Die Mitgliederversammlung 2017 der Sächsischen Akademie der Künste, in deren Zentrum turnusgemäß die Wahl des neuen Präsidenten und Vizepräsidenten steht, findet am 1. Juli 2017 in Leipzig statt. Um 19:00 Uhr schließt sich im Haus des Buches Leipzig eine öffentliche Veranstaltung an, die sich in den Kontext des Jahresthemas der Akademie „Brüche. Gegenbilder. Utopien“ stellt. In einem offenen Format mit Schauspiel, Performances, Lesungen, Musik, Filmen und Gesprächen wird den utopischen Entwürfen künstlerisch Raum gegeben. Der Eintritt ist frei.

LANGE NACHT DER UTOPIE

„Nicht-Orte, Räume des Möglichen und der Sehnsucht, Orte des Anderen und Unbekannten – gehören sie der Nacht oder dem Tag? U-topia, die Negation ist der Kern dieses Wortes, Negation des Ortes, an dem wir sind. Markiert wird eine Lücke zwischen Sein und Sollen, zwischen Tatsachen und Träumen, zwischen hier und dort. Die Zeit der Utopie ist die Krise, die Unsicherheit der Gegenwart. So gesehen ist die Utopie ein Kind der Nacht. Sie senkt das Bestehende kritisch ins Dunkel und träumt, hypothetisch, experimentell, sehnsüchtig, von einem anderen Tag.

Doch das lässt sich auch anders sagen: Die Utopie will das menschliche Gemüt und das Denken in ein klärendes Tageslicht herausführen, eines Lichtes nun, das erhellt wie die Welt ‚eigentlich‘ sein ‚soll‘. Die Wurzel utopischen Denkens liegt in Judentum und Christentum, die beide eine Vollendung der Geschichte erhoffen, einen ‚Tag des Herrn‘, wie es bei den Propheten heißt, mithin also in dem, was geschieht und der Fall ist, einen anderen Sinn erhoffen – eine Heilung und Klärung. Die beliebteste Metapher aller utopischen Schriften ist die Morgenröte. So ist die Utopie ein Vorschein des Tages.

Vielfach wird heute der Mangel an Utopie beklagt. Wer von Utopie spricht, wendet meist den Blick zurück und warnt vor Verlusten. Die Utopie ist melancholisch geworden, ein Reflexionsmedium. Oder sie wird privat und dann erscheint sie als Bedingung persönlichen Wohlgefühls. Utopisches Denken verbindet sich mit einer Spätzeitatmosphäre.

Die Kunst aber lebt immer in der Schöpfungsfrühe, sie ist immer am Anfang – und so kann sie, jenseits der Herrschaft der Diskurse und des Faktischen, wie sonst nur die Religion, die bestehende Welt in Klammern setzen und die Freiheit des Möglichen eröffnen. So ist Kunst nötiger denn je in einer Welt, in der politische und wissenschaftliche, begriffliche und handlungsorientierte Ausgriffe nach der Zukunft ins Leere fassen, ins Ungewisse einer Welt, in der die alten Koordinaten nicht mehr greifen. Hier muss man weit hinaus aus dem Denkbaren, weit zurück zu den Anfängen, tief hinein ins Mögliche – all das sind Wege der Kunst. In einer langen Nacht der Utopie erkunden wir diesen Nicht-Ort der Kunst. Wir legen unsere schöpferischen Wege ins Utopische dar und reflektieren ihre Rolle in unserer Zeit.“ (Christian Lehnert)

01.07.2017, 19:00 Uhr, Foyer im Haus des Buches

TEXTCOLLAGE „DIE TRÄUMENDE GESELLSCHAFT“

Mit Lars Jung und Marie-Thérèse Futterknecht und den Musikern der Marching Band

Konkrete Utopien bündeln die Hoffnung auf die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen, sind Motor sozialer Reformbewegungen und suchen bei aller Verschiedenheit nach dem guten Leben und gesellschaftlichem Glück. Die Schauspieler Lars Jung und Marie-Thérèse Futterknecht schöpfen aus dem Fundus utopischer Texte, lesen u. a. aus der der Bergpredigt, dem Contrat Social von Jean.-Jacques Rousseau, der Declaration of Independence, dem Kommunistischen Manifest, der Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss und der UN-Charta.

19:25 Uhr, Großer Saal im Haus des Buches

BEGRÜSSUNG
N.N., Präsident der Sächsischen Akademie der Künste

Uwe Gaul, Staatssekretär im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst

EINFÜHRUNG

Christian Lehnert

MUSIK

Bernd Franke: „half-way house – Solo xfach“ (für Joseph Beuys)

(1988 – in progress)

Version für Bassklarinette, Posaune, Schlagzeug und Zuspielband

Ausführende: Volker Hemken, Bassklarinette; Hendrik Reichardt, Posaune; Gerd Schenker, Schlagzeug

„Solo xfach“ ist eine Werkgruppe des Leipziger Komponisten Bernd Franke, die als work in progress an Joseph Beuys’ Idee der sozialen Plastik ansetzt und seit 1988 nahezu täglich erweitert wird. „Wie geht man mit offenen und geschlossenen Systemen um, wie funktionieren funktionale Ansätze in Hierarchien, das Verhältnis von Ordnung und Chaos, von Freiheit und Strenge, wie spiegelt sich soziale und gesellschaftliche Entwicklung in musikalischen Systemen strukturell und geistig wider, welche Orte des Hörens werden für uns wichtig werden, was kommt nach dem Orchester und der Partitur, wie soll der Hörer des 21. Jahrhunderts eigentlich HÖREN? Diese Fragen beschäftigen mich seit langem und haben natürlich einen gewichtigen Einfluss auf meine eigene Entwicklung gehabt.“ Bernd Franke

LESUNG

Angela Krauß und Christoph Hein

Vorstellung der Autoren: Christian Lehnert

GESPRÄCH

Mit Bernd Franke, Komponist, Leipzig; Christoph Hein, Schriftsteller, Berlin und Angela Krauß, Schriftstellerin, Leipzig

Moderation: Christian Lehnert

„Hoffnung als ein Hauch“, so lautet der Untertitel einer Komposition Bernd Frankes. Überwiegt das Misstrauen in die Euphorie, die jedem lichten Gegenentwurf zum Bestehenden innewohnt? Welche Bedeutung hat das Utopische für das künstlerische Schaffen heute? Podium mit Mitgliedern der Akademie über die Ambivalenz des Utopischen.

20:45 Uhr, Café im Haus des Buches

PAUSE

21:15 Uhr, Großer Saal im Haus des Buches

VORTRAG UND GESPRÄCH „GEBAUTE UTOPIE“

Mit Werner Durth und Stefan Rettich

Eng verwoben ist die Vorstellung neuer Sozialstrukturen mit Neuansätzen in der Stadtplanung und Ästhetik. Das zeigen nicht nur die Entwürfe von Idealstädten bei Thomas Morus oder Campanella, sondern auch so manche Aufbrüche in eine vermeintlich bessere Zukunft, wie z.B. die Konzepte der Gartenstädte, die neuen Entwürfe für Lebenshaltung und Wohnen der Siedlungen aus den 20er Jahren oder die Wohnmaschinen Le Corbusiers. Geht heute noch Inspiration und Anregung von diesen Avantgarden aus? Gibt es sie heute, die gebaute Utopie?

21:45 Uhr, Großer Saal im Haus des Buches

SCHAUSPIEL

SAMUEL BECKETT: „DAS LETZTE BAND“ / „GLÜCKLICHE TAGE“

Mit Lars Jung und Marie-Thérèse Futterknecht

Eine Kurzfassung der bekannten Stücke Becketts präsentieren die Schauspieler Lars Jung und Marie-Thérèse Futterknecht. „Oh, dies ist ein glücklicher Tag! Dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein!“, ruft Becketts vielleicht berühmteste Frauenfigur aus. Der Titel seines Stückes „Glückliche Tage“ ist keineswegs Ironie, sondern eine Studie des fast schon monströsen Zwangs zum Positiven, in einer Welt, die alles andere als rosig aussieht. Demgegenüber steht – nicht weniger beklemmend – der Abschied von der Jagd nach dem Glück, das Hohngelächter des gealterten Schauspielers Krapp „über das, was er seine Jugend nennt, und Dankgebete dafür, dass sie vorbei ist“ aus dem Stück „Das letzte Band“.

22:05 Uhr, Café im Haus des Buches

GESPRÄCH „THEATER ALS ORT DER UTOPIE“

Mit Holk Freytag, B.K. Tragelehn, Regisseur und Kay Voges

Im Moment der Nähe, die das Theater zu erzeugen vermag, kann das Theater als genuiner Ort der Utopie auch den Möglichkeitssinn wecken. B.K. Tragelehn und Heiner Müller hatten den Versuch unternommen, Brechts Credo von der Veränderbarkeit der Welt für das Theater und die Gesellschaft produktiv zu machen. Für Regisseure heute stellt sich die Frage, welche Gesellschaftsmodelle sie propagieren wollen. Schaffen sie düstere, dystopische Zukunftsvisionen oder ideale Parallelgesellschaften?

22:30 Uhr, Foyer, Balkon, Garten im Haus des Buches

RAUMERKUNDUNG. EINE TANZPERFORMANCE

Künstlerische Leitung: Irina Pauls

Vom Nicht-Ort zum Im-Raum-Sein: Raum entsteht durch Bewegung, jede Bewegung verändert den Raum und der Raum beeinflusst die Bewegung. In einer tänzerischen Erkundung im Haus des Buches Leipzig werden Räume erspürt, geöffnet, besetzt, gestaltet und die Räume des Möglichen im eigenen Körper entdeckt.

23:00 Uhr, Großer Saal im Haus des Buches

KURZFILME

Lutz Dammbeck: „Metamorphosen I“ (7′), „Hommage à La Sarraz“ (12′); Wolfgang H. Scholz: „Face 05-08“ (7′), Cornelia Schleime: „Unter weißen Tüchern“ (9′)

Lutz Dammbeck bearbeitet in dem Experimentalfilm „Metamorphosen“ (1979) mit Farben und Stiften einen originalen Schwarz-Weiß-Film, in „Hommage à La Sarraz“ (1981) verfeinert er das Verfahren, Realszenen mit Animationen zu verbinden. Am Schnittpunkt von Plastik, tänzerischer Inszenierung und Film setzt Wolfgang H Scholz in dem Kurzfilm „Face 05-08“(2008) bildkünstlerische Ausdrucksmittel des Porträts in Bewegung. „Unter weißen Tüchern“ (1983) ist einer der Super-8-Filme Cornelia Schleimes, die kurz vor ihrer Ausreise von Ostberlin nach Westdeutschland entstanden. Der Titel des Films spielt sowohl auf den Brautschleier als auch auf die bandagierten, eingegarnten und verpackten menschlichen Körper an. Wie in einem Musterbuch variiert die Malerin Cornelia Schleime die Möglichkeit des Umgarnens und der surrealen Deutung der vorgegebenen Motive.

ab 23:30 Uhr, Café und Garten im Haus des Buches

AUSKLANG

www.sadk.de

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