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Rodig reflektiert: Apokalypse anstatt einer Predigt

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    LEIPZIGER ZEITUNG/ Auszug Ausgabe 86, seit 18. Dezember 2020 im HandelDa schaut man in die Welt, O du selige, und es ist gnadenbringende Weihnachtszeit. Der dritten Zeile Inhalt dieser Waisenweise, denn es wurde „O du fröhliche“ vom Weimarer „Waisenvater“ Falk verfasst, ist oft gesungen, doch selten vernommen. „Welt ist verloren“ heißt es da, und Ihr Kolumnist nimmt sich den Erlösergeburtstag zum Anlass, einmal mehr über den verlotterten Zustand dieser Welt zu ramentern.

    „Es ist meine Religion, zu glauben, daß das Manometer auf 99 steht. An allen Enden dringen die Gase aus der Welthirnjauche, kein Atemholen bleibt der Kultur und am Ende liegt eine tote Menschheit neben ihren Werken, die zu erfinden ihr so viel Geist gekostet hat, daß ihr keiner mehr übrig blieb, sie zu nützen“ Karl Kraus, 1909

    Welt ist verloren. Der Satz zergeht wie Butter auf der Denkrinde, denn verloren haben wir, die Menschheit, in diesem Jahr nur zur Genüge. Allein, mehr als sonst? Um nicht den Verdacht zu speisen, Ihr Kolumnist würde parallel zur Quere denken: Ja, mehr als sonst. Doch schon die Frage nach der Quantität derer, die da draußen aus vermeidbaren Gründen verrecken, ist falsch.

    Richtigerweise muss festgehalten werden, dass nämlich die Gründe, aus vermeidbaren Gründen zu verrecken, im Grunde dieselben geblieben sind. Wenn ein deutscher Gesundheitsminister noch im Februar 2020 die Rufe der Bertelsmänner echoen lassen darf, es gäb’ nun einmal „immer noch zu viele Krankenbetten in Deutschland“, was übersetzt heißt, dass da ungeborgenes Grausamkeitenpotential liegt, dann werden ganz offenbar verschmerzbare Verluste einkalkuliert.

    „Verluste“, das klingt nach der Sprache der Vorstände. Es ist die Übersetzung der Tragödie in die Warenform. Die Unvernunft, mit der die Menschen ihr eigenes Unheil an die Macht wählen, soviel institutionell gezügelte, darum schwächlichste Entscheidungsmacht muss dem Wahlvieh durchaus zugesprochen werden, endet leider nicht bei der Weigerung, die „rassistischen Arschlöcher“ von der AfD zu wählen, sondern endet bei einer verderbten CDU, den scholzifizierten Sozialdemokraten, den erfolgreichen Trickbetrügern (an ihren eigenen Idealen) von den Grünen oder einer sektiererisch-ominösen Linken.

    Dass ich einer aufstrebenden PARTEI angehöre, die alle diese Qualitäten in sich vereint, dürfte der aufmerksamen Leserin hoffentlich nicht verborgen geblieben sein. Doch selbst meiner Turbopartei sind durch den Staat und seinem erpresserisch-dämlichen Gesundheitsversagen die frisch gewaschenen Hände gebunden.

    In der Pandemie ist der politische Raum abhanden gekommen. Er hat sich verkleinert, ist geschrumpft auf die Größe des Arbeitszimmers der Kanzlerin und das schäbige Studio von Uschi von der … Leyen, aus welchen heraus einmal wöchentlich Durchhalteparolen geheuchelt werden, während an den Außengrenzen das Verrecken weitergeht und wir wieder bei den vermeidbaren Gründen angelangt sind.

    Flankiert wird die Schrumpfung durch die Aushebelung der parlamentarischen Beteiligung, denn wer braucht Grundsätze, wenn er ein Apparat hat. Unterdessen werden die Straßen nur noch von hektisch einkaufenden Menschen benutzt und die Plätze von hektisch ausfälligen Querlenkern mit Unfug und verseuchten Aerosolen besudelt. Wer noch ein bisschen Restsolidarität in dieser Gesellschaft der Einzelamöben besitzt, bleibt zu Hause und ärgert sich über diese dreiste Raumnahme.

    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 86, Ausgabe Dezember 2020. Foto: Screen LZ

    Grün vor Wut könnte man werden darüber, dass diese Leerdenker offenbar jede Erfolglosigkeitsaussichten zu verneinen in der Lage sind. Wenn Partypolonaisen durch die Innenstadt sich bewegen und lauthals „Corona Ciao“ auf die Melodie eines bekannten Partisanenliedes singen, dann fragt sich Ihr auf Menschenmassen trainierter MP in spe, was hier eigentlich los ist. Jeder Erfahrungswert meiner eigenen politischen Sozialisation und Tätigkeit im öffentlichen Raum schreit auf und ruft gleichzeitig nach der Ordnungsmacht.

    Doch es ist dieselbe Macht, die es so prächtig eingerichtet hat, dass Pflegekräfte und Krankenhäuser so top versorgt und ausgestattet sind. Dieselbe Macht, die Monat um Monat unzählige Milliarden an die Autokonzerne überweist, der harten Zeiten wegen, aber Museen schließt. Dieselbe Macht, die Asylsuchenden, welche seit Jahren in Bürokratiefallen darben, plötzlich Arbeits- bzw. Ausbeutungserlaubnisse erteilt – vorher undenkbar! – denn es ist Krise jetzt und es muss ja weitergebaut werden, auch wenn die billige, menschliche Manövriermasse aus Osteuropa fehlt.

    Selbst wenn ich den letzten Punkt erfunden hätte, was ich natürlich nicht habe, Sie hätten es dieser Herrschaft wahrscheinlich zugetraut. Und nach dieser Macht ruft es nun allerorten, sie mögen die Wasserwerfer scharf machen, doch bleibt es beim Platzverweis, es sind schließlich keine Linken. Auch ihr Kolumnist ertappt sich bei diesem Ruf, und fürchtet, dass er sich bei nächster Gelegenheit gegen ihn selber wenden wird.

    Und nun soll diesem „Widerstand“ die Erlösung vergönnt sein? Jenen, die nach „Freiheit“ rufen, um den Ring marschieren und den Reichstag stürmen, werden goutiert von der Daumen-hoch-Polizei? Sie feiern ihr Weihnachten auf den Straßen und Plätzen und sind gern gewillt, die 150 Euro Strafe auszutüten, denn auf die Mütze haben sie, trotz Bettelei, leider von der Volkspolizei nicht angeboten bekommen.

    Wohlgemerkt verbringen nicht alle Weihnachten zu Hause – einige haben in einem tollkühnen Handstreich die Intensivstationen gestürmt, um mit dem Beatmungsschlauch im Hals zu beweisen, dass es Corona gar nicht gibt.

    Ihr geschätzter und vom vielen Virenfluge durchaus auch etwas mitgenommener Kolumnist kann trotz allem frohgemut aufschreien: Sie werden versagen! Denn sie lieben den Tod und hassen das Leben. Gevatter Thanatos, der Schutzheilige der Quacksalber und derer, die das Tuch verweigern, ist ihr Götze. Sie sind im Kern unzufrieden, sogar mehr als das, sind empört und entsetzt über die Welt und wie viel ihnen daraus verweigert wird.

    Aus einem Dossier unserer PARTEI-eigenen Recherchestelle für existentielle Fragen und Antworten zitiere ich folgenden, sachdienlichen Hinweis: „Erst wird über Jahre versucht, sich dem Altnazitum der alten BRD gleichzumachen, sie gar rechts zu überholen vermittels der Vervolkssportisierung des Fremdenhasses, allein: Zuneigung gab es dafür keine.

    Die Mimesis der polit-historischen Stiefeltern zeitigte nicht die gewünschten Erfolge, im Gegenteil, diese wundern sich, den Blick in den Spiegel vergessend, wieso das Kind dermaßen aus der Art schlägt. Was es tatsächlich nicht tut, es spiegelt, in pubertär überzogener Form, die denk- und handlungsweise der Alten. Resultat: Hiebe statt Liebe, auch wenn erstere noch in äußerst wohlwollender Manier daherkamen. Jetzt also müssen andere Saiten aufgezogen werden: wollt ihr mich nicht lieben, so will ich sterben und alle mitnehmen.“

    „Geht doch sterben!“, müsste man ihnen zurufen, wäre man so verroht und verbildet, wie jene die gemeint sind, und wären ihnen ihre eigenen kleinen beschissenen Leben nicht so furchtbar egal. Um der weihnachtlich-pastoralen Zitierfreude Genüge zu tun und diese Kolumne nicht trübselig zu verlassen, werfe ich ihnen und uns einen schallenden Kästner hinterher, aus seiner „Warnung vor Selbstmord“ – Ja, die Bösen und Beschränkten/ sind die Meisten und die Stärkern./ Aber spiel nicht den Gekränkten./ Bleib am Leben, sie zu ärgern! Wenn das keine Offenbarung ist.

    Beendet seine Predigt aus dem sächsischen Corona-Schützengraben, geht mit Zuversicht in den ersten Kriegswinter, mahnend: Leute, lasst das Sterben sein!

    Heute einmal auf Gedeih und Verderb,
    Ihr MP in spe a. D.
    Tom Rodig

    Rodig reflektiert: Küsst die Polizisten, wo ihr sie trefft + Video

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