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Geht mit der Anlage der Grünfläche Rietzschke-Aue Sellerhausen jetzt ein unersetzbares Biotop verloren?

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    Im Mai berichteten wir hier über die Pläne des Dezernats Umwelt, Ordnung, Sport, 2023 den Bereich östlich der neuen Schule an der Ihmelsstraße in eine Grünfläche „Rietzschke-Aue Sellerhausen“ zu verwandeln. Es gab zwar 2019 eine Bürgerbeteiligung. Aber just eine Stellungnahme des hier aktiven Umweltverbandes fehlt in der Stadtratsvorlage. Denn eigentlich hat der BUND Leipzig eine Gewässerpatenschaft über die Östliche Rietzschke übernommen.

    Die Östliche Rietzschke fiel auch im Juli wieder auf, als die Stadt die Gefahrenkarte für Starkregenereignisse vorstellte. Denn im einstigen Einströmgebiet der Östlichen Rietzschke erschienen die Straßen in blau, sind also starkregen-überschwemmungsgefährdet. Die Östliche Rietzschke ist im Leipziger Osten zum größten Teil verrohrt und überbaut, überirdisch also nicht mehr wahrnehmbar. Und deshalb funktioniert sie nur noch bedingt als Ableiter von Regenmassen.

    So gesehen ist natürlich der Plan, sie östlich der Schule an der Ihmelsstraße wieder sicht- und erlebbar zu machen, in gewisser Weise tatsächlich eine Hochwasserschutzmaßnahme, wie die Stadt schrieb.

    Einen Komplexplan, die ganze Östliche Rietzsche möglichst in ihrer Gesamtheit wieder in Funktion zu setzen, gibt es freilich nicht.

    „Bis Ende des 19. Jahrhunderts floss sie weiter über Neusellerhausen und Neuschönefeld bis zu ihrer Mündung in die Parthe, was einem aufmerksamen Betrachter des Leipziger Stadtplans an dem merkwürdig gewundenen Verlauf von Wurzner und Kohlgartenstraße, dem Rabet und dem unteren Teil der Hermann-Liebmann-Straße auffällt. Der Straßenverlauf entspricht der Lage der alten, durchschnittlich 200 Meter breiten Rietzschkenaue. Unbebaute Talreste sind noch heute der Elsapark, das Gebiet am Bernhardiplatz und natürlich der teilweise sichtbare Bachlauf zwischen Zuckelhausen und Sellerhausen im Leipziger Osten“, schreibt der BUND zu seiner Gewässerpatenschaft für die Östliche Rietzschke.

    Aber ob die Verwandlung des Abschnitts östlich der Ihmelsstraße in einen gepflegten Park die richtige Entscheidung ist, daran hat Alexander John so seine Zweifel. Er hat das jetzt schon grüne Areal besucht und hat eines der artenreichsten Biotope in der Stadt Leipzig entdeckt.

    Blühende Landschaft östlich der neuen Schule an der Ihmelsstraße. Foto: Alexander John
    Blühende Landschaft östlich der neuen Schule an der Ihmelsstraße. Foto: Alexander John

    „Die Brachfläche hinter dem neuen Campus Ihmelsstraße, die zur Retentionsfläche werden soll, ist aktuell der ökologische Hotspot der Stadt. Man kann sich vor Wildbienen und Hummeln nicht retten“, fasst er seine Eindrücke vom Besuch in dem lange Zeit von Kleingärten dominierten Gebiet, unter dem die Rietzschke unterirdisch abgeführt wird, zusammen.

    So gesehen ein wirklicher Rückgewinn einer wichtigen Retentionsfläche im Gebiet der Östlichen Rietzschke, wie das Umweltdezernat schrieb: „Der vorhandene Entwässerungsgraben Sellerhausen wird offengelegt und leicht geschwungen und mäandrierend als natürliches Gerinne gestaltet. Dieses kann je nach Wasserstand der Östlichen Rietzschke bis zu 50 cm mit Wasser gefüllt sein oder auch über längere Zeiträume trocken liegen. Bei Starkregen und Hochwasser kann das Wasser über die Ufer treten und sich auf der gesamten Fläche ausbreiten und zeitverzögert über Versickerung und Verdunstung in den natürlichen Kreisläufen verbleiben und über das Ablassbauwerk in den Wölbkanal der östlichen Rietzschke eingeleitet werden.“

    Aber wenn man wieder einen der üblichen sauber rasierten Parks drumherum anlegt, so Alexander John, schüttet man wohl wieder das Kind mit dem Bade aus. Denn dann wird ja alles nach Plan so angelegt, dass es vom Grünflächenamt regelmäßig maschinell gepflegt werden kann. Ein artenreiches Biotop wird das nicht.

    Aber augenscheinlich kann eine planende Stadtverwaltung nur so denken. Das Bewahren richtiger artenreicher „Wildnis“ in der Stadt ist nicht gelernt, dafür fehlen die Kompetenzen und Rahmenverordnungen.

    Ein verschonter Raum, in dem die Natur nicht gestört wird?

    „Nach der Umgestaltung wird das nicht mehr der Fall sein, weil die von den Bienen und Hummeln angeflogenen Pflanzen dort zwei- bzw. mehrjährig sind und Blühwiesen in Leipzig jährlich neu angelegt werden“, benennt Alexander John das Problem bei diesem Thema, das ja auch schon bei den klassischen Parkwiesen und dem etwas ungelenken Umgang mit den Blühstreifen aufgetaucht ist. „Man nimmt damit auch in Kauf, dass Insekten nicht überwintern können und mehrjährige Pflanzen gibt es entsprechend nicht.“

    Die Brache ist derzeit noch ein Insektenparadies. Foto: Alexander John
    Die Brache ist derzeit noch ein Insektenparadies. Foto: Alexander John

    Alexander John sieht hier wieder einmal zu viel der menschlichen Gestaltungslust am Werk, bei der am Ende artenarme aber pflegeleichte Parkanlagen entstehen, die aber Insekten keinen Lebensraum bieten.

    „Man könnte die Rietzschke auch entrohren und ein neues Bett geben, ohne die Brachfläche in ihrer ökologischen Vielfalt zu zerstören“, schlägt Alexander John vor.

    Eine öffentliche Debatte im Stadtrat hat es über das 973.000 Euro teure EFRE-Projekt nicht gegeben. Nur der Verwaltungsausschuss hat darüber am 24. Juni entschieden und die Vorlage unverändert beschlossen.

    Warum man die Rietzschke wohl lieber nicht verrohrt hätte und bald wieder freilegen sollte

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    1 KOMMENTAR

    1. Der Beitrag lässt mehr Fragen offen, als er Fakten liefert: wieso hat der BUND sich nicht um sein „Patenkind“ gekümmert; Auenrenaturierung wäre ja an sich gut und beser Hochwasserschutz – wenn entsprechend gemacht; muss es nicht ein richtiges Beteiligungsverfahren geben (UVP?) für die Maßnahme, die ja nicht durch eine „Bürgerbeteiligung a la Leipzig“ ersetzbar ist (dass die für den A… sind, sollte sich nu mal rumgesprochen haben)
      Relevant ist also die Frage: was muss jetzt an Verfahren eingehalten werden und welche Möglichkeiten gibt es dort, das Bestmögliche für alle (im Interesse aller) rauszuholen.
      Und: lieber BUND, wenn das so ein einmaliges Biotop ist, dann sollten sich doch streng geschützte Arten finden lassen, die Eure Spezialisten nachweisen können und womit sowieso erst mal Ruhe ist mit irgendwelchen Plänen vom grünen Reißbrett! Dann nehmt mal Eure Patenschaft ein bisschen ernster als in Sonntagsreden und Newslettern.

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