens und, so wirkte es zumindest nach außen, nach finanzieller Möglichkeit potentieller Mandanten. Wie in einem Großraumbüro saßen selbige parallel an vielen Tischen mit ihren Anwälten zusammen. Es war ein Lärmpegel wie in einer Schule, auf dem Bürgersteig davor warteten unzählige weitere Menschen auf ihre Möglichkeit eines Gespräches.

    Als wir nach einiger Zeit des Staunens, gemütlichen Bummelns und Fotomachens langsam wieder unseren Rückweg zur Unterkunft antraten, sprach uns plötzlich ein Mann in gutem Englisch an, der uns anbot, uns zu dem Markt in der Stadt zu führen. Es war wohl nicht ein typischer Markt für Touristen, den er uns zeigen wollte, sondern der, auf dem auch die Einheimischen ihre frischen Waren kaufen würden. Das klang doch ganz gut. So lief er neben uns her, erzählte uns aus seinem Leben und führte uns über Hinterhöfe und vielerlei Abbiegungen zu besagtem Markt.

    Während der ganzen Zeit beschlich mich das Gefühl, dass bestimmt irgendetwas kommen müsste: Entweder wird er uns an einen Stand führen, an dem wir etwas kaufen sollten, er wollte Geld für seine „Führung“ oder er schickte uns an irgendwelche Orte, an denen wir ausgeraubt würden. Und was soll ich sagen: Nichts von alledem traf zu. Es war schlicht und einfach ein netter Einheimischer, der Fremden einen kleinen Einblick in seine Lebenswelt geben wollte, der nichts im Schilde führte und sich am Markt auch kurz und bündig mit einem Händedruck verabschiedete.

    Wieder dachte ich nach: Warum sind wir Europäer erst mal so zurückhaltend und misstrauisch? Wieso fällt es uns so schwer zu glauben, dass andere Menschen völlig ohne Hintergedanken einfach nur nett sein könnten? Weshalb kommt Vertrauen in das Gute erst nach Skepsis und Vorsicht? Das kann wohl nur jeder für sich beantworten. Eine Sache ist mir bezüglich des Marktes dann aber noch in besonderer Erinnerung geblieben: rote Bananen. Leider habe ich sie nicht probiert, denn für örtliche Verhältnisse waren sie schon ziemlich teuer. Doch auch das habe ich während der folgenden Monate noch gelernt: Nutze deine Chancen, wer weiß, wann sie wiederkommen.

    Heute hier, morgen dort (6): Sri Lanka – Endlich logische Erklärungen

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige