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Rodig reflektiert: Die 6.000-jährige Geschichte Deutschlands

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    Die Aufmerksamen unter Ihnen haben es mitbekommen: Das Deutsche Reich feierte dieser Tage seinen 150. Geburtstag. Denn am 18. Januar 1871 standen der Herr Bismarck und Preußenkönig Wilhelm Eins in Versailles und gaben im Beisein vieler anderer wichtiger und reichlich mit Edelmetallen behängter Männer das Ja-Wort. Das „Ja“ zu Deutschland nämlich und zack, war das Deutsche Reich gegründet. Sie denken jetzt sicher, stimmt, genau so war es! Ich aber weiß aus gesicherten Quellen: Die Geschichte Deutschlands lief eigentlich ganz anders.

    Es war nämlich folgendermaßen. Die Bibel hat ganz recht: Gott schuf sich ein Universum vor ziemlich genau 6.000 Jahren und Deutschland gleich mit. Im direkten Anschluss erblickten Adam und Eva Braun das Paradies, welches sie aufgrund des illegalen Verzehrs von Kernobst, genau genommen dem deutschesten aller Öbste, dem Apfel, per göttlichem Zwangsräumungsbeschluss ohne Widerspruchsfrist umgehend verlassen mussten.Die neue Bleibe besiedelten sie mit deutscher Gründlichkeit und ihre Nachkommen mit sehr schlechten Manieren begannen damit, Deutschland wegen Lebensraum zu entlauben. Dies gelang einige tausend Jahre nur unzureichend, wie man an der hohen Zahl schlecht getrockneter Sümpfe und dichtester, furchtbar unaufgeräumter Wälder sehen konnte.

    Dieses erste deutsche Trauma wurde dann später mit der gänzlichen Abschaffung des Waldes durch Erfindung des Forstes kompensiert. Damals jedoch war es nicht weit her mit der deutschen Ordnungsliebe, nicht einmal ordentliche Seitenscheitel trugen die germanischen Barbaren und Barbaras. In Sachen Haarmode dominierte ungekämmtes Wursthaar.

    Ein vielversprechender Erklärungsansatz für die deutsche Neigung, Tiere zu zermüllern und diese dann in ihre eigenen Därme zu stopfen. Alles ist gut, wenn es aus Wurst ist, heißt es ja bereits in der Heiligen Schrift, dem Handfolianten des Metzgerhandwerks.

    Erstkontakt mit einem tatsächlich zivilisierten Menschenschlag gelang dann in der Römerzeit. Die hochgebildeten Genussmenschen aus Rom hatten den fatalen Fehler begangen, sich für Mitteleuropa als potentielle Einflusssphäre zu interessieren.

    Nichtsahnend überschritten sie die deutsche Grenze, um alsbald der deutschen Gastfreundschaft ganz unmittelbar zu begegnen, so zum Beispiel im Teutoburger Wald. Die Welt zu Gast bei Freunden – doch die Welt hatte offenbar eine ganz andere Vorstellung was Freundschaft heißt und zog vernünftigerweise die erste innerdeutsche Grenze hoch.

    Die Teilung Deutschlands per Palisadenwall hielt der Welt, also dem römischen Imperium, die germanoiden Horden vom Leib, bis die Römerleute einsahen, dass Italien doch die Gegend mit dem deutlich angenehmeren Wohnklima darstellt.

    Das deutsche Volk wandte sich wieder ihren Wäldern zu und verbrachte die nächsten Jahrhunderte damit, durch dieselben herumzuwandern und sich auf die Wursthaarköpfe zu hauen. Unzählige Ottos, Heinrichs, Karls und Friedrichs fochten munter um die Macht über dieses unsortierte Deutschland, dessen Ostteil damals schon durch Renitenz hervorstach.

    Die deutsche Neigung zur Kolonialisierung hatten die Slawen auszubaden, waren sie doch nur durch Gewalt von der friedlichen Christenheit zu überzeugen. Die Idee der Römerleute, sich möglichst breitzumachen, übernahmen die Deutschen wie immer ohne größere Skrupel und verkauften sie als eigene Idee.

    Das Titelblatt der LZ Nr. 87, Ausgabe Januar 2021. Screen LZ
    Das Titelblatt der LZ Nr. 87, Ausgabe Januar 2021. Screen LZ

    Das erste deutsche Reich war trotz der Ordnungsbemühungen immer noch sehr unordentlich, versinnbildlicht in Barbarossas Bartfetisch, den wachsen zu lassen er sich, über seinen ungeschickten Tod durch Ertrinken hinaus, vorgenommen hatte.

    Dass Hygiene Leben retten kann, war in Deutschland immer noch nicht sehr verbreitet und so raffte die Pest im 14. Jahrhundert ein Drittel der deutschen Bevölkerung dahin. Offenbar war der Lebensraum räumlich nicht weiter auszudehnen, musste man also mit dem arbeiten, was man hatte.

    Um sich nicht nachsagen zu lassen, man wäre auf den Kopf gefallen, erfanden die Deutschen kurzerhand den Antijudaismus (Martin Luther), das Plagiat (Johannes Guttenberg) und, von allen Kindern bis heute heißgeliebt, die Mathehausaufgaben (Adam Ries).

    Begründet in der über tausende Jahre kultivierten Vorliebe, sich über ideologische Nichtigkeiten an die Gurgel zu gehen, war es wieder einmal Zeit für einen dreckigen Krieg, der dann auch tatsächlich 30 Jahre dauern sollte. Zerstritten über die Frage, wer für Gott auf deutschem Boden die Tantiemen einstreichen darf, streiften bewaffnete Horden durch die deutschen Lande, um möglichst viele Städte dem deutschen Erdboden gleichzumachen. So sehr lieben die Deutschen ihren Boden!

    Eine neue Stufe der Ordnungsliebe erreichte dann erst wieder der preußische König Fritz. Die Einsicht, dass man den Deutschen die Ordnung feste Einprügeln muss, setzte sich im Preußenheer sehr schnell durch. Denn wer widersprach, bekam eins mit der Spießrute übergezogen.

    Nun hatte man endlich den Schlüssel für die allgemeine Herstellung von Ordnung gefunden, den Grundstein für präzise Rasenkanten und Effektivizienz, nämlich die Disziplin. Diese Sekundärtugend wurde dann auch durch die wechselnden Reiche hochgehalten und ermöglichten später den allerordentlichsten Völkermord, den die Welt je gesehen hat.

    Doch bis es zu dieser Glanzstunde deutschen Schaffens kommen sollte, bekam das Streben nach Ordnung einen dicken Dämpfer. Die impulsiv-unordentlichen Nachbarn hatten eine Revolution angezettelt, den Gebrauch der Halsabscheidermaschine übertrieben, sich dem postrevolutionären Kinderkannibalismus hingegeben und dabei den kleinen Korsaren übersehen, der schon bald zum Kaiser sich gekrönt hatte und auf den Franzosen-Thron gesetzt.

    Der König war tot, es lebte der Kaiser. Napoleon nahm sich der unsortierten Revolutionsheere an, um in Europa ein neues Rechtssystem einzuführen. Das behagte den anderen Autoritäten nur sehr wenig, denn sie wollten doch lieber ihre eigene Ordnung herstellen. Napoleon schrieb frustriert einen weltbekannten Popsong und verzog sich auf eine Atlantikinsel.

    Auch die Deutschen begossen diesen Rückzug mit Champagner in Wien und beschlossen, alles wegzuzensieren, was nicht niet- und nagelfest war. Das deutsche Volk fand’s mehrheitlich okay, man konnte sich endlich in Ruhe die eigene Bude mit ornamentösem Nippes vollstellen und gepflegt den Mund halten.

    Alles hätte schön geordnet weitergehen können, wenn nicht die Nestbeschmutzer aus der linken Szene aufgetaucht wären. Umstürzlerische Verbalchaoten, wie der Redakteur Karl Marx, befeuerten den Drang der Studentenschaft und anderer Nichtsnutze, die herrschende Ordnung infrage zu stellen.

    Nachdem landauf, landab Weberknechte ihre Stühle und die Revoluzzer die Herzen in Brand gesteckt hatten, entschied man, sich doch lieber durch Polizei und Armee zusammenschießen zu lassen. Schluss mit Revolution, zurück zum Standesdünkel. Wenn in Deutschland eine Revolution erfolgreich verlaufen soll, dann aber bitteschön von oben. Eben recht ordentlich.

    Von den Schmuddelkindern aus dem demokratischen Lager angestoßen, war die Zahnpasta aus der Tube und ließ sich nicht wieder zurückdrücken. Ganz Deutschland, denn seit Anbeginn der Zeiten war der Volkskörper metaphysisch ineinandergeknotet, entschied sich darum, den Antiautoritarismus für immer zu verteufeln, denn was würden Adam und Eva Braun sonst von ihren deutschen Lendenfrüchten halten.

    Und so sehen Sie, liebe Leserinnen, dass es ein Leichtes ist, eine Geschichte zu erzählen, und wenn nur genug Deppen gewillt sind, sie einerseits zu glauben und zweiterseits auch noch weiterzuerzählen, dann haben wir das, was man eine Nationalgeschichte nennt, oder einfach: einen Mythos. Darum glauben Sie bitte nicht alles, was Ihnen Guido Knopp als Wahrheit verkaufen will.

    Glauben Sie lieber mir,
    Ihrem MP in spe a.D.
    Tom Rodig

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