NABU Leipzig erinnert den Stadtrat daran, dass Klimaschutz und Biologische Vielfalt auch am Wilhelm-Leuschner-Platz zu beachten sind

Für alle LeserAuf der Tagesordnung der Ratsversammlung am heutigen 8. Juli steht auch unter Punkt 21.17 die Vorlage der Verwaltung zum Bebauungsplan Nr. 392 „Wilhelm-Leuschner-Platz“. Eine Vorlage, die auch beim Naturschutzbund (NABU) Leipzig auf heftige Kritik stößt. Denn der Wilhelm-Leuschner-Platz ist ein „Platz der Biologischen Vielfalt“. Die Artenvielfalt bei den Brutvögeln ist auf diesem Areal in der Innenstadt größer als auf vergleichbaren Flächen, so der NABU.
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Der Wildwuchs auf dem Gelände ist aber auch Heimat für andere Tierarten. Mit großer Sorge beobachten Naturschützer, dass diese Oase in Kürze ebenfalls dem Bauboom geopfert werden soll. Seit Beginn der Planungen für den Wilhelm-Leuschner-Platz hat der NABU Leipzig der Stadtverwaltung seine Zusammenarbeit angeboten, um eine möglichst naturverträgliche Nutzung zu erreichen. Bereits 2016 und 2019 hat der NABU Positionspapiere verfasst und umfangreiche Beobachtungsdaten zu geschützten Vogelarten an die Ämter der Stadt Leipzig übergeben.

Der NABU hat auf die naturschutzrechtlichen Konflikte aufmerksam gemacht, die mit der Zerstörung von Lebensstätten geschützter Arten verbunden sind und hat dringend um Auskunft gebeten, wie der räumliche Zusammenhang der innerstädtischen Lebensräume geschützt werden soll, falls die Baupläne am Wilhelm-Leuschner-Platz realisiert werden. Auch die Stadträte hat der NABU 2019 entsprechend informiert und gebeten, bei ihren Entscheidungen als Stadtrat dem Schutz der innerstädtischen Natur das notwendige Gewicht zu geben.

Dabei ist der Wilhelm-Leuschner-Platz nur ein besonders prominentes Beispiel für den fortschreitenden Verlust innerstädtischer Lebensräume, was der NABU Leipzig mit der Datensammlung „Leipzig schrumpft“ seit 2016 verdeutlichen kann. Um zu erreichen, dass Biotop-, Arten- und Klimaschutz bei Bauprojekten berücksichtigt werden, hatte der NABU Leipzig auch eine Petition gestartet, die dem Stadtrat seit März 2020 vorliegt.

Denn augenscheinlich wird in Leipzig nach wie vor nach dem Tabula-rasa-Prinzip gebaut: Vor Baubeginn werden sämtliche Gehölze beseitigt, um Platz für Baumaschinen und Tiefgaragen zu schaffen, die neue Bepflanzung danach kann die verlorenen Rückzugsräume für Tiere und Insekten aber nicht ersetzen, wenn sie überhaupt jemals wieder im alten Umfang nachgepflanzt wird.

„Auf der Tagesordnung des Stadtrates steht nun erneut der Beschluss über die Bebauung des Wilhelm-Leuschner-Platzes. Ausgelöst auch durch die Bemühungen des NABU fanden Überlegungen zum Klima- und Artenschutz vermeintlich Eingang in die Planungen“, stellt René Sievert vom NABU Leipzig fest.

„Von einem wirksamen Artenschutzkonzept kann jedoch noch keine Rede sein.“ Und er appelliert an die Stadträtinnen und Stadträte: „Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass trotz der Bebauung Lebensräume in einem wirksamen räumlichen und ökologischen Zusammenhang erhalten oder zum Ausgleich geschaffen werden!“

Die Kritik-Punkte und Wünsche des NABU am Bebauungsplan für den Wilhelm-Leuschner-Platz:

– Dach- und Fassadenbegrünung sind im Sinne des Klimaschutzes zu begrüßen, sie sind jedoch kein ausreichender Ersatz für den Verlust von Nahrungshabitaten am Boden.

– Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass Nahrungshabitate – wie Bäume, Sträucher, Brachflächen, Sandflächen, Blühflächen und Rasen – auf dem Platz und im Umfeld erhalten oder neu geschaffen werden!

– Nisthilfen für gebäudebewohnende Arten sind ein wichtiger Beitrag zum Schutz dieser Arten. Sie sind aber sinnlos, wenn im Umfelfd nicht auch Nahrungs- und Ruhestätten existieren.

– Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass Nahrungs- und Ruhestätten – wie Bäume, Sträucher, Bäume, Brachflächen, Sandflächen, Blühflächen und Rasen – auf dem Platz und im Umfeld erhalten oder neu geschaffen werden!

– Der Erhalt des vorhandenen Naturinventars muss Vorrang haben vor Ersatzmaßnahmen. Architektur muss sich – insbesondere in Zeiten von Biodiversitäts- und Klimakrise – daran orientieren!

– Bitte sorgen Sie dafür, dass Bauprojekte bevorzugt werden, die vorhandene Natur, insbesondere den Bestand alter Bäume, erhalten.

– Neupflanzungen von Bäumen sind ein notwendiger, aber kein ausreichender Ersatz für die Fällung alter Bäume. Ihre besondere Funktion als Nahrungs-, Ruhe- und Niststätte kann von Neupflanzungen zunächst nicht ersetzt werden. Alte Bäume müssen soweit wie möglich erhalten bleiben!

– Angesichts der Klimakrise und einer angestrebten Mobilitätswende sollte in dem Areal kein individueller Autoverkehr vorgesehen sein. Von Straßen geht für Tiere, die sich ggf. Dank Artenschutzmaßnahmen ansiedeln, ein hohes Tötungsrisiko aus. Die negativen Folgen für Klima und Umwelt kommen hinzu.

– Bitte setzen Sie sich für eine autofreie Entwicklung des Areals ein!

– Häufig gehen Lebensräume, selbst geschützter Arten, verloren, weil es im Vorfeld von Bauarbeiten keine ausreichenden artenschutzfachlichen Untersuchungen gibt.

– Bitte sorgen Sie dafür, dass das Artinventar und die Lebensraumausstattung auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz vor Beginn bauvorbereitender Maßnahmen erfasst und die Artenvielfalt effektiv geschützt wird!

***

„Begrüßenswert ist der Stadtratsbeschluss für ein Artenschutzkonzept für die sogenannte ,Parkstadt Dösen‘, welches derzeit mit Beteiligung der Umweltverbände erarbeitet wird, sagt René Sievert.

„Eine ähnliche Herangehensweise wäre für den Wilhelm-Leuschner-Platz wünschenswert. Der Stadtrat hat auch zu Recht den Klimanotstadt in Leipzig anerkannt. Das bedeutet nach Auffassung des NABU Leipzig, dass alle Maßnahmen, auch die Baupläne auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz, auf Klimaverträglichkeit geprüft werden müssen. Es sind große Anstrengungen nötig, um die Baupläne so zu gestalten, dass sie dem Klimaschutz dienen oder wenigstens klimaneutral sind. Insbesondere müssen Flächenversiegelungen und die Beseitigung einer vitalen Vegetation verhindert werden.“

Nur durch den Erhalt der Lebensräume im Umfeld von Baumaßnahmen könne Leipzig seinem Anspruch als „Kommune der Biologischen Vielfalt“, die nachhaltig wachsen will, und ihrer Verpflichtung zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen gerecht werden.

„Wir sind in diesem Jahrzehnt dem Schutz von Biodiversität und Klima verpflichtet, der Erhalt unserer Lebensgrundlagen darf nicht nur in Sonntagsreden stattfinden, konkretes Handeln in jeder Stadt ist notwendig“, betont Sievert.

„Die Erkenntnis hat sich längst durchgesetzt, um diese Erkenntnisse auch in die Tat umzusetzen, muss jede Chance genutzt werden – zum Beispiel bei Entscheidungen über eine nachhaltige zukunftsfähige Stadtentwicklung.“

Linke beantragen ein Artenschutzkonzept für den Wilhelm-Leuschner-Platz

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